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 literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2012 » Krimis
 
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Zweiter und dritter Blick

Nicht immer liegen die Verhältnisse genau so, wie sie scheinen. Dafür lohnen zweite und dritte Blicke, wie Norbert Horst in „Splitter im Auge“ sehr konzentriert zeigt

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Deutsche Kriminalromane kranken arg häufig an ihrer Betulichkeit, die nur mit Mühe von der genrespezifischen Sozialkritik überdeckt wird. Das ist so als ob sie allesamt mit einer Patina überzogen wären, die von allzu starkem Genuss von „Tatort“-, „Kommissar“- und „Der Alte“-Folgen herstammen mag. Das lässt sich beklagen, andererseits traut man einem Krimi-Deutschland auch jene gewaltaffinen Abgründe nicht zu, die den USA oder anderen Hochburgen des Krimigenres zugeschrieben werden. Blutrünstige Monstren, die ihre Opfer bei lebendigem Leibe zerfleischen? Waffengeile Idioten, die alles niedermachen, was ihnen vor die Knarre kommt? Gangs, die die Straßen der Stadt unsicher machen und sich gegenseitig in gnadenlosen Bandenkriegen dezimieren? „Nada“ (und das gottseidank). In gewisser Weise leben wir alle in einer vergleichsweisen Idylle, die sich eben auch krimitechnisch zeigt, und danken dafür auch.

Aber es gibt eben doch Ausnahmen, wie „Splitter im Auge“ von Norbert Horst zeigt. Ein Krimi, wie er sein soll. Direkt in der Schreibe, ein klares Konzept, Figuren nach dem Setzkasten ausgestattet, eine Handlung, die sich selbst vorantreibt, und ein Schluss, in dem alles aufgehoben ist, was zuvor an Elementen aufgeboten wird. Es gibt psychologische Profile und Ableitungen, es gibt eine Position zur Debatte um Legalität oder Gerechtigkeit und eine zur Herkunft des Bösen. Es gibt das Böse und es ist blutrünstig, gewissenlos und unglaublich gerissen. Und es gibt den einen Ermittler, dem alles merkwürdig vorkommt und der nachhakt, auf eigene Kappe, auch wenn alle ihn für verrückt erklären, und dann am Ende recht behält. Beinahe auf eigene Rechnung, aber das verschärft ja nur die Spannung, und darf also sein. Also alles da, was ein Krimi braucht. Und das auch noch von einem deutschen Autor.

Nun mag man für diesen Fall einwenden, dass der Autor, Norbert Horst, vom Fach ist, Kriminalhauptkommissar in NRW: So einer kennt seine Kriminellen und seine Kriminalen, weiß wie Recherchen gehen und wie sich Verbrecher so verhalten. Er kennt den Apparat und seine Kinder, die er dann gelegentlich zu sich nimmt. Alles keine Sache, und das wird auch in die ganze Konstruktion und Machart dieses Textes hineinspielen. Aber das Problem liegt ein wenig komplizierter: Denn der Text ist derart offensichtlich nach einem Idealmuster von Kriminalliteratur gestrickt, dass Realität entweder hier keine Rolle zu spielen hat oder sich ganz gepflegt danach richtet, was die Literatur immer wieder von ihr behauptet.

Nun wird man das nicht gegen den Autor ins Feld führen, der eben souverän die Vorgaben des Genres erfüllt und dabei auch noch intelligent zu unterhalten weiß. Ob also die Primärqualifikation (Kriminalhauptkommissar) oder die heutige Tätigkeit (Polizeipressesprecher) oder ein intensives Studium wie Praxis in der Kriminalliteratur hauptverantwortlich sind für die Konstruktion dieses Textes, muss wohl offen bleiben. Sagen wir, es könnte eine gelungene Kombination von allem sein, was zu diesem Effekt geführt hat.

Ein abgeschobener Polizeiermittler hakt sich in einem alten Fall fest, in dem die Vergewaltigung und brutale Ermordung einer jungen Frau einem schwarzen Emigranten angelastet wird, der gerade für die Tatzeit weder Alibi noch Erinnerung vorweisen kann. Auch wenn Thomas Adam (erster Mensch samt ungläubigem Apostel, was will man mehr an Besetzung?) an der Ermittlung selbst beteiligt war, schöpft er hinreichend Misstrauen, als er zufällig eine Zeugin aus dem Drogenmilieu trifft, die sich seinerzeit der Befragung entzogen hat (Ihr hattet ihn doch, was solls).

Es sind dann Details und Kleinigkeiten, die Adam missfallen und die dazu führen, dass er gegen jeden Widerstand im Amt (der alleinausreitende Held trifft auf die größten Hindernisse daheim) die Ermittlungen wieder aufnimmt.

Und wer einmal fragt und noch einmal, der bekommt auch Antworten, die keiner sonst bekommen hat. Und er kommt auf Fälle, die bereits lange abgelegt sind. Denn Adam werden nach und nach weitere Fälle bekannt, in denen Frauen grausam getötet wurden und der Täter gleich mitgeliefert wurde. Dass es dabei zum Beispiel einen geistig Behinderten getroffen hat, der angeblich in der Lage gewesen sein soll, sein Opfer zu entführen und über Tage hinweg zu foltern, hat bis dahin niemanden gestört, weil die Beweislage stimmte. Was sich dann am Ende nur als groß angelegtes Täuschungsmanöver herausstellt (womit kein Geheimnis verraten wird).

Von da an geht es rasant und schnittig weiter bis zum großen Showdown, der geradezu nach der Verfilmung schreit, der aber eben auch ganz hinreißend zu lesen ist. Vielleicht hätte sich Horst die Rück- und Einblenden in das Innenleben des Killers selbst sparen können, auch wenn gerade das zu den Basisausstattungen der Serienkillerkrimis gehört. Sie zeigen hier nur, dass das Böse immer und überall ist – was wir aber schon länger wissen, oder?

Titelbild

Norbert Horst: Splitter im Auge. Kriminalroman.
Goldmann Verlag, München 2011.
349 Seiten, 8,99 EUR.
ISBN-13: 9783442475469

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 literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2012 » Krimis
 

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Letzte Änderung: 30.01.2012 - 13:34:19
Erschienen am:30.01.2012
Lesungen: 782
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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