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 literaturkritik.de » Nr. 12, Dezember 2011 » Schwerpunkt: Kapitalismus » Rezensionen
 
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Marx auf Umwegen

Bernd Ternes Einführung zu Karl Marx führt den Leser auf verschlungene Pfade

Von Manuel Bauer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Was soll dieser Marx nicht alles gesagt haben! Die Liste seiner hochrangigen Bewunderer ist ebenso prominent besetzt wie der Missbrauch seiner Gedanken zu diktatorischen Terrorakten abscheulich ist. Dem ‚realexistierenden Sozialismus‘ war er eine messianische Gestalt, deren Worte immerwährenden Wahrheiten gleichkamen, „linken“ Denkansätzen verschiedenster Prägung war er stets ein willkommener Stichwortgeber. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks hingegen wurde er zum ‚toten Hund‘ erklärt, dessen schwer verständliche Schriften allenfalls von historischem Interesse sein könnten. Dem wiederum stehen zahlreiche Neuentdeckungen, Renaissancen und Wiederbelebungen gegenüber. Das Schreckensgespenst bürgerlich-kapitalistischer Weltordnungen hat längst nicht ausgedient. Noch immer vermag Marxens weitschweifiges Denken neue Betrachtungen scheinbar sankrosankter ökonomischer ‚Wahrheiten‘ zu provozieren. Bislang hat noch jede neue Generation alternativ denkender und theoretisch interessierter junger Menschen in Marx, wie verdünnt und vermittelt auch immer, einen Schutzpatron und die philosophische Legitimation diffus empfundener Ungerechtigkeit gefunden. Gut denkbar, dass es bald den „Kapital“-Reader für die Bedürfnisse der Occupy-Bewegung gibt.

Eine unbefangene Rezeption eines solchen Autors, der wie wohl kein anderer seine Spuren im politischen und ökonomischen Denken der letzten 150 Jahre hinterließ, ist kaum möglich. Zusätzlich erschwert wird die Beschäftigung mit diesem Denker durch die schier überwältigende Textmenge, die er teils allein, teils gemeinsam mit Friedrich Engels produziert hat. Wo beginnen? Direkt mit den theoretisch enorm anspruchsvollen und ausladenden Bänden des „Kapitals“? Mit der „Deutschen Ideologie“, die sich mit Autoren auseinandersetzt, die heute kaum noch ein Leser kennt, der nicht die politische Theorie des 19. Jahrhunderts erforscht? Mit dem glänzend geschriebenen „Manifest der kommunistischen Partei“, der wohl einflussreichsten Kampfschrift der Menschheitsgeschichte? Oder an ganz anderer Stelle?

Es erscheint ratsam, wenn nicht unumgänglich, die Erkundung dieses Riesenwerks nicht ohne einen ortskundigen Führer zu unternehmen, der gleichermaßen Schneisen in Marxens Gesamtwerk, seine wichtigsten Gedanken und in dessen Rezeptionsgeschichte zu schlagen weiß. Die Einführung von Bernd Ternes versucht genau das zu leisten.

Da aber jeder dieser drei Bereiche ein eigenständiges Buch legitimeren würde, ist auch schon ein erstes Problem von Ternes’ Einführung benannt. Indem auf zu vielen Feldern versucht wird, Grundlegendes zu leisten, wird bisweilen nur schwer ersichtlich, was überhaupt grundlegend ist. Einerseits nimmt Ternes „das allgemeine ästhetische, rhetorische, mediale Comeback von Marx in der Rezeption“ in den Blick, zum anderen will er ein „warm-up für eine weitergehende Beschäftigung mit Marx’ Werk“ bieten. Dabei legt Ternes Wert darauf, sich nicht in bestehende Traditionslinien der Marx-Rezeption einzureihen. Es ist kein Zufall, dass er sich des Öfteren auf Jacques Derridas Marx-Lektüre und damit auf einen Denker, dem Traditionen immer suspekt waren, beruft.

