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 literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2012 » Schwerpunkt: Gewalt und Tod II » Literatur
 
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Literatur als „moralfreier Raum“ oder als „gewaltfreier Diskurs“?

Zwei Sammelbände und eine Dissertation informieren über ethische Wertungsformen in der Dramatik, der Literaturwissenschaft und der Literaturkritik

Von Jan SüselbeckRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jan Süselbeck

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wie gehen Literaturwissenschaftler und Literaturkritiker eigentlich mit Gewaltdarstellungen in Texten um? Sind diese, weil sie als Fiktion zu bewerten sind, rein ästhetischer Natur und deshalb moralisch überhaupt nicht zu beurteilen? Ist Literatur also ein „moralfreier Raum“? Oder ist sie, anders herum gefragt, gar selbst als „gewaltfreier Diskurs“ denkbar?

Dies sind zunächst einmal Fragen, welche die Wertungspraxis der Literaturwissenschaft und der Literaturkritik betreffen. Sabine Buck hat über letztere eine akribische Dissertation im Göttinger mentis Verlag vorgelegt, die zeigt, dass eine moralische Auseinandersetzung mit der Literatur von Literaturkritikern oftmals zwar explizit abgelehnt, andererseits aber die ästhetische Qualität von Texten sehr wohl immer wieder mit moralischen Argumenten bewertet wird. Eines der kardinalen Beispiele, das Buck hierzu mittels einer Analyse vieler Rezensionen vorführt, ist die kontroverse Rezeption von Jonathan Littells Nazi-Massenmörder-Roman „Die Wohlgesinnten“ (2008).

Buck flankiert ihre Untersuchung mit einer Vorstellung des Ethical Criticism, beziehungsweise des Ethical Turns, dessen Prinzipien sie mit der klassischen Autonomie-Ästhetik kontrastiert, welche die theoretischen Debatten um die Literatur aus einem rein formal-ästhetischen Blickwinkel seit dem 18. Jahrundert maßgeblich mit bestimmt hat: Beide Wertungsperspektiven scheinen nach wie vor in einem überaus ambivalenten und nicht immer voll reflektierten Beziehungsverhältnis zueinander zu stehen und in wechselnder Gewichtung angewandt zu werden. Buck streicht in ihrem Fazit heraus, dass fundamentale moralische Kategorien des menschlichen Zusammenlebens wohl zwangsläufig auch in jede Deutung mit einfließen müssten, was sich insbesondere anhand des Bereichs der Holocaustliteratur veranschaulichen lasse: Mit dem Medienwissenschaftler Rainer Leschke könne man daher feststellen, „dass literarische Texte wie alle Medienprodukte, unabhängig davon, ob sie fiktional oder non-fiktional sind, von moralischen Werten und Normen abhängen“.

Im Übrigen betrifft die moralische Bewertung von Formen der Gewalt auch deren Darstellung in der Literatur selbst: Natalie Bloch etwa fragt in ihrer Dissertation „Legitimierte Gewalt. Zum Verhältnis von Sprache und Gewalt in Theatertexten von Elfriede Jelinek und Neil LaBute“ nach den Gründen für den merklichen Gewalt-‚Boom‘ in der gegenwärtigen Dramatik. Dabei stellt sie fest, dass auf dem Theater immer weniger die schwerlich mögliche Darstellung ‚wirklicher‘ Gewalt anvisiert werde als vielmehr der symbolische und sprachliche Umgang mit Gewalt: „Die Tendenz zur Versprachlichung von Gewaltakten lenkt den Blick unweigerlich auf die Legitimierungen von Gewalt. Indem selbst physische Gewalt vollständig in und über Sprache abgebildet wird, ist davon auszugehen, dass nicht die körperlichen Gewalthandlungen im Vordergrund stehen, sondern ihre strukturellen, diskursiven und kulturellen Bedingungen.“

