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 literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2012 » Fremdsprachige Literatur
 
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Man stirbt auch ohne Krieg

Willem Frederik Hermans macht in seiner Novelle „Das heile Haus“ ein Gebäude zum Kriegsversehrten

Von Willi Huntemann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Willem Frederik Hermans, von dem Cees Nooteboom sagte, dass ohne ihn die niederländische Literatur des 20. Jahrhunderts undenkbar sei, will im deutschen Sprachraum nicht heimisch werden. Wie anders ist es zu erklären, dass sich jetzt, nach Wunderlich, Diogenes, Kiepenheuer der Aufbau Verlag erneut seiner angenommen hat. Eben deshalb ist das 20-seitige Nachwort Nootebooms, das den Autor einführend vorstellt, als sei er eine Neuentdeckung der letzten Jahre, keineswegs überflüssig.

Die Werke aus der Frühzeit Hermans‘ schöpfen stofflich ausschließlich aus dem, was den 1921 geborenen Niederländer zunächst am meisten geprägt hat: der Erfahrung des Krieges. Das mag – angesichts einer Fülle eigener literarischer Aufarbeitungen des Krieges in der eigenen Literatur – erklären, dass sie erst viel später ihre deutschen Übersetzer gefunden haben, mit einem für eine Nachbarliteratur gewaltigen, rund 50-jährigen Rezeptionsverzug. Darunter ist auch eines seiner Hauptwerke, der Roman „Die Dunkelkammer des Damokles“, 1958 in Amsterdam erschienen. Die vorliegende Novelle entstand einige Jahre vor diesem Roman und unmittelbar nach einem anderen Romanwerk, das dem jungen Autor in seiner Heimat den Durchbruch bescherte, „Die Tränen der Akazien“, und bis heute nicht ins Deutsche übersetzt wurde.

Der Krieg und die Besatzung interessieren Hermans als Schriftsteller weder dokumentarisch noch unter patriotischen Vorzeichen, sondern als Extremsituation, in der die Hüllen der Zivilisation fallen und die Menschen nur von ihren Überlebensinstinkten geleitet werden. Deswegen hat man Hermans einmal mit dem französischen Enfant terrible Louis Ferdinand Céline verglichen. Identitäten werden im Durcheinander der kämpfenden Soldaten, Zivilisten und Partisanen unklar. So nimmt es nicht Wunder, dass der Damokles-Roman im Kern eine Doppelgängergeschichte ist. Im Filmgenre hat Ernst Lubitsch daraus mit seinem Meisterwerk „Sein oder Nichtsein“ komödiantisches Kapital geschlagen. Doch so elegant und handwerklich bestechend wie bei Lubitsch geht es bei Hermans nicht zu; er ist viel böser, anarchischer.

Ein holländischer Partisan, der zugleich der Ich-Erzähler ist, schlägt sich im Kriegsjahr 1944 in einem nicht näher verortbaren Landstrich durch, in dem Deutsche und Russen um die Vorherrschaft kämpfen. Ausgestattet mit dem dubiosen Auftrag eines Befehlshabers, nähert er sich einem umkämpften Städtchen. Er findet in einem großbürgerlichen Haus Zuflucht, das noch bewohnt scheint, und richtet sich dort provisorisch ein, ohne zunächst auf jemanden zu treffen. Als Deutsche ins Haus eindringen, gibt er sich als dessen Bewohner aus und arrangiert sich mit den einquartierten Offizieren.

Als später der wirkliche Besitzer auftaucht, erschießt er ihn kurzerhand und erwürgt darauf dessen herzukommende Frau. Einen fast hundertjährigen Mann, der in einem Zimmer Zierfische züchtet, lässt er leben. Bald wendet sich das Blatt: Die Russen haben den Ort eingekesselt und der deutsche Oberst ist im Begriff, mit seinen Soldaten die Flucht zu ergreifen. Was dann folgt, ist eine Orgie von blindwütiger Zerstörung und Mord, die auch der Greis nicht überlebt. Der Oberst wird mit einer Klaviersaite an einer Platane aufgeknüpft, demselben Baum, der dem Partisanen schon zu Anfang „wie ein Galgen mit Platz für eine ganze Familie“ vorgekommen war.

