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 literaturkritik.de » Nr. 12, Dezember 2011 » Deutschsprachige Literatur » Rezensionen
 
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Inspirierendes Denken

Eckhardt Köhn hat Essays von Karl Wolfskehl aus den Jahren 1927-1936 herausgegeben

Von Friedrich Voit

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Man kennt Karl Wolfskehl heute wohl nur noch als eine halbvergessene Figur aus dem Kreis um Stefan George, den es als Juden nach 1933 ins Exil bis in das europaferne Neuseeland verschlagen hat. Seine bewegenden Briefe, die er nach seiner Flucht aus Deutschland geschrieben hat, sind bekannter als das dichterische Werk, das zunächst im Schatten von George entstand, aus dem Wolfskehl erst im Exil heraustrat mit der Gedichtfolge „Die Stimme spricht“ (1934) und dann dem Zyklus „Hiob oder Die Vier Spiegel“, der erst posthum 1950 erschien. Dass Wolfskehl auch ein bedeutender Essayist und vielgelesener Feuilletonist in den Jahren der Weimarer Republik war, blieb in der Literaturwissenschaft bis heute so gut wie unbekannt.

Nachdem Wolfskehl infolge des Ersten Weltkriegs und der Inflation einen großen Teil seines Vermögens verloren hatte, war er gezwungen, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Als Mitarbeiter und Beiträger veröffentlichte er zwischen 1925 und 1933 in Münchner und führenden deutschen Zeitungen und Zeitschriften hunderte von Aufsätzen. Die meisten seiner meist kurzen Essays sind durch äußere Anlässe angeregt – Veranstaltungen, Gedenktage, Neuerscheinungen oder Radiosendungen – und er schrieb zu den unterschiedlichsten Themen und Gelegenheiten. Selbst eher ephemere Themen wie die seine Eindrücke bei einem „Kinder-Ballett“, Reflexionen über Modephotografie oder ein Aufruf gegen die Ausrottung des Wals „Fahret nur so fort“ sind getragen von seiner polyhistorischen Bildung, seiner Offenheit für Entwicklungen und Neues wie seiner immer wieder überraschenden Assoziationskraft, mit der er selbst im scheinbar Unbedeutenden Bedeutsames aufleuchten lässt. Seine ihm wesentlichen Aufsätze hat Wolfskehl noch selbst in den Bänden „Bild und Gesetz“ (1930) und „Bücher, Bücher, Bücher, Bücher“ (1931) zusammengestellt. Beide Bücher gingen um zusätzliche Essays erweitert ein in den zweiten Band der von Margot Ruben und Claus Victor Bock herausgegebenen „Gesammelten Werke“ (1960), die Margot Ruben 1966 nochmals durch eine Auswahl „Briefe und Aufsätze“ ergänzte. Aus diesen beiden Sammlungen hat Eckhardt Köhn nun eine charakteristische, wenngleich schmale Auslese von 20 Feuilletons und kleineren Aufsätzen zusammengestellt, die – so bleibt zu hoffen – neues Interesse für den Essayisten Wolfskehl wecken möchte. Kenntnisreich wird hier eine Einführung in ein noch immer inspirierendes Denken geboten, so in dem wunderbaren Titelaufsatz „Lebensluft“ mit der Reflexion über die Aura, die jedes Lebewesen und Ding umgibt und erhält, oder das Plädoyer für die den Augenblick, den Zufall in „Spielraum“, denn – so Wolfskehl – „ohne ein bißchen Unverhofft kann Leben nicht gedeihen.“

Seine Gedanken über die „Metaphysik des Clowns“ und „Zur Psychologie des Zirkus“ haben nichts an Frische eingebüßt und „Der Kampf ums gute Essen“ empfiehlt sich heute als Antidot gegen die Monotonie der Fernseh-Kochsendungen und -wettbewerbe unserer Zeit. Fast die Hälfte der Aufsätze lassen den großen Bibliophilen Wolfskehl aufleben, für den das Sammeln von Büchern lebendiger und vergnüglicher Umgang und Pflege der Vergangenheit beinhaltete. Dabei bemaß sich für ihn der wahre Wert eine Sammlung nicht so sehr an der Anzahl teurer Raritäten, sondern an dem sich in ihr – selbst im scheinbar Wert- oder Bedeutungslosen (etwa alte Volkskalender, Broschüren oder Gebrauchstexte wie Bibeln und Gebetbücher) – erweisenden geschichtsbewussten Kenntnisreichtum. „Was war, west weiter, so es aber nicht mehr gesehen wird und gehegt, nicht mehr würzig einströmt, zersetzt es sich, wird Gespenst, würgender, vampyrischer Nachtmahr“ („Beruf und Berufung der Bibliophilie in unserer Zeit“).

In seinem vorzüglichen Nachwort weist Eckhardt Köhn auf die Besonderheit der Wolfskehl’schen Essayistik hin. Ihre Stärke liegt nicht in der argumentierenden Darlegung, sondern ergibt sich aus der Art ihrer Formulierung. Es sind diktierte Texte, was sich auch in ihrem Gestus ausdrückt, der von Wolfskehls von Zeitgenossen immer wieder gerühmten „Wortmächtigkeit bei lebendiger Rede“ (Köhn) geprägt ist. Seine Essays entwickelte er meist von einer These her, die sie einleiten, und er führte dann seinen Gedankengang gleichsam als Monolog vor seinen Lesern aus. Dabei liegt der Reiz seiner Texte nicht zuletzt in seiner Fähigkeit zu bildhaften und evokativen Prägung, die „ihre bloß deskriptive Funktion transzendiert“ (Köhn). Ein Charakteristikum, das seine Prosa mit seiner Dichtung teilt.

Der sorgfältig edierte und typografisch schön gestaltetet Band darf, dafür ist dem Verlag zu danken, als eine Hommage an den Autor angesehen werden.

Titelbild

Karl Wolfskehl: Lebensluft oder Ein Vormittag bei Hermes. Essais aus den Jahren 1927-1936.
Herausgegeben von Eckhardt Köhn.
Das Arsenal, Berlin 2011.
147 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783921810569

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Letzte Änderung: 23.11.2011 - 16:00:33
Erschienen am:05.12.2011
Lesungen: 1170
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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