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 literaturkritik.de » Nr. 12, Dezember 2011 » Literaturwissenschaft
 
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Die Herausgeberinnen Alina Mazilu, Medana Weident und Irina Wolf porträtieren mit einem Sammelband das rumänische Theater nach 1989

Von Anke PfeiferRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anke Pfeifer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Während der zeitgenössische rumänische Film durch internationale Preise in den letzten Jahren weltweit für Furore sorgte, stehen die anderen Künste – und das liegt gewiss auch am Grad der Medienwirksamkeit – nicht so sehr im Rampenlicht. Was die Dramatik Rumäniens anbelangt, dürfte Theaterfans jedoch zumindest Gianina Cărbunariu ein Begriff sein, wurden doch mehrere ihrer Stücke (unter anderem „Kebab“ und „Spargel“) auf deutschsprachigen Bühnen aufgeführt. Dabei bestehen gerade zwischen Film und Theater Synergien, wie der vorliegende informative Band zeigt. So schrieb der Schauspieler Gabriel Pintilei das Theaterstück „Elevator“ sowie das Drehbuch für den gleichnamigen unter anderem in den USA und Australien preisgekrönten Kinofilm. Ebenso verfasste Andreea Vălean ausgehend von ihren Theaterstücken Filmbücher, zum Teil für „Wie ich das Ende der Welt verbrachte“. Neben solch personellen Verknüpfungen ist es vor allem aber der beträchtliche, Krisen aller Art trotzende Aufwind beider Kunstgattungen im letzten Jahrzehnt, die diese Sparten gemeinsam haben.

Die drei Herausgeberinnen Alina Mazilu, Medana Weident, Irina Wolf – erstere derzeit als Dramaturgin am Nationaltheater „Radu Stanca“ in Sibiu/Hermannstadt, die beiden anderen als Redakteurinnen mit Schwerpunkt Kultur in Deutschland beziehungsweise Österreich tätig – haben sich mit dem Band zum Ziel gesetzt, die Leistungen des rumänischen Theaters jenseits seiner Landesgrenzen bekannter zu machen. In Zeiten intensiver internationaler Austausch- und Kooperationsprozesse im Theaterbereich stellt sich dies als sinnvolles Anliegen dar, stammt die letzte – und wohl auch einzige – deutschsprachige Monografie zur rumänischen Dramatik doch aus dem Jahre 1979.

Der vorliegenden Sammelband stellt allerdings keine systematische Abhandlung dar, sondern präsentiert ein facettenreiches Spektrum von Beiträgen mit Blick auf Stücke, Inszenierungen, Institutionen, Akteure, Kooperationen, die übersichtlich in sechs Schwerpunkte gruppiert Überblicksdarstellungen zur Entwicklung des Theaterlebens der letzten zwanzig Jahre, Essays und Analysen zu Einzelaspekten sowie Präsentationen einzelner Künstler (vor allem Regisseure und Dramatiker) bieten. Ein Komplex ist der Theaterlandschaft und ihren Spielstätten in Städten wie Bukarest, Sibiu/Herrmannstadt, Cluj/Klausenburg, Timişoara/Temeswar gewidmet. Die Rubrik „Typische Merkmale der rumänischen Theaterszene“ versammelt Aufsätze und ein Interview unter anderem zu Theaterfestivals, Theaterpublikationen, zum Bühnenbild, zur jungen Dramatikergeneration und zu ausländischen Einflüssen. Wie der Untertitel verrät, wird von den Herausgeberinnen hinsichtlich internationaler Kooperationen dem Austausch mit dem deutschsprachigen Theater besonderes Augenmerk geschenkt. In einem Extrakapitel werden in mehreren Beiträgen die diesbezüglich vielfältigen Initiativen vor allem Wiener Theater mit Blick auf Rumänien vorgestellt. So gibt es in Wien wohl das einzige Theater jenseits der Grenzen mit regelmäßigen rumänischsprachigen Aufführungen.

Verfasst wurden die Texte von den Herausgeberinnen selbst sowie von 24 Theaterwissenschaftler und Theaterkritiker aus Rumänien, der Moldauischen Republik, Frankreich und Österreich, darunter zahlreichen jüngeren Autoren. Auch die Akteure selbst, wie Dramaturgen und Schauspieler, kommen, zum Teil in Interviews, direkt zu Wort, sodass mittels Außen- und Innensicht der Gegenstand multiperspektivisch betrachtet wird. Überschneidungen und Wiederholungen lassen sich da nicht vermeiden, lenken aber ihrerseits auf bedeutende Akteure und Gesichtspunkte hin.

