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 literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2012 » Fremdsprachige Literatur
 
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Rebellion der Maschinen 3.0

Daniel H. Wilson inszeniert in „Robocalypse“ eine durchaus realistische, aber letztlich enttäuschende Menschenhatz

Von Peter MüllerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Peter Müller

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Die Unmenschlichkeit des Computers beruht darauf, dass er richtig programmiert und einwandfrei funktionierend, so absolut ehrlich ist.“ Dieses Zitat von Isaac Asimov spiegelt nicht nur dessen Grundvertrauen in die Technik wider, sondern lädt natürlich auch zur Umkehrung ein, dass die größte Gefahr im Umgang mit Computern in deren Vermenschlichung liegt. Es ist somit kein Zufall, dass sich viele Genrevertreter – etwa Arthur C. Clarkes „2001: Odyssee im Weltraum“ – dieser Grundprämisse bedienen, um in der Konfrontation mit künstlicher Intelligenz philosophische oder soziologische Fragen des Menschseins zu beleuchten.

In diese Tradition reiht sich auch Daniel H. Wilsons Roman „Robocalypse“ ein: Von Professor Nicholas Wasserman – in einer an Goethes „Faust“ erinnernden Szene – herbeigerufen und eingesperrt, dient die künstliche Intelligenz Archos (griechisch αρχος, „Meister“) dem Zweck, den Wissensdurst des Menschen zu stillen und vielleicht sogar die Frage nach dem Sinn des Lebens zu beantworten. Archos zieht seine eigenen Schlüsse aus den ihm zur Verfügung stehenden Informationen. Er gelangt zur Erkenntnis, dass der Mensch nicht zum Leben, sondern zum Töten geschaffen ist und die Menschheit ihren Zweck damit erfüllt hat, ihren eigenen Nachfolger in die Welt gesetzt zu haben – Archos, der sich zum Gott ausruft und eine Reinigung des Planeten vom Menschen für die Natur beschließt.

Mit tiefgründigen Fragen hält sich der promovierte Robotiker Wilson in der Folge allerdings nicht lange auf. Vielmehr schöpft er reichlich aus dem Fundus moderner Technologien, von denen Visionäre wie Asimov nur träumen konnten, um ein erstaunlich realistisches Bild der beinahe parabelhaften Geschichte von der Rebellion der Maschinen zu zeichnen.

In einer offenbar nicht allzu fernen Zukunft, in der die Menschen so abhängig von technischen Spielereien und Helfern sind wie noch nie zuvor, scheint es geradezu ein Kinderspiel für Archos, seine Ziele zu erreichen. Er übernimmt die Kontrolle über die Kommunikationswege und nutzt Haushalts- und Liebesroboter, High-Tech-Spielzeug, Sicherheitssysteme und intelligente Transport- und Militärsysteme zur Terrorisierung und Eliminierung der Menschheit – ein durchaus erschreckendes und in seiner Schilderung auch vorstellbares Szenario.

Dieses verbindet Wilson mit einer zwar nicht gerade revolutionären aber durchaus intelligenten Geschichte, denn ironischerweise entziehen sich viele Überlebende den Angriffen gerade durch eine Flucht in die Natur – bisweilen auch im übertragenden Sinn. Zudem läutet Archos in Analogie zum Vorgehen der Menschheit seinen eigenen Untergang ein, als er beginnt, Menschen mit technischen Bauteilen zu modifizieren.

Letztlich weiß das Gesamtpaket jedoch nicht so recht zu überzeugen, was zum einen am Aufbau des Romans liegt: In einem kurzen actionreichen Auftakt wird dem Leser bereits eröffnet, dass die Schlacht geschlagen und „Big Rob“ vernichtet ist. Der Hauptteil des Romans dient anschließend der Schilderung des Kriegsverlaufs durch den Chronisten Cormac Wallace, der selbst eine aktive Rolle an vorderster Front spielte. Hierbei beruft sich Wallace auf die entdeckten Archive von Archos, aus denen er die entscheidenden Meilensteine des Kriegsverlaufs rekonstruiert. Was zu Beginn noch frisch und abwechslungsreich daherkommt – so schildert Wallace etwa Aufnahmen von Sicherheitskameras oder greift auf Aufzeichnungen von Funkgesprächen zurück –, nutzt sich nach einigen Kapiteln merklich ab, insbesondere da diese immer dem gleichen Aufbau folgen. Zudem nimmt gerade die Einleitung bisweilen Handlungsmomente heraus, die einer spannenden Lektüre nicht immer förderlich sind.

