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 literaturkritik.de » Nr. 11, November 2000 (2. Jahrgang) » Fremdsprachige Literatur » Französische Literatur
 
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Ist es ein Krimi? Oder ein nouveau roman noir?

Das neueste Buch des Goncourt-Preisträgers Jean Echenoz

Von Martin Gaiser

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Ich gehe jetzt" ist der Titel des jüngsten Romans des französischen Schriftstellers Jean Echenoz. Und "Ich gehe jetzt" sagt der Protagonist, der Galerist Félix Ferrer, kurz nach Neujahr zu seiner Gattin. Grund für diese Trennung ist die Langeweile, die sich über die Jahre in die Ehe eingeschlichen hat und aus ihr nicht mehr zu vertreiben ist. Ferrer betreibt mit einigem Elan, aber nicht immer mit Fortune eine Galerie für zeitgenössische Kunst in Paris. Sein Mitarbeiter berichtet ihm immer öfter und eindringlicher von einem im Packeis konservierten Schiff, dessen Bauch angeblich mit prähistorischen Kunstwerken gefüllt ist. Anfänglich uninteressiert, weil auch die Frauen immer wieder seine Aufmerksamkeit beanspruchen, beginnt Ferrer trotzdem mit Recherchen und fängt Feuer. Als die notwendigen Vorkehrungen getroffen sind, macht er sich auf die Abenteuerreise und kehrt auch schon bald mit immensen Vorräten in seine Galerie zurück. Dort will er alles in Ruhe in Augenschein nehmen. Doch bevor er dazu kommt, Vernissagenkarten und Preisschilder drucken zu lassen, sind die Schränke schon leergeräubert. Tresor und Versicherung waren zwar in Planung, aber eben auch nur das. Nachdem die Polizei Ferrer ein paar Hinweise gegeben hat, macht er sich selbst auf die Suche nach den Dieben, die nach Nordspanien führt. Spannend und turbulent geht es in die letzte Runde - und absolviert diese augenzwinkernd und wackelig.

Jean Echenoz schreibt Unterhaltung auf hohem Niveau. Er kredenzt Realismus, abgeschmeckt mit Kuriositäten, und serviert Krimibeilagen, deren Leichtigkeit gut zu verdauen ist. Doch das reicht als Beschreibung noch lange nicht, denn sein allwissender, ja altkluger Erzähler treibt sein Spielchen mit dem Leser und ironisiert einen Gutteil der Handlung. Wer sich darauf einlässt, findet Anspielungen, Witz und Lesestoff der ungewöhnlichsten Art.

Seit 1979 schreibt der heute 52-jährige Echenoz, von 1987 bis 1991 haben sich drei deutsche Verlage um sein Werk verdient gemacht und vier Romane übersetzen lassen. Danach ist es hierzulande um diesen originellen Enkel des Nouveau Roman ruhig geworden. Bis heute, denn Jean Echenoz erhielt für "Je m'en vais" (so der Originaltitel )im vergangenen Jahr den renommiertesten französischen Literaturpreis, den Prix Goncourt. In den neun Jahren ohne deutsche Übersetzung schrieb er vier weitere Romane, die möglicherweise nachträglich auch bei uns zu lesen sein werden. Der Berlin Verlag hat mit seiner Editionspolitik im Falle James Salter oder ganz aktuell bei Raymond Carver viel Mut und Ausdauer demonstriert, so dass Hoffnungen auch im Fall Echenoz berechtigt sind.

Titelbild

Jean Echenoz: Ich gehe jetzt. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel.
Berlin Verlag, Berlin 2000.
187 Seiten, 20,30 EUR.
ISBN-10: 3827003679

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:10:33
Erschienen am:01.11.2000
Lesungen: 2732
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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