Der Partisan zieht indes weiter, nachdem er noch eine Granate hinter sich geworfen hat. Jetzt ist auch das Haus, der ruhende Mittelpunkt des ganzen Geschehens, nicht mehr heil. Der Titel der Novelle erweist sich mithin als von sarkastischer Ironie geprägt. Hermans zeigt ausufernde Grausamkeiten, als sinnloses Geschehen in einem „sadistischen Universum“ (so der Titel eines seiner Essays), die nicht der Preis für etwas Höheres sind. In aller Drastik und geradezu wie unbeteiligt malt der Erzähler sie aus und spart auch nicht an grotesken Details. Seine eigenen Mordtaten, die er in ästhetisierender Distanz schildert, scheinen ihn auch im nachhinein nicht groß zu belasten. „Sie krümmten sich wie Schmetterlinge, die aufgespießt werden, ich erstach sie mit einer zweihundert Meter langen Nadel“ – so ungerührt beschreibt der Erzähler, wie er einige deutsche Soldaten erschossen hat. Eine „Parabel auf den Krieg“, wie es auf dem Buchumschlag grob falsch heißt, ist das gewiss nicht – dann dürfte ja gerade vom Krieg nicht die Rede sein. Eher ist für Hermans umgekehrt der Krieg ein Gleichnis für die menschliche Existenz: „Aber jeder Mensch stirbt, auch wenn es niemals Krieg gäbe. Was macht der Krieg für einen Unterschied?“, wie es einmal heißt. Der Krieg mit seinem Heroismus ist nicht anders als andere Unternehmungen, die scheinbar höheren Werten dienen, aber auch nur in Desillusionierung enden.

So führt die Forschungsexpedition eines jungen Geologen in den Norden Norwegens, die der Roman „Nie mehr schlafen“ von 1966 schildert, nicht zu den erhofften Ergebnissen und gerät zur Irrfahrt; der Titel ist ebenfalls sarkastisch gemeint und zielt auf den Tod. Die Verleihung des Nobelpreises an einen holländischen Chemieprofessor im Universitätsroman „Unter Professoren“ von 1975, zugleich im biografischen Kontext ein Schlüsselroman, verliert ihren hehren Glanz, da der burleske Roman sie mit Kalamitäten und Querelen unter Kollegen konterkariert und entwertet. Willem Frederik Hermans ist ein genuin moderner Schriftsteller der Desillusionierung, der sein Credo folgendermaßen zusammenfasste: „Schöpferischer Nihilismus, aggressives Mitleid, völlige Misanthropie“.

Ein Publikumsliebling wird man damit nicht, auch nicht in seinem Heimatland. Hermans galt dort früh schon als Nestbeschmutzer wegen etlicher Schriften, die seine Landsleute in ihrem Stolz kränkte; darin wie in seiner Weltsicht – nicht in Werkpoetik und Stilistik – ist er Thomas Bernhard durchaus ähnlich. In den 1970er-Jahren beendete Hermans seine Universitätslaufbahn in Groningen als Professor für Physische Geografie und emigrierte nach Paris. Seiner Heimat blieb er auch danach noch in einer Art Hassliebe verbunden, die sich in ungezählten Polemiken Luft machte. Wie Bernhard in Österreich ist Hermans in den Niederlanden längst ein hochkanonischer Autor mit einer auf 24 Bände angelegten Gesamtausgabe, dessen Werke Schullektüre sind; seine Rezeption in Deutschland ist hingegen – leider, muss man sagen – denkbar anders als bei seinem österreichischen Kollegen verlaufen.

Titelbild

Willem Frederik Hermans: Das heile Haus. Novelle.
Aufbau Verlag, Berlin 2011.
125 Seiten, 16,99 EUR.
ISBN-13: 9783351033651

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Letzte Änderung: 29.01.2012 - 16:43:47
Erschienen am:29.01.2012
Lesungen: 1006
© beim Autor und bei literaturkritik.de
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