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 literaturkritik.de » Nr. 12, Dezember 2011 » Deutschsprachige Literatur » Rezensionen
 
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Zeitgeschichte mit leichter Hand präsentiert

Michel Bergmann erzählt in seinen Romanen „ Die Teilacher“ und „Machloikes“ von jüdischen Schicksalen

Von Ursula HomannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ursula Homann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Michel Bergmann wurde im Jahr 1945 in einem Schweizer Internierungslager geboren, als Sohn jüdischer Eltern, die dem nationalsozialistischen Völkermord mit knapper Not entronnen waren. Zunächst arbeitete Michel Bergmann als Journalist, Drehbuchautor und Regisseur, ehe er sich an seine beiden Bücher „Die Teilacher“ und „Machloikes“ wagte, in denen seine Familiengeschichte indirekt ihren literarischen Niederschlag fand. Sie beginnt mit dem Besuch des jungen Schauspielers Alfred Kleefeld bei seinem Nennonkel David Bermann in einem jüdischen Altersheim in Frankfurt am Main. Dieser hatte vor fünf Jahren im Alter von 70 Jahren seine schöne Wohnung in der Fressgasse aufgeben müssen und war ins jüdische Altersheim gezogen, „an den Arsch der Welt“, wie er sagte. David Bermann war krank geworden und jetzt auf andere angewiesen. Seine kleine Rente als Verfolgter des Naziregimes reichte vorne und hinten nicht. Wenige Monate später – man schreibt das Jahr 1972 – stirbt der Onkel. Der Einstein unter den Teilachern ist tot. Alfred obliegt es nun, Davids Nachlass zu ordnen. Dabei erinnert er sich an die bewegte Lebensgeschichte des Onkels, mit dem seine Mutter liiert war, obwohl sie – eine große blonde nordische üppige Schönheit aus Hamburg-Altona – mit dem kleinen dicken Louis Kleefeld verheiratet war, dem zuliebe sie einst zum Judentum konvertiert war. Später lebte sie mit David eine Zeitlang zusammen.

An einem grauen Januartag wird David ben Jaakov begraben. Viele seiner Freunde waren gekommen: Verständig, Fajinbrot und Szoros. Nach der Beerdigung geht Alfred mit ihnen in ihr Stammcafé und erfährt viele spannende Geschichten aus alten Zeiten. So wie der verstorbene David waren auch die anderen nach dem Krieg Teilacher geworden, nämlich Handelsvertreter für Weißwäsche. Doch im Grunde ist, lässt uns der Autor wissen, das Wort „Teilacher“ jiddischen Ursprungs und deutet auf den Begriff „Hausierer“ hin.

Nicht wenige Teilacher hatten wie David Bermann als einzige ihrer Familien überlebt und waren nach dem Ende des Krieges in ihre Heimatstadt Frankfurt zurückgekehrt, allesamt geprägt durch die Zeit der Verfolgung, wovon nicht nur die tätowierte Nummer auf dem Unterarm zeugte.

Der polnische Jude Max Holzmann hatte nach dem Krieg auch noch das Pogrom von Kielce überstanden. Emil Verständig hatte sich während der Nazizeit in China aufgehalten, und Jankel Lubliner war mit 16 Jahren elternlos nach Frankfurt gekommen. Er hatte in Auschwitz seine Kindheit verloren. Moische Krautberg war dagegen nie über Treblinka hinweggekommen und erhängte sich eines Tages. Aber auch die Jahre vor dem drohenden Weltkrieg waren für jüdische Emigranten alles andere als einfach gewesen. Die galizische Welt, aus der Bermanns Familie kam, wurde schon während des Ersten Weltkrieges und auch danach zerstört, und dann waren die Nazis „wie eine Seuche über das Land“ gekommen. David konnte noch rechtzeitig nach Paris emigrieren und arbeitete dort zuletzt als Teilacher für einen kleinen jüdischen Konfektionär. In der Stadt an der Seine lernte er Herschel Grynszpan kennen, der kurz darauf in der deutschen Botschaft den Legationsrath vom Rath erschoss.