Hier soll versucht werden, die wichtigsten Befunde, deren Erörterung sich durch den gesamten Band zieht, zusammenzufassen: Nach dem Umbruch in Rumänien Ende 1989 hatte das dortige Theater als „Refugium, […] Ort der Solidarität und Reflexion“ seine Kommunikationsbasis mit dem Publikum, die heimliche Verständigung über die Gesellschaft, verloren und fiel zunächst in ein Vakuum. In den ersten Jahren waren es häufig zurückgekehrte Emigranten, die dem Theaterleben neue Impulse verliehen. Für die Zeit um die Jahrtausendwende wird eine Zäsur gesetzt: Seitdem hat sich eine neue und junge, gut ausgebildete Generation durchgesetzt, die sich dem politischen und sozial engagierten Theater zuwendet und sich mit der jüngeren rumänischen Geschichte wie mit brisanten Problemen der Gegenwart, unter anderem Identitäts- und Zukunftssuche oder Migration, auseinandersetzt. So sind neben der Aufführung nationaler und internationaler Theaterklassiker zunehmend neue Stücke zu sehen, die gesellschaftlich relevante Funktionen wahrnehmen. Der alleinigen Existenz von Staatstheatern machen seit Ende der 1990er-Jahre zunehmend freie Theatergruppen und Bühnen Konkurrenz, die sich häufig dem experimentellen Theater – oft auf kleinen Bühnen oder an ungewöhnlichen Spielstätten – verschrieben haben. Kennzeichnend ist auch der Trend zum multimedialen und interaktiven Theater. Im Rahmen von Inszenierungen mutiert der Dramatiker immer häufiger vom Stückeschreiber zum Teamplayer. Eine besonders anregende Rolle für die Entwicklung der einheimischen Theaterszene spielen nationale und internationale Theaterfestivals sowie Projekte wie der dramAcum-Wettbewerb zur Entdeckung neuer Autoren und Theaterpartnerschaften. Immer wieder unterstrichen wird die als notwendig erachtete – nachholende – Orientierung an der westlichen Theaterkunst, die allerdings die Gefahr von oberflächlicher Imitation birgt, eine Problematik, die die rumänische Kultur insgesamt seit langer Zeit kontrovers beschäftigt. Mit eigenen Themen, dem dokumentarischen Ansatz einer Gianina Cărbunariu oder einer spezifischen Bildhaftigkeit könnte das rumänische Theater hier möglicherweise Eigenes in die internationale Theaterwelt einbringen.

An Problemen werden etwa mangelnde Profilierung der Theater, unflexible und hierarchische Theaterorganisation, Defiziten bei Bühnentechnik und Bühnenbild thematisiert. Ausführlich wird auf die Leistungen des ungarisch-, deutsch- beziehungsweise jüdischsprachigen Theaters in Rumänien eingegangen und aufgezeigt, wie auf den teilweisen Mangel an muttersprachlichen Akteuren und Publikum vor Ort reagiert wird. In der moldauischen Theaterlandschaft verläuft eine scharfe Grenze zwischen alter und junger Generation; Nicoleta Esinencu als Vertreterin der letzteren hat sich mit ihren realitätsbezogenen Stücken im Ausland einen Namen gemacht. Von ihrer Berufskollegin Nelega aus dem rumänischen Târgu Mureş wird sie gar für die rumänische Theaterkultur vereinnahmt.

Die einzelnen Beiträge sind durchaus heterogen. Dies betrifft sowohl die Qualität der Übersetzungen als auch die der Textinhalte. So sind jene, allerdings wenige Aufsätze, die sich vorrangig in lobenden Aufzählungen von Namen und Stücken erschöpfen, zwar informativ, aber in der Lektüre ermüdend. Erfahrungsberichte wechseln mit wissenschaftlichen Untersuchungen ab. Besonders aussagekräftig und differenziert sind die analytischen Studien zum Beispiel zu Matei Vişniec, Alina Nelega, Radu Afrim oder Mihaela Michailov und ihrem Schaffen.

Einige Beiträge erschienen bereits in der Online-Kulturzeitschrift Aurora-Magazin, Ausgabe 12/2008 und wurden hierfür aktualisiert. Ein Index, in dem leider längst nicht alle Namen aus den Texten aufgeführt sind, sowie Szenenfotos ergänzen den Band.

Für Interessierte gibt es auch Hinweise auf Online-Theater- und Kulturzeitschriften, allerdings sind dafür rumänische Sprachkenntnisse erforderlich, eine Hürde, die für Theateraufführungen inzwischen durch Simultanübersetzung durchaus genommen wird. Insgesamt ist eine umfassende und anregende Präsentation des Theaterlebens in Rumänien gelungen, sodass dem Band nun zahlreiche Leser zu wünschen sind.

Titelbild

Alina Mazilu / Medana Weident / Irina Wolf (Hg.): Das rumänische Theater nach 1989. Seine Beziehungen zum deutschsprachigen Raum.
Frank & Timme Verlag, Berlin 2011.
441 Seiten, 39,80 EUR.
ISBN-13: 9783865962904

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Letzte Änderung: 28.11.2011 - 23:24:12
Erschienen am:28.11.2011
Lesungen: 1235
© bei der Autorin und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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