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 literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2012 » Krimis
 
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Leichen im Keller

Über Simon Becketts Dachbodenfund „Tiere“

Von Peter MüllerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Peter Müller

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Simon Beckett brachte es mit seinem Roman „Die Chemie des Todes“ über Nacht zu Weltruhm. Die düster-morbide Geschichte um den forensischen Anthropologen Dr. David Hunter traf genau den Geschmack des nach Serien wie „CSI“ oder „Bones“ lechzenden Publikums. Unabhängig von diesem günstigen Setting überzeugte „Die Chemie des Todes“ aber auch durch einen gelungenen Spannungsbogen und nachvollziehbar agierende Protagonisten, weshalb es nicht verwundert, dass dieser Roman die Bestsellerlisten stürmte. Der Erfolg Becketts hat nun den Rowohlt Taschenbuch Verlag dazu bewogen, vier seiner frühen Romane in deutscher Erstausgabe zu vermarkten. Zumindest finanziell scheint sich das Unternehmen zu lohnen, so avancierte „Tiere“ – Becketts zweiter Roman – ebenso schnell zum Verkaufsschlager.

Angelockt vom beachtlichen Aufhänger „Manche Menschen sind Tiere“ macht sich beim Leser jedoch ziemlich schnell Ernüchterung breit. Dabei ist die Grundidee des 1995 erschienenen Romans nicht uninteressant: Der Ich-Erzähler Nigel ist seinem Alter weit hinterher. Er arbeitet in einem kleinen Büro und wird von seinen beiden jungen Kolleginnen Karen und seiner ,heimlichen‘ Liebe Cheryl ob seiner kindlich-naiven Art geneckt. Insbesondere Karens offensive Flirtattacken machen Nigel zu schaffen, da er lieber seine geliebten Comic-Hefte liest oder einen guten Zeichentrickfilm im stillgelegten Pub ansieht, den er von seinen Eltern geerbt hat.

Nigel fällt es schwer, am Leben teilzunehmen; etwas Abwechslung bieten ihm die Tiere, die er im geräumigen Keller eingesperrt hält: das Alte, das Schwarze, das Dicke, das Rothaarige und das Mädchen. Nur dass es sich dabei nicht um Tiere, sondern um Menschen handelt, die Nigel in seinen Pub lockte, betäubte und einsperrte.

Auch wenn Nigels Bedürfnis nach Macht nachvollziehbar ist, so ist kaum verständlich, wie jemand, der sich im Dunkeln fürchtet und bei Bambis Flucht vor den Wölfen auch bei der zigsten Wiederholung kaum hinsehen kann, in der Lage sein soll, wildfremde Personen auf die dargestellte Art zu kidnappen. Beckett selbst erklärt diesen Umstand in seinem „bösesten Roman“ so: „Ein […] Einzelgänger, dem nicht einmal bewusst ist, dass das, was er tut, falsch ist, ja der gar nicht versteht, warum er es tut [und] trotz der Vorgänge in seinem Keller Angst hat, nachts auf die Straße zu gehen, weil ihm ein ,Irrer‘ auflauern könnte.“ Vielleicht wäre es geschickter gewesen, die Schwächen im Plot einfach zuzugeben. „[Ich wollte] einen Erzähler erschaffen, der grausame Taten begeht, für den der Leser aber dennoch Sympathien hegt“, so Beckett. Außerdem stecke in dem Roman viel schwarzer Humor, der Leser solle lachen, selbst wenn ihn die Geschichte erschrecke. Leider beschränkt sich dieser schwarze Humor auf die voyeuristische Vorführung von Nigels schwachem Geist und spätestens nachdem dieser, in seiner Naivität, das Mädchen zu dem Dicken steckt und dieses brutal vergewaltigt wird, ist diese Sympathie dahin und man mag anschließend auch nicht mehr über die teils durchaus kuriosen Situationen schmunzeln. Daran ändern auch die Versuche Becketts nichts, Nigels Taten mit schweren Kindheitserlebnissen, die dem Leser nach und nach eröffnet werden, zu erklären.

In einem sehr retardierenden Moment darf man Nigel bei der Verrichtung seiner umfangreichen und anstrengenden Vorbereitungen auf einen Besuch über die Schulter schauen, was nicht nur für diesen ermüdend ist – insbesondere da es auch das anschließende Finale, in welchem die geladenen und ungeladenen Gäste den Pub um- und durchstreifen, kaum schafft, den Leser aus der einsetzenden Lethargie zu reißen. Vielmehr zieht es sich durch die gebotenen Mono- und Dialoge unnötig in die Länge. Da spielt es eigentlich auch keine Rolle mehr, dass es dem Leser inzwischen egal ist, ob die armen Seelen im Keller entdeckt und gerettet werden oder nicht. Eigentlich erschreckend. Hat der Autor am Ende vielleicht doch seine genial-böseste Absicht erreicht? Anders lässt sich auch die Auszeichnung durch die Raymond-Chandler-Gesellschaft kaum erklären.

Titelbild

Simon Beckett: Tiere.
Übersetzt aus dem Englischen von Andree Hesse.
Rowohlt Verlag, Reinbek 2011.
284 Seiten, 9,99 EUR.
ISBN-13: 9783499249150

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Letzte Änderung: 31.01.2012 - 19:52:37
Erschienen am:31.01.2012
Lesungen: 1053
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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