1946 hatten die meisten der displaced persons in den alliierten Besatzungszonen gehofft, nachdem sie die Vernichtungslager und Todesmärsche überlebt hatten, bald in die USA oder nach Palästina auswandern zu können. „Warum seid Ihr geblieben“, will Alfred wissen und erfährt, dass oft die Liebe zu einer Nichtjüdin daran schuld war. Nebenbei erfährt er auch manchen jüdischen Witz. Auf die Frage: „Worin liegt der Unterschied zwischen einem deutschen und einem jüdischen Restaurant?“ wird ihm erklärt, dass dieser darin besteht, „dass man in einem deutschen die Leute essen sieht und reden hört. „In einem jüdischen ist es umgekehrt!“

In Michel Bergmanns erstem Roman „Die Teilacher“, geht es, neben einzelnen Rückblicken, vor allem um jüdisches Leben kurz vor und nach der Währungsreform. Auch in seinem zweiten Buch „Machloikes“ (ebenfalls ein jiddisches Wort, es bedeutet Durcheinander, Zwiespalt, Zwist) verknüpft der Autor subtil mehrere Handlungsstränge miteinander. „Die wilden Jahre waren vorbei“, heißt es zu Beginn, „und langsam beginnen die Wunden zu vernarben. Es gab die Bundesrepublik Deutschland, einen volkstümlichen Bundespräsidenten und einen scharfkantigen Kanzler. Und es gab die Teilacher, die jüdischen Handelsvertreter, die von Tür zu Tür zogen, um den Deutschen Wäschepakte zu verkaufen“.

Alles scheint nun in bester Ordnung zu sein. Doch dann wird Robert Fränkel von einem CIA-Beamten vorgeladen, und damit fangen die Machloikes an. Fränkel soll nämlich erklären, warum sein Name in vielen Akten der SS auftaucht. Dabei hat er im Krieg nur Witze erzählt, die allerdings so gut waren, dass er als geborener Entertainer im Lager ausgewählt wurde, auch Hitler Witze beizubringen. Wozu es allerdings nicht gekommen war. Diese Geschichte jedoch glaubt ihm zunächst niemand.

Nebenbei bringt Michel Bergmann vieles zur Sprache: den Warschauer Prozess im Frühjahr 1947 gegen den ehemaligen SS-Obersturmbannführer Rudolf Höß, der unter Hitler Kommandant des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau gewesen war. Auch unbelehrbare Nazis tauchen auf. Überlebende wiederum lässt die Frage keine Ruhe: Warum habe ausgerechnet ich überlebt und nicht auch mein Bruder oder mein Vater? Angerissen wird ebenfalls die Frage nach der individuellen Schuld der Mitläufer im Nazireich. Nebenbei entwirft der Autor das launige Porträt von einer angeblich typisch jüdischen Mutter und spielt hin und wieder mit Vorurteilen und Versatzstücken des Jiddischen.

Auch mischt er gelegentlich die Lebensläufe seiner fiktiven Personen mit historischen Fakten und Personen auf. Aron Lustig erweist sich als Förderer Alfreds. Andere wiederum begegnen dem Philosophen Theodor W. Adorno in Amorbach. Auch das Klima der 1950er-Jahre wird den Lesern anschaulich nahe gebracht, nicht zuletzt durch Hinweise auf Sartres „Die schmutzigen Hände“ und Hans-Albers-Filme.

Mit leichter Hand präsentiert Michel Bergmann seinen Lesern eine eindrucksvolle Lektion in jüngerer Zeitgeschichte, mit anrührenden kleinen Geschichten und lässt trotz des schwierigen Themas viel Humor mit einfließen, so dass man auf unterhaltsam-ernste Weise mit der deutsch-jüdischen Geschichte konfrontiert wird, obgleich der Autor keinen Zweifel daran lässt, dass die Vernichtung des jüdischen Volkes eine schwere Hypothek für alle Deutschen ist. Die Frage, wie man als Jude nach allem, was passiert ist, in Deutschland weitermachen kann, steht daher auch Mitte der 1950er-Jahre weiter im Raum. Die Juden lebten zwar unter den Deutschen, aber nicht mit ihnen, heißt es an einer Stelle im Buch. Ob sich dies inzwischen geändert hat? Eine Frage, die Bergmanns Bücher an die Leser weitergeben.

Wie groß der Zwiespalt der jüdischen Rückkehrer lange Zeit noch war, macht eine Romanszene besonders deutlich. Als die deutsche Fußballnationalmannschaft 1954 Weltmeister wird, jubeln alle, nur die Teilacher nicht. Sie stehen unter Schock. Hatten die Deutschen den Zweiten Weltkrieg womöglich doch noch gewonnen? Aber dann versuchen sie, das Beste daraus zu machen. Sie bieten „weltmeisterliche“ Preise und nennen ihre Wäschekollektionen „Rahn“ und „Fritz Walter“. Selbst Fränkel hatte großen Erfolg mit seinem Teppichmodell „Bern“.

Titelbild

Michel Bergmann: Machloikes.
Arche Verlag, Zürich 2011.
326 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783716026663

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Letzte Änderung: 17.11.2011 - 10:50:45
Erschienen am:17.11.2011
Lesungen: 1734
© bei der Autorin und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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