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 literaturkritik.de » Nr. 12, Dezember 2011 » Deutschsprachige Literatur » Rezensionen
 
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„… wir werden untergehen, wenn sich nichts ändert“

In Jan Brandts voluminösem Debütroman „Gegen die Welt“ wird ein Dorf unters Mikroskop gelegt und eine Welt kommt an ihr Ende

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Jan Brandts voluminöser Debütroman „Gegen die Welt“ beginnt und endet mit drei leeren Blättern. Als müsste der Erzähler erst einmal tief Luft holen, ehe er sich auf die 927 Seiten lange Strecke macht. Durchatmen und Mut fassen, sich sammeln, die Gedanken fokussieren auf jenes kleine ostfriesische Dorf namens Jericho, in das er seine Leser anschließend mitnimmt, bewusst riskierend, dass sich natürlich Assoziationen zur Bibel und zu jenem mecklenburgischen Jerichow einstellen, an das Uwe Johnsons Gesine Cresspahl sich in New York erinnert. Brandt selbst, geboren in Leer, wuchs in dem nahe seiner Geburtsstadt gelegenen Dorf Ihrhove auf, ein Name, der über das Plattdeutsche Jirov von den Einwohnern dann zu Jericho verschliffen wurde, wie der Autor in einem Interview erzählt – Autobiografisches dürfte sich in der Stoffmasse des Romans also ebenfalls genug finden. Und vielleicht markieren die sechs nummerierten, schneeweißen Seiten, mit denen der Text anhebt, auch das Niemandsland zwischen der Realität und einem Ort der Fiktion, der zwar in jener wurzelt, aber längst nicht in ihr aufgeht.

Hat man die Eingangsseiten jedenfalls – und hoffentlich mit der notwendigen Ruhe und Nachdenklichkeit – umgeblättert, gerät man unversehens mitten hinein in das Leben eines nordwestdeutschen Dorfes in den 1980er- und 1990er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Mit allen seinen Façetten, wobei die Betonung auf „allen“ liegt. Denn Jan Brandt legt die paar Straßen, die Schule, die Kirche, die Drogerie, den Bahndamm und was es sonst noch hat an Orten, wo Menschen aufeinandertreffen, unter ein erzählerisches Elektronenmikroskop und versucht, noch dem kleinsten Stäubchen am Rande des Bildes gerecht zu werden. Protokolliert Gespräche, in denen es um wenig bis nichts geht, horcht hinein in Skatrunden und den Kommunionsunterricht, beschreibt die kleinen Gemeinheiten auf dem Schulhof genauso ausführlich wie die großen Samstagabendshows im Fernsehen, vermischt das Ganze mit der Erinnerung an die Popmusik, mit der seine Generation groß wurde, und vergisst weder Tschernobyl noch J. R. Ewing.

Im Zentrum des Romans steht der heranwachsende Daniel Kuper, Sohn des Drogisten Bernhard Kuper und von Beginn an nicht passend in die kleine Welt dieses Fleckens. Verträumt, fantasievoll und voller wunderlicher Ideen steckend, ist er der ideale Außenseiter, den die Gemeinschaft braucht, um ihm alles aufzuladen, was unerklärlich ist und aus der Ordnung fällt. Aber um Daniel und seine Eltern und Geschwister herum lässt der Autor auch die anderen Bewohner Jerichos aufmarschieren – die, die im Dorf etwas zu sagen haben wie der Bauunternehmer Johann Rosing, Pastor Meinders oder der Ladenkettenbesitzer Klaus Neemann alias Superneemann, und die, welche nur am Rande mitlaufen, aber eben auch dazugehören, ohne die das Bild nicht vollständig wäre. Doch Vollständigkeit kommt in diesem Buch fast der Rang eines poetischen Programms zu – deshalb die vielen Aufzählungen, all die oft über mehrere Seiten sich hinziehenden Listen: von den Artikeln in den Regalen der Kuper’schen Drogerie, von den Dingen, die Bernhard Kuper auf dem Dachboden seines Häuschens lagert, von den Jerichoer Geschäften und ihren Besitzern sowie von den Teilnehmenden an einer Wahlkampfveranstaltung, auf der es um die Zukunft des Gemeinwesens geht.

Seine ungeheure Detailversessenheit, der nahezu Breughel’sche Zugriff des Textes auf sein Sujet, vermag freilich letzten Endes nicht darüber hinwegzutäuschen, dass die Welt Jerichos im Niedergang begriffen ist. Von überallher drängt es heran und untergräbt nach und nach das über Jahrhunderte Gefügte. Kupers Drogerie droht ihren Existenzkampf gegen den Schlecker-Konzern zu verlieren. Der Dorfpfarrer sieht sich dem Skeptizismus der nachwachsenden Generationen gegenüber. Und der ganze Ort wird durch Hakenkreuze verschandelt, die eines Nachts an einigen Häusern erscheinen und sich später wie eine Seuche immer weiter verbreiten und nach Einbruch der Dunkelheit zu leuchten beginnen.

