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 literaturkritik.de » Nr. 12, Dezember 2011 » Deutschsprachige Literatur » Rezensionen
 
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Red Light District Psyche

Die Anthologie „Porno“ bietet zehn Exempel literarischer Entblößung

Von Veit Justus RollmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Veit Justus Rollmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das Wort Porno auf einem Buchtitel, der in einem Kontext präsentiert wird, in dem man keinen Heftchenschund, sondern literarisch hoch ambitionierte Produktion erwartet, weckt Interesse. Nicht aus unverhohlenem Voyeurismus, sondern in Form eines spontanen Ablehnungsreflexes. Nicht schon wieder! Als Afficionado in amouröser Distanz zur fleischfarbenen Seite der Entertainment-Industrie fürchtet man, es mit einer der folgenden Alternativen zu tun zu haben: Möglichkeit eins. Eine aus marktwirtschaftlicher Sicht äußerst gelungene, gezielte Provokation durch nach wie vor tabuisierte Begriffe; ein Panoptikum des Ekelhaften zum Zweck der inflationären Steigerung der Verkaufszahlen und derlei strategische Roch(e)aden.

Möglichkeit zwei. Der holprige Versuch, sich eines Phänomens mit den Mitteln der Ästhetik zu nähern, das (Kant lässt treffend grüßen) gar keine Kunst ist oder sein will. Wer Porno verkostet, hat kein interesseloses Interesse an reiner Schönheit, sondern ist hochgradig interessiert – um nicht zu sagen geil – auf dasjenige, was dem Sinn in der Berührung gefällt. Grausige Erinnerungen an Filmseminare zum Thema Porno, in denen man – die Entwicklung des Genres und seiner technischen Möglichkeitsbedingungen ignorierend – haarigen Muff unsäglicher Lederhosen-Filme mit dem Gestus des Ingmar – Bergmann – Fans einatmete.

All dies war nur dem Umstand geschuldet, noch keinen der kleinen, dreisten, mit mächtig spitzer Feder verfassten Bände der Reihe Moderne Nerven der Herausgeberin und Mittäterin Ela Angerer gelesen zu haben. Soviel vorab: Diese Unterlassung sollte man spornstreichs aus der Welt schaffen.

Das kleine Bändchen, welches man ob seiner zwar lustigen, aber dennoch obszönen, teils wohldosiert perversen Abbildungen wegen nur deshalb in der Straßenbahn lesen kann, weil man es dank seiner geringen Dicke so zusammenrollen und verbiegen kann, dass niemand mehr Anstoß oder Schaden nimmt, versammelt namhafte Vertreter der schreibenden Avantgarde. Was sie in den zehn Geschichten vorlegen, ist literarischer Exhibitionismus vom Feinsten. Eine intime Zurschaustellung von Sehnsüchten, Begierden und manchmal sehr kranken und schwer verhaltensgestörten Fantasien. Die Geschichten kreisen um Pornografie, vor allem aber um Sex: Allein, beim „mit sich Hochzeit feiern“ (so Robert Palfrader in seinem enthusiastischen und glaubwürdigen Plädoyer für freies, unverkrampftes Wichsen, nach dessen Lektüre man sogar einen Erkenntniszuwachs in Sachen Hegel’scher Terminologie zu konstatieren vermag); zu zweit (etwa Michael Leon, bei dem man auch des schallenden Gelächters wegen ein öffentliches Ärgernis zu erregen Gefahr läuft), mit vielen Unbekannten (Melanie Kretschmann) oder im Rudel (Thomas Draschan, dessen Tagebucheinträge übrigens jede der vorgenannten Kategorien zu bedienen vermögen; hier ist Porno wirklich Porno).

Die Autoren schwadronieren beim Bio-Bier in schweinischer Gemütlichkeit (Christopher Just). Sie erleben sich als Stalking Opfer, die vor der schamlosen Geilheit zeigefreudiger Nachbarn ins dunkle Gefängnis und Refugium ihrer Wohnung flüchten, bis ihnen der finale Befreiungsschlag gelingt, der einem Orgasmus gleich erlebt wird (Julya Rabinowich). Sie kosten in ganz und gar nicht platonischer Dialogform (Thomas Glavinic), oder in lyrischem Maß die Wonnen der Devotion und der Selbstbefreiung durch Selbstversklavung („Ist hier mein Ort, mein Frieden? / Nackt knie ich vor ihr“, Philipp Hochmair) und blicken träumend in Abgründe voll Sodomie und abscheulicher Sadismen (Barbi Markovic).

Allen zehn Autorinnen und Autoren ist eines gemein: Sie wissen, dass „miteinander Schlafen“ eine Lüge, „Ficken“, „Pudern“, „Vögeln“, „Bumsen“, „einen Wegstecken“ hingegen die Wahrheit ist. Sex ist nicht mit Weichzeichner getränkt, sondern trieft von und riecht nach Schweiß, Sperma, Vaginalsekret, Latex und gelegentlich auch nach Blut, Urin, Fäkalien oder Kotze. Porno ist eine provozierende Produktion. Provokant ist sie wegen ihrer schonungslosen Ehrlichkeit, wofür alle Beteiligten den Respekt, den die Herausgeberin im Vorwort reklamiert, verdienen. Einzig der Text von Joachim Lottmann fällt ein wenig aus dem – wenngleich weit gesteckten – Rahmen des Erzählbandes. Zu journalistisch, essayistisch, dabei zu wirr in den Thesen, was den Rezensenten aber nicht davon abhält, abschließend eine Stelle aus Lottmanns ganz eigenem Porno zu zitieren. Selten hat man pädagogische Befürchtungen hinsichtlich des erwachenden Sexus von Schülern derart drastisch-plastisch beschrieben gefunden: „Die Lehrer tun so, als sei der erste Mensch, mit dem die Kleinen auf Klassenpartys knutschen, ein älterer Wanderarbeiter aus Simbabwe, der schon mehreren Hundert afrikanischen Frauen, viele davon krank und geschwächt, den Hintern durchbohrt hat.“ Dem bleibt nichts hinzuzufügen. Let there be Porn!

Titelbild

Ela Angerer (Hg.): Porno.
Czernin Verlag, Wien 2011.
117 Seiten, 9,90 EUR.
ISBN-13: 9783707603835

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 literaturkritik.de » Nr. 12, Dezember 2011 » Deutschsprachige Literatur » Rezensionen
 

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Letzte Änderung: 28.11.2011 - 23:26:56
Erschienen am:28.11.2011
Lesungen: 1853
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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