Durchaus fragwürdig ist auch die großspurige Ankündigung „Diesen Krieg zu führen hat uns zu einer besseren Spezies gemacht.“ Asimov selbst sprach von der Gewalt als letzten Ausweg des Unfähigen, aber auch ohne pazifistische Einstellung ist von dieser Besserung nur wenig zu spüren. Die Charaktere bleiben schwach und ihre Entwicklung führt meist zu einer etwas pathetisch-heroischen Aufopferung oder zu einer Überwindung nationaler, ethnischer oder kultureller Barrieren im Angesicht des gemeinsamen Feindes – ein nicht gerade überraschender Ansatz in der neueren amerikanischen Literatur. Gepaart mit den sehr episodenhaften Auftritten der Protagonisten, zwischen denen teilweise Monate liegen, fällt es dem Leser schwer, Empathie zu entwickeln, man folgt dem Geschehen vielmehr überraschend emotionslos. Daran ändern auch die teils sehr drastischen Schilderungen robotischer Kälte und Effizienz bei der Vernichtung der menschlichen Rasse nichts.

Die stärksten Momente hat der Roman beim direkten Aufeinandertreffen menschlicher und künstlicher Intelligenz, denn hier kommen auch die Einblicke des Autors in die Algorithmen maschineller ,Denkweisen’ zum Tragen. Leider sind diese Höhepunkte dünn gesät und sogar die eigentlich spannende Frage, ob Archos das Archiv den Menschen absichtlich zugespielt hat und alles nur eine brutale Inszenierung darstellte, um den Menschen bei der Menschwerdung zu helfen, lohnt letztlich nicht der Prüfung, da Wallace die banalste Erkenntnis aus dem Kriegsgeschehen zieht: „Menschen passen sich an. So sind wir nun mal. In einer Zwangslage können wir unseren Hass überwinden. Sobald es ums Überleben geht, können wir mit anderen zusammenarbeiten. Andere akzeptieren. Die letzten paar Jahre stellen wahrscheinlich die einzige Zeit in der menschlichen Geschichte dar, in der wir nicht gegeneinander Krieg geführt haben. Einen kurzen Augenblick lang waren wir alle gleich. Wenn wir mit dem Rücken zur Wand stehen, zeigen sich unsere wahren Qualitäten.“

Roland Emmerich hätte es nicht trefflicher formulieren können und wenn das lächelnde Antlitz seiner Kampfgefährtin Wallace am Ende zu dem Ausspruch verleiten lässt: „Plötzlich erkenne ich das ganze wunderbare Potenzial des Universums. Ich kann es in ihren strahlenden Augen sehen“, so ist das an Kitsch kaum zu überbieten.

Somit gelingt es Wilson mit seinem durchaus überdurchschnittlichen Genrevertreter nicht, etwas mehr als einen Unterhaltungsroman zu formen. Stören wird ihn das wenig, hat sich Filmmogul Steven Spielberg doch bereits vor Fertigstellung des Romans die Filmrechte gesichert.

Titelbild

Daniel Wilson: Robocalypse. Roman.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Markus Bennemann.
Droemersche Verlagsanstalt, München 2011.
462 Seiten, 16,99 EUR.
ISBN-13: 9783426226001

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 literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2012 » Fremdsprachige Literatur
 

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Letzte Änderung: 01.02.2012 - 18:17:45
Erschienen am:01.02.2012
Lesungen: 785
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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