In dieser Atmosphäre normal zu bleiben, scheint beinahe unmöglich. Und wer einmal zum Sündenbock gestempelt wurde, der ist es sein Leben lang. Wundert sich der Leser deshalb anfangs noch, wenn der erste Romanteil mit einem Brief an Bundeskanzler Schröder anhebt, in dem dieser vor der Unterwanderung der Erdbevölkerung durch Außerirdische gewarnt wird, die ausgerechnet in Jericho ihren Anfang nehmen soll, so versteht er später schnell, dass es kaum eine Person in dem Ort gibt, die in dem Sinne noch sie selbst wäre, dass ihr Leben sich tatsächlich so entwickelt hätte, wie es einst von ihr gewünscht, erhofft, geplant, vorausgeträumt wurde.

Jene Zombies, deren endgültige Ankunft das Schreiben für den 19. 09. 1999 prophezeit – in Wahrheit sind sie längst da, verstecken sich hinter den biederen Mienen all jener in ihrer Entwicklung steckengebliebenen, biederen Gemeindemitglieder. Jeder Jerichoer Bürger hat sich den im Ort herrschenden Realitäten seit Langem angepasst, spielt seine Rolle, in die er über Jahrzehnte hineingewachsen ist, oder besser: von den anderen hineingedrängt wurde, aber kaum einer geht wirklich in dieser Rolle auf. Ehen funktionieren, weil Ehen eben zu funktionieren haben. Dass sie Sehnsuchtsgräber sind, wissen nur die, die darin liegen. Und wenn ausgerechnet der rechtsradikale Bauunternehmer Rosing am Ende zum politischen Hoffnungsträger von Jericho avanciert, so spricht dies ebenfalls eine deutliche Sprache.

„Gegen die Welt“ setzt eine gewaltige Erinnerungsmaschine in Gang, die präzise im Detail sein mag, ohne dass es ihr freilich gelänge, der heraufbeschworenen Realität ein Denkmal zu setzen. Letzteres dürfte freilich auch nicht die Ambition des Autors gewesen sein. Schon der Romantitel beinhaltet ja eine große Distanz zum Beschriebenen, legt nahe, dass der Leser es eher mit einer Kampfansage an jene Welt als mit ihrer Verteidigung zu tun bekommen wird. Folgerichtig findet sich auch keine Figur, der man mit uneingeschränkter Sympathie begegnen könnte. Selbst Daniel Kuper, dem am Anfang übel mitgespielt wird und der für eine Weile zum Wunderkind mutiert, lädt schließlich schwere Schuld auf sich. Er ist dabei, als Jugendliche einen der Ihren demütigen und in den Tod treiben, eine Tat, die ihn bis zum Ende schwer belasten wird.

Jan Brandts Roman stellt ein Debüt dar, wie man ihm nur noch selten in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur begegnet. Hier will tatsächlich einer alles sagen über seinen Gegenstand. Und da es sich bei diesem im weitesten Sinne um eine Welt im Kleinen handelt, in der sich die im Großen spiegeln soll, betreibt er entsprechenden Aufwand – inhaltlich wie bei den formalen Mitteln, die er einsetzt. Das nimmt den Leser auf der einen Seite für diesen jungen Autor (Jahrgang 1974) ein, lässt einen gelegentlich während der Lektüre aber auch verzweifeln. Im Grunde nämlich stecken viele Bücher in diesem einen, Romane und Erzählungen, Novellen und Anekdoten, ein wenig Science Fiction und viel, viel erdenschwerer Realismus.

Und eine letzte Bemerkung: Brandts Buch spielt zu einem Gutteil während der Zeit der deutsch-deutschen Wiedervereinigung, diese hier verstanden als historischer Prozess, der seit dem Ende der 1980er-Jahre bis heute anhält, und nicht als Datum eines administrativen Akts, der jährlich abgefeiert wird. Von den Ereignissen der Transformationszeit spürt man freilich auf den vorliegenden, fast Tausend Seiten wenig. Ganze drei Mal dringen Signale aus dem Osten der Republik ins nordwestdeutsche Flachland vor. Die große Chance für Ost und West, die im Niedergang des politischen Systems im Osten verborgen liegt, begreift man in Brandts Jericho hauptsächlich ökonomisch im Sinne des Zugewinns von Absatzgebieten. Den Roman deshalb auch als Zeugnis der in den alten Bundesländern vorherrschenden Ignoranz gegenüber der plötzlich gegebenen Chance für einen kompletten Neubeginn zu lesen, dürfte deshalb so falsch nicht sein.

Titelbild

Jan Brandt: Gegen die Welt. Roman.
DuMont Buchverlag, Köln 2011.
927 Seiten, 22,99 EUR.
ISBN-13: 9783832196288

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 literaturkritik.de » Nr. 12, Dezember 2011 » Deutschsprachige Literatur » Rezensionen
 

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Letzte Änderung: 28.11.2011 - 23:32:57
Erschienen am:28.11.2011
Lesungen: 1536
© beim Autor und bei literaturkritik.de
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