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 literaturkritik.de » Nr. 12, Dezember 2011 » Deutschsprachige Literatur » Rezensionen
 
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Ein Sieg aus einer vergangenen Zeit

Harry Thürk schreibt über die Schlacht von Dien Bien Phu

Von Kai KöhlerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Kai Köhler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Auch zwanzig Jahre nach der deutschen Einigung ist die Literatur weiterhin gespalten. Im Bereich der Hochliteratur haben zwar einige Repräsentanten der DDR ihre Position behaupten können – zu nennen wären Christa Wolf, Volker Braun, Christoph Hein. Wer aber eine Etage unterhalb dieser Ebene arbeitete, hat es schwer. Ein Schriftsteller wie Harry Thürk, der sich bis 1989 einer Millionenauflage und Übersetzungen in mehrere Sprachen erfreuen konnte, bleibt seitdem am Rande des Literaturbetriebs.

Das hatte durchaus auch inhaltliche Gründe. Trotz gelegentlicher Konflikte war klar, dass Thürk grundsätzlich die sozialistische Politik verteidigte. 2005 gestorben, gehört er zur Generation der Schriftsteller in Ost und West, die als Jugendliche von der Endphase des Zweiten Weltkriegs geprägt wurden und deshalb stets den möglichen Zusammenbruch einer Ordnung, das Entstehen eines völlig Neuen im Bewusstsein behielten. Mehr noch als bei Heiner Müller oder als bei Günter Grass als Angehörigem der Waffen-SS blieb sein Werk vom Militärischen bestimmt. Ein Interessenschwerpunkt war dabei Ostasien, wo Thürk ab 1950 den Korea-Krieg erlebt hatte. Reisen nicht nur nach China, sondern auch nach Laos und besonders nach Vietnam brachten ihn immer wieder mit Kriegen in Verbindung.

Der 1988 erstveröffentlichte „Tatsachenroman“ „Dien Bien Phu“ hat die entscheidende Schlacht der ersten Phase des Vietnamkriegs zum Thema. Nach 1945 versuchte Frankreich, als Kolonialmacht die zuvor verlorenen Positionen wieder zu besetzen. Allerdings reichte nach den Verlusten im Zweiten Weltkrieg dazu die Kraft nicht mehr aus, und bis um 1960 war das einst große Imperium in Afrika und Asien verloren. Die Schlacht von Dien Bien Phu ist in der Spätphase des Konflikts in Südostasien anzusiedeln: Grundsätzlich war der Krieg gegen die kommunistischen Partisanen Ho Chi Minhs bereits verloren, doch galt es für die Franzosen, durch eine Offensive eine bessere Verhandlungsposition zu bekommen.

Historische Romane können ihre Spannung nicht durch die Ungewissheit über das Ende beziehen; im Normalfall weiß der Leser, wie es ausgeht, und allenfalls das Schicksal einzelner Figuren ist ihm unbekannt. Ein „Tatsachenroman“ lässt hingegen erwarten, dass es weniger um die Identifikation mit einzelnen Personen geht als um den geschichtlichen Verlauf. Das Genre birgt also Probleme; Thürk vermag indessen die meisten der Schwierigkeiten zu bewältigen.

Zwar müssen seine Figuren manchmal im Dialog Informationen unterbringen, die allein für die Leser bestimmt sind und den Beteiligten des Geschehens zu selbstverständlich waren, als dass man sie hätte formulieren müssen. Auch ist nicht jeder Satz gleichermaßen gelungen. Doch vermag Thürk Spannung aus den Details des Stoffes zu entwickeln. Jede Schlacht stellt in jedem Stadium die Akteure vor Hindernisse, die es zu überwinden gilt. Die gelingenden oder scheiternden Lösungen halten das Leserinteresse wach. Es ist etwas von jener Spannung, wie sie Filme entwickeln, die die Ausführung eines fast perfekt geplanten Einbruchs zeigen.

Das verlangt vom Autor die Kenntnis der Einzelheiten. Thürk beherrscht seinen Stoff derart souverän, dass er strategische und taktische Fragen in ihrer ganzen Vielschichtigkeit auch dem in dieser Hinsicht uninformierten Leser nahebringt. Er vermag seine Sachkenntnis literarisch zu vermitteln – aber es geht ihm nicht um die Demonstration seiner Souveränität.

Die Einbruchsfilme konzentrieren sich auf die Frage, ob technische Mittel und Ideen der Eindringlinge denen der Verteidiger wirklich überlegen sind, und nutzen Spannungsverhältnisse wie alt – jung oder erfahren – unerfahren lediglich zur Steigerung der Identifikation. Thürk hingegen geht es um eine politisch-moralische Forderung, um Antiimperialismus und Antikolonialismus. Von Beginn an verleugnet er nicht, dass er parteiisch ist. Indem die vietnamesischen Kommunisten für eine nationale Befreiung kämpfen, kämpfen sie für eine soziale Befreiung; und wer sie daran hindert, ist Schurke.