An Jelineks postdramatischen Theatertexten „Bambiland“ und „Babel“ (2004) etwa, die sich mit der medialen ‚Verwertung‘ des Irak-Kriegs von 2003 und den Folterexzessen in Abu Ghraib auseinandersetzen, zeigt Bloch mittels genauerer intertextueller bzw. intermedialer Analysen, wie „Moral“ bei Jelinek nur noch ironisch als ‚Ware‘ aufscheint, die sich in ihren Stücktexten obendrein auch noch begeisterte und stolze Folterer-Stimmen zu eigen machen. Minderbemittelte Kriegsverbrecherinnen wie Lynndie England ergreifen hier in schillernden Rede-Kaskaden das Wort, sie ‘erbrechen’ geradezu fröhlich daherkommendes und zugleich unendlich ‘gewaltsam’ wirkendes Gerede, das gleichwohl kaum noch an klar charakterisierten Bühnenfiguren festzumachen ist: Bei Bloch geht es aber nicht nur darum, ob in diesen postdramatischen ‘Werken’ trotzdem so etwas wie eine „Nullfokalisierung“ vorliegen könnte oder ob der Text, den hier verschiedene Täterinnen und Opfer durcheinander zu sprechen scheinen, überhaupt noch eine klar nachvollziehbare narrative Struktur hat – sondern sie thematisiert gleichzeitig die aktuelle Verwischung der Grenzen von Kriegskritik und -affirmation, von Nachrichten-Berichterstattung und voyeuristischem ‘Enter-’ beziehungsweise ‘Infotainement’. Gerade durch ihr zynisches Geschwätz entlarven die Theater-‘Stimmen’ bei Jelinek diese ‘Verflüssigungen’ solcher Grenzziehungen auch implizit, ohne dass es eine gesonderte Stimme im Text gäbe, die eine solche Kritik offen fordern oder in irgend einer Weise moderieren würde.

Eine andere, eher methodische Frage ist die, ob und inwiefern Literaturwissenschaftler ihren Gegenständen mit ihren Deutungen und Bewertungen selbst ‚Gewalt‘ antun oder anderen Lesern sogar ‚weh tun‘ können, wenn sie die Ärmel hochkrempeln und Texte aus einer betont ‚emotionslosen‘ Metaperspektive wissenschaftlich beurteilen. Ist es überhaupt möglich, Literatur zu behandeln, die man nicht ‚liebt‘ oder nicht irgendwie ,gut‘ findet? Martin Walser würde wohl sagen: „Nein!“ Und genau deshalb sollte man tunlichst auch einmal das Gegenteil versuchen.

Moritz Baßler hat sich der Frage in einem Aufsatz über die „Kränkungen der Literaturwissenschaft“ jedenfalls noch einmal differenzierter angenommen, um die tiefe ‚Liebe‘ zum Objekt der Deutung, die Emil Staiger einst von den Interpreten einforderte, zu hinterfragen: „Das Kriterium der Wissenschaftlichkeit ist nicht das Kriterium des Gefühls, beide treten auseinander“, dekretiert Baßler. Ist das wirklich das letzte Wort? In einem hat der Literaturwissenschaftler zweifelsohne Recht: „Ich muss nicht unbedingt Zeugnis über meinen eigenen Geschmack ablegen, wenn ich beispielsweise über Rammstein schreibe.“

Zu gerne würde die Redaktion von literaturkritik.de an der Stelle natürlich auch einmal erfahren, wer denn die ominöse „Marburger Germanistin“ sein soll, die Baßler in seinem Beitrag anführt und von der er erzählt, dass sie aus Gründen der Objektivität „ganz bewusst nur solche Gegenstände für ihre wissenschaftlichen Arbeiten“ auswähle, „von denen sie als Individuum nicht affiziert ist“. Sachdienliche Hinweise werden von uns jederzeit und rund um die Uhr händeringend entgegen genommen!

Baßlers Beitrag finden Sie zwecks näherer Informationen in dem von ihm mit herausgegebenen Band „(Be-)richten und Erzählen. Literatur als gewaltfreier Diskurs?“, erschienen im Wilhelm Fink Verlag 2011. Das Gespräch mit Clemens Meyer, dass diese Publikation anstatt eines Vorworts eröffnet, brachten wir bereits in unserer Januar-Ausgabe.

Titelbild

Moritz Baßler / Stephanie Waldow / Christoph Kleinschmidt / Cesare Giacobazzi (Hg.): (Be-)richten und Erzählen. Literatur als gewaltfreier Diskurs?
Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2011.
256 Seiten, 36,90 EUR.
ISBN-13: 9783770549283

Weitere Informationen zum Buch

Titelbild

Natalie Bloch: Legitimierte Gewalt. Zum Verhältnis von Sprache und Gewalt in Theatertexten von Elfriede Jelinek und Neil LaBute.
Transcript Verlag, Bielefeld 2011.
356 Seiten, 34,80 EUR.
ISBN-13: 9783837617863

Weitere Informationen zum Buch

Titelbild

Sabine Buck: Literatur als moralfreier Raum? Zur zeitgenössischen Wertungspraxis deutschsprachiger Literaturkritik.
Mentis Verlag, Paderborn 2011.
420 Seiten, 54,00 EUR.
ISBN-13: 9783897857438

Weitere Informationen zum Buch





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 literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2012 » Schwerpunkt: Gewalt und Tod II » Literatur
 

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Letzte Änderung: 17.05.2012 - 18:13:04
Erschienen am:18.01.2012
Lesungen: 1812
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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