Die zu lang geratene Einleitung sucht sich Marx auf Umwegen zu nähern, indem immer wieder Phänomene der Rezeption, aber auch die Ansätze einer „kulturistischen Sichtweise des Marx’schen Theorieunternehmens“ diskutiert werden. Darauf folgt ein immerhin fast 30 Seiten starkes biografisches Kapitel. Doch auch danach ist die Einführung noch nicht bei Marxens Texten angekommen, sondern geht abermals auf Rezeptionshorizonte ein. Hinzu kommen unerlässliche Ausführungen zu denkgeschichtlichen Kontexten und Anknüpfungspunkten – etwa zur ökonomischen Theorie Ricardos oder zu Hegels Geschichtsphilosophie. Das hat zur Folge, dass in diesem Buch, das dem eigenen Anspruch nach „einen Eingang in das Werk bauen“ will, der ein oder andere Umweg zu viel eingeschlagen wird, so dass der Zugang zu Marx manchmal nicht recht zu finden ist. Wohlgemerkt: All diese Umwege sind plausibel und an der ihnen zugrunde liegenden Gelehrsamkeit gibt es nichts zu beanstanden. Ob sie aber in einem solchen Buch zielführend sind, ist eine andere Frage.

Bei Marx und seinem Œuvre angelangt, ist der Zugriff kein chronologischer, sondern ein systematischer. Ternes legt keine Einführungen zu wichtigen Einzelwerken vor, er versucht vielmehr, Kernbereiche des Marx‘schen Denkens herauszuschälen. Zu diesem Zweck bezieht er sich vorrangig auf klassische Texte wie die drei Bände des „Kapitals“, „Die deutsche Ideologie“ oder die so genannten „Pariser Manuskripte“. Auf dieser Grundlage werden „Essenzen der politökonomischen Analyse“ herausgearbeitet. Dabei wird Marx als Denker stets ernstgenommen und nicht zum Stichwortgeber wohlfeiler und allfälliger Kapitalismuskritik verniedlicht. Marx selbst kommt in Form zahlreicher, häufig langer Zitate zu Wort, die ihrerseits verdeutlichen, wie anspruchsvoll Marxens Prosa ist, aber auch, welch begnadeter Schriftsteller er zuweilen war. Das alles bedeutet, dass dem Leser einiges abverlangt wird. Die Lektüre erweist sich als harte Arbeit. Der Mehrwert einer solchen Einführung erschließt sich womöglich nicht sofort, liegt aber darin, die Komplexität des vorgestellten Gedankengebäudes nicht über Gebühr zu reduzieren, sondern hinreichend anzudeuten. Dass damit trotzdem die Gefahr einhergeht, mäandernde Gedanken in eine kompakte Form zu zwängen und bereits dadurch zu verfremden, ist unausweichlich und kann dem Buch nicht zum Vorwurf gemacht werden.

Zu Beklagen bleibt schließlich eine etwas zu lax gehandhabte sprachliche und editorische Sorgfalt. Dem steht ein sehr benutzerfreundliches Glossar wichtiger Begriffe wie beispielsweise „Dialektik“, „Mehrwert“ oder „Profit“ entgegen. Obschon bei einem solchen Glossar im Rahmen eines Einführungsbuches keine Vollständigkeit zu erwarten ist, wäre doch zu fragen, wieso es keine Einträge zu „Kapitalismus“ und „Kommunismus“ gibt, zumal im gesamten Verlauf des Buches etwas dunkel bleibt, wie Marx zum Kommunismus, sicherlich insbesondere in der Marx-Rezeption kein beliebiger Begriff, überhaupt steht.

Es bleibt der Eindruck, dass aufgrund der zahlreichen Umwege – für die der Autor sogar an einer Stelle dezidiert um Geduld bittet – der Weg zu Marx hin und wieder aus dem Blick verloren wird. So nobel die Absicht auch ist, den vorzustellenden Autor denkgeschichtlich in mehreren Richtungen zu kontextualisieren, so wenig scheint eine Einführung für dieses Unterfangen der glücklich gewählte Ort zu sein. Die Absicht, über Marx hinaus zu denken, ist selbstredend zu begrüßen, sofern vorher verlässlich geklärt wurde, was Marx überhaupt dachte. Genau dies tritt manches Mal etwas zu stark in den Hintergrund. Doch trotz mancher Längen und umständlichen Annährungen ist diese Einführung ein Umweg zu Marx, durch den es Lesern ermöglicht wird, sich dem Ziel – der Beschäftigung mit den Originaltexten und deren zumindest rudimentärem Verständnis – besser anzunähern, als dies ohne nach dem Weg zu fragen denkbar wäre.

Titelbild

Bernd Ternes: Karl Marx. Eine Einführung.
UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 2008.
299 Seiten, 17,90 EUR.
ISBN-13: 9783825229870

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Letzte Änderung: 03.12.2011 - 13:15:57
Erschienen am:03.12.2011
Lesungen: 1386
© beim Autor und bei literaturkritik.de
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