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 literaturkritik.de » Nr. 12, Dezember 2011 » Deutschsprachige Literatur » Rezensionen
 
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Keine Zeiten für Wunder

Albert Ostermaiers erster Roman rechnet mit der bayerischen Heimat und Kirche ab

Von Bernhard Walcher

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Man nimmt keine Pointe vorweg, wenn man verrät, dass die zu Beginn des Romans dem Ich-Erzähler nach der Rückkehr von einer Reise in den Jemen von einer zwielichtigen Wunderheilerin gestellte Diagnose, dass er nur noch wenige Monate zu leben habe, sich am Ende als Fehleinschätzung, gar als Manipulation herausstellt. Denn als Leser ahnt man doch schon allzu früh, dass die Vertrauenspersonen in der unmittelbaren Umgebung des jungen, noch nicht 25-jährigen, aus wohlhabenden Verhältnissen und Bayern stammenden Sebastian es nicht allzu gut mit ihm meinen. Erst im letzten Drittel des Romans aber wird sich der autodiegetische Erzähler bewusst, in was für einem Netz aus scheinbarer Freundschaft und Fürsorge er durch seine katholische Erziehung und Sozialisation, durch seine Freundschaft mit dem ominösen und luxusliebenden Abt Silvester gefangen ist.

Die erzählte Zeit des knapp 300 Seiten umfassenden Textes umfasst die Jahre vom Beginn des Zweiten Golfkrieges 1990 bis zur Wiederwahl Helmut Kohls 1991. Die Gegenwart des Ich-Erzählers, die Zeit, in der er sich noch mit dem vermeintlich bevorstehenden Tod auseinandersetzt, wird vielfach durch Rückblenden durchbrochen. Mehr noch: aus dem beschriebenen Milieu, den katholischen Einrichtungen, die der Junge auf dem bayerischen Land wie selbstverständlich durchlaufen und durchlitten hat, der familiäre Hintergrund und die Hoffnungen der Eltern auf den jungen, widerwilligen Jurastudenten als Nachfolger in der eigenen Firma bilden nicht nur die Stationen eines jungen Lebens, sondern erscheinen im Roman auch als Instrumente der Gegenwartsdeutung. Was dem Leser präsentiert wird, ist die Introspektion eines Erzählers, der sich im Nachdenken über seine Herkunft und Verhältnisse – ausgelöst freilich durch die Todesdiagnose – Klarheit zu verschaffen sucht über seine Ziele, Wünsche und darüber, was der Glaube und die Kirche für ihn bedeuten.

Denn nicht wenig Raum nimmt die immer wieder an die Oberfläche dringende Auseinandersetzung mit der Kirche und dem katholischen Glauben ein. Wenn man den Text als Dokumentation einer erschriebenen Emanzipationsgeschichte des jungen Sebastian liest, legen die vielen Passagen, die von den kindlichen Erfahrungen mit der Liturgie und der Kirche berichten, die immer wieder formulierten Bekenntnisse, Glaubensvergewisserungen und Zweifel, die Anziehung durch die Institution Kirche und ihre Vertreter und die Abstoßungsversuche von längst Vertrautem, Heimatlichem nahe, wie schmerzhaft dieser Befreiungsprozess gleichzeitig empfunden wird.

Mehr noch aber als Beispiel des Adoleszenz- und radikalen Anti-Heimat-Romans lässt sich der Text als Selbstaussprache eines Dichters charakterisieren. Denn Sebastian will Schriftsteller werden. Aber auch dieser Wunsch rührt von der Begegnung mit der katholischen Liturgie, vor allem der Osterliturgie her, deren Erlebnis Sebastian als Initationsmoment seiner Leidenschaft für die Sprache in Erinnerung geblieben ist. Der Leser wird also Zeuge eines Abnabelungsprozesses des Ich-Erzählers von Institutionen, Personen und Denkgewohnheiten, mit denen er aber auf fatale Weise verbunden war und ist. Schon die narratologische Darbietung des Erzählten macht deutlich, dass die zunächst als scheinbar fulminante Exposition dienende Todesdiagnose und die Verstrickung der einzelnen Figuren in das Komplott im Roman nur eine untergeordnete Rolle spielen kann, weil es darum – zumindest in erster Linie – nicht geht.

Sebastians Hinwendung zur Schriftstellerei wird daher auch häufig geradezu performativ vorgeführt, wenn in poetischen Bildern Landschaften evoziert und Szenerien beschrieben werden: „Dieser dunkelste Teil Bayerns, dieser Wald in den Köpfen, Zwerge, dieser mythische Grund mit unterirdischen Flüssen und Goldströmen, dieses Stollentreiben in die Finsternis, diese Schwärze, die sie nach oben fördern, die leeren Hände ohne Arbeit, das Bier und BMW, Öds und Ödnisse, der tiefen Himmel.“ Der autobiografische Bezug des Textes zum realen Dichter Ostermaier wird hier und an zahlreichen anderen Stellen nicht nur durch die vergleichbaren Lebensstationen, sondern auch durch die auf den Poeten verweisende Sprache nahegelegt.

Besonders deutlich wird dieses Erzählverfahren in der meist unbeholfenen und bemühten Verbindung von erlebter oder erinnerter Individualgeschichte des Ich-Erzählers und der Zeitgeschichte. Nach dem Bericht von Jugenderlebnissen oder Auseinandersetzungen mit der Diagnose erfährt der Leser völlig unvermittelt von Kampfhandlungen britischer und amerikanischer Divisionen im Irak, nach einer Untersuchung beim Arzt von der Verhaftung Diego Amando Maradonnas wegen Drogenbesitzes. Persönliche Geschichte und Weltgeschichte stehen hier gleichberechtigt nebeneinander, ohne aber poetisch miteinander verbunden zu werden. Gleichwohl sollen sie allerdings in der Figurenperspektive die Weltsicht und Weltaneignung des Ich-Erzählers veranschaulichen. Dennoch mag die Frage erlaubt sein, ob durch solcherart demonstrative erzählerische Abbildung des thematisierten Schreibprozesses und der Weltwahrnehmung eines angehenden Dichters nicht die ästhetische Schlüssigkeit des Textes unter die Räder kommt.

Titelbild

Albert Ostermaier: Schwarze Sonne scheine. Roman.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2011.
288 Seiten, 22,90 EUR.
ISBN-13: 9783518422205

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Letzte Änderung: 14.11.2011 - 16:39:16
Erschienen am:17.11.2011
Lesungen: 1116
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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