Daran ist richtig, dass die Kolonialisten tatsächlich Schurken waren und dass die Vietminh tatsächlich unter großem persönlichen Einsatz für Freiheit und verbesserte Lebensbedingungen der vietnamesischen Bevölkerung kämpften. Wie nationale Selbstbestimmung und soziale Sicherung in Konflikt geraten können, kam 1988 bei Thürk nicht vor. Die Schärfe des Konflikts zeigte sich freilich erst nach Erscheinen des Buches, als die Sowjetunion zusammenbrach und Vietnam sich ohne Unterstützung einer Großmacht auf dem Weltmarkt behaupten musste. Seitdem dominiert nationale Konkurrenzfähigkeit über soziale Absicherung – notwendigerweise, denn letztere muss mit ersterer bezahlt werden. Was daraus entsteht, ist aber weit entfernt von den Hoffnungen der Befreiungskämpfer von 1953/54.

Der inhaltlichen Frage entspricht ein formales Problem des Romans. Thürk geraten die Franzosen weitaus besser als die Vietnamesen. Letztere sind tapfer, mutig, moralisch, lernbereit, aufopferungsfähig, kurz: ein wenig stereotyp. Halbherzige Versuche, ihnen individuelle Züge zu verleihen, wirken recht unentschlossen.

Die Franzosen dagegen treten weitaus profilierter auf. Das gilt nicht nur für einen Hauptmann, der das Verbrecherische des Kolonialkriegs einsieht und (auch durch ein Liebesverhältnis verlockt) die Seiten wechselt. Er mag als Identifikationsfigur durchgehen. Doch auch Henri Navarre als französischer Oberkommandierender für Indochina und René Cogny als sein Untergebener wirken merklich facettenreicher als all jene, die auf der guten Seite kämpften. Thürk hebt die Konflikte zwischen dem abstrakt strategisch denkenden Navarre und dem deutlich realistischeren Cogny hervor, was beide – wohl gegen den Willen des Autors – viel lebendiger als die allzu harmonischen Vietnamesen erscheinen lässt. Er benennt zurecht den Kampf der Vietminh gegen die faschistischen japanischen Besatzer bis 1945, verschweigt hingegen, dass auch die Negativhelden Navarre und Cogny nach der französischen Kapitulation 1940 gegen die Nazis kämpften – Navarre in Nordafrika, Cogny auf dem französischen Festland und dann in deutschen Konzentrationslagern.

Es geht Thürk um einfache Frontlinien. So vernachlässigt er, dass es Antifaschisten waren, die an führender Stelle die französische Kolonialherrschaft retten wollten; und seltsamerweise spielt es auch keine Rolle, dass ihre deutschen Untergebenen in der französischen Fremdenlegion in der Mehrzahl ehemalige Nazis waren, die sich nach 1945 vor lästigen Nachfragen ins ausländische Militär geflüchtet hatten. So wirkt der historische Roman seinerseits historisch, als Erinnerung an eine Zeit, in der nationale Selbstbestimmung einen Wert an sich darzustellen schien. Die Kämpfe im Zerfall der Sowjetunion und Jugoslawiens haben dann gezeigt, wie der Ruf nach Unabhängigkeit auch Banden an die Macht bringt, die einen erträglichen Zentralismus durch hemmungslose Ausplünderung ersetzen. Heute würde man fragen, ob nicht Fremdherrschaft auch eine zivilisierende Funktion haben kann.

Auch war Dien Bien Phu zwar, wie der Untertitel behauptet, eine „Schlacht, die einen Kolonialkrieg beendete“. Doch bildete sie tatsächlich den Übergang zu einem weiteren Krieg, der weitaus mehr Opfer fordern sollte. Der Abzug der Franzosen ging mit dem Auftritt der USA einher, und erst zwanzig Jahre später war ganz Vietnam befreit. Thürk gibt zahlreiche Hinweise auf die bevorstehenden Kämpfe, die seine Leser 1988 natürlich noch im Gedächtnis hatten. Doch steht der Sieg im Vordergrund.

Der „Tatsachenroman“ steht deshalb heute auch für die Erinnerung an eine Zeit, in der ein historischer Fortschritt vorstellbar war. Allein schon als Kontrast zu den gegenwärtigen Kriegen mit ihrer Durchwurstelei, wo man nach einigen Jahren humanitärer Intervention froh ist, wenn nur die etwas weniger schlimme Gaunerbande einen gewissen Aussicht auf Machterhalt hat, ist die Wiederauflage dieses Buchs nützlich.

Titelbild

Harry Thürk: Dien Bien Phu. Die Schlacht, die einen Kolonialkrieg beendete; Tatsachenroman.
Mitteldeutscher Verlag, Halle 2011.
302 Seiten, 14,90 EUR.
ISBN-13: 9783898127516

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Letzte Änderung: 17.11.2011 - 10:43:31
Erschienen am:17.11.2011
Lesungen: 1173
© beim Autor und bei literaturkritik.de
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