Verzettlt, oder: Die mörderische Gefahr der Extrapolation

Über Helmut Dietls Film „Zettl – Unschlagbar charakterlos“

Von Dirk KaeslerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dirk Kaesler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ich hätte mir nicht kurz zuvor „The Ides of March – Tage des Verrats“ von und mit George Clooney ansehen sollen! Dieser Eröffnungsfilm der Filmfestspiele von Venedig im vergangenen August ist ein Paradebeispiel für einen Film, in dem es um Macht und um – ein wenig – Sex geht. Und es ist zugleich ein Film, der aktueller nicht sein kann: ein Weltfremder, der dabei nicht die aktuellen Bilder der Vorwahlen-Kämpfe zwischen den republikanischen Präsidentschaftsbewerbern, Mitt Romney und Newt Gingrich, vor Augen hat.

In dem Film spielt der junge Pressesprecher Stephen Meyers einen selbstbewussten Politberater, der leidenschaftlich für seine Ideale eintritt. Weil er zutiefst von den Fähigkeiten des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Mike Morris überzeugt ist, will er ihm mit allen Mitteln zum Sieg verhelfen. Doch dann stellt ihm ein alter Hase der Gegenseite eine perfide Falle. Und plötzlich muss sich Stephen zwischen Karriere und Idealen, Herz und Verstand, Sieg oder Untergang entscheiden. Der Polit-Thriller, nach dem Theaterstück „Farragut North“ von Beau Willimon, soll an die antike Dramatik der Iden des März erinnern, als im Jahr 44 vor Christus Gaius Iulius Caesar einer Verschwörung seiner politischen Opponenten zum Opfer fiel. Die Besetzung mit hochkarätigen Charakterdarstellern und die rasante Handlung garantierten einen Film, der einen taumelig werden lässt angesichts seiner stupenden Fähigkeit, den Zuschauern einen skeptischen und desillusionierten Blick auf die Mechanismen der Berufspolitik und die Regeln der politischen Klasse zu ermöglichen.

Drei Wochen später lief „Zettl“ an. Der Vorankündigungs-Hype war enorm: Der Trailer kam vor vielen Filmen in sehr vielen Kinos und dann sogar kurz vor der „Tagesschau“; der „SPIEGEL“ brachte ein fünfseitiges Interview mit Helmut Dietl, das dem im ebenso auflagenstarken „DB-Magazin“ auf vier Seiten ähnelte. Die prominente Moderatorin Katrin Bauerfeind interviewte Dietl in dem nach ihr benannten Szene- und Popkulturmagazin „Bauerfeind“ auf „3SAT“, wo sie ihren Gast als „Regie-Genie“ vorstellte.

Auf Katrin Bauerfeinds einfache Frage, wie er selber den Film fände, sagte der erschöpft aussehende Dietl: „Ich seh‘ immer nur meine Fehler“ und schilderte seine eigene Befindlichkeit, was seinen neuen Film angeht: „Es ist eine Reihe von Enttäuschungen, einen Film zu machen. Du hast eine Idee, die findest Du wunderbar. Im Schreiben stellst Du fest, dass Du der Idee gar nicht gewachsen bist. Das Schreiben ist schon die erste Enttäuschung. […] Dann hörst‘ auf, weil Du nicht mehr kannst. Dann drehst Du. […] Das wird etwas anderes, als was man ursprünglich vorgehabt hat. […] Man ist dauernd sein eigener Feind: Der Autor ist der Feind des Regisseurs, der Regisseur ist der Feind des Produzenten […]. Ich bin sozusagen von Feinden umzingelt, von Anfang an.“

Zum Anlaufen des Films erscheint auch noch das gleichnamige Buch, dessen Ankündigung eigentlich schon alles sagt:

„Endlich ist es so weit: 25 Jahre nach der Kult-Serie ‚Kir Royal‘ stürzt sich Helmut Dietl wieder in die Welt der rasenden Klatschreporter. Diesmal geht es in Dietls hochkomischem Universum der Berliner Medienrepublik an den Kragen, statt ‚Klatsch und Tratsch‘ sind nun ‚Gossip und Talk of the Town‘ angesagt. Max Zettl, jung und schnell im Kopf, will um jeden Preis Karriere machen in der Hauptstadt. Mit Charme und von keinerlei Skrupeln geplagt, bringt er es vom Chauffeur zum Chefredakteur einer neuen Online-Publikation und deckt einen Polit-Skandal ohnegleichen auf. Helmut Dietl und seinem Co-Autor Benjamin von Stuckrad-Barre gelingt mit ‚Zettl unschlagbar charakterlos‘ eine großartige Satire auf die Reichen und Mächtigen, die Schönen und Schamlosen, die Halbprominenten und Volltrottel der Berliner Republik. Ein Feuerwerk der Pointen, das eine höchst amüsante Antwort gibt auf die Frage ‚Wer regiert unser Land?‘“

Es reicht, um zu kapieren, worum es in dieser „Satire“ gehen soll. Erwähnen sollte man jedoch, dass es Dietl gelungen ist, einige der derzeit bekanntesten deutschen Schauspieler für seinen Film zu gewinnen: Michael Bully Herbig spielt den Möchtegern Max Zettl, Dieter Hildebrandt das Klatschreporter-Urgestein Herbie Fried, Karoline Herfurth ein berlinerndes Betthäschen sowie zugleich Zettls Freundin Verena und Kanzler„geliebte“, Ulrich Tukur den schweizerischen Financier Urs Doucier mit eigenartigen Sexvorlieben, Dagmar Manzel den/die Berliner Oberbürgermeister/in Veronique von Gutzow, Harald Schmidt den mecklenburg-vorpommerischen Ministerpräsidenten Conny Scheffer, Sunnyi Melles die alkohol- und männerverschlingende Talkmasterin Jacky Timmendorf, Hanns Zischler den intriganten Vizekanzler Gaishofer, Senta Berger die ehemalige Geliebte des gleich zu Beginn des Filmes tödlich verunglückten Klatschreporters Baby Schimmerlos Mona Mödlinger, Götz George den sterbenden und abgehalfterten Bundeskanzler Olbrich Ebert. Auch für die kleineren Nebenrollen gelang es Dietl, eine prominente Besetzung zu rekrutieren. Daran also kann es nicht gelegen haben, dass der Film so kläglich gescheitert ist. Es kann auch nicht unbedingt an der Geschichte liegen – berühmte Filme haben oft die banalsten und einfachsten Geschichten. Es muss am Erzähler Helmut Dietl liegen.

Der Film wird beworben als „hinreißender Kir Royal-Nachfolger“, in dem es um Macht und Sex geht. Wer kennt heute denn noch jenes legendäre Mischgetränk „Kir Royal“, das aus 1 cl Crème de Cassis und Champagner aufgegossen wurde? Um Dietls Anliegen bei „Zettl“ zu verstehen, muss an „Kir Royal“ erinnert werden, jene sechsteilige Fernsehserie aus dem Jahr 1985, in der es um den Boulevard-Reporter „Baby“ Schimmerlos (Franz Xaver Kroetz) ging, der sich in der Münchner Schicki-Micki-Szene bewegte und diese seinerseits bewegte. Das Vorbild für den „Baby“ war der Klatschreporter der Münchner „Abendzeitung“, Michael Graeter, und dessen Herausgeberin Anneliese Friedmann. Die Besetzung war auch damals erstklassig, die Serie wurde in den Jahren 1987/88 mit dem Adolf-Grimme-Preis in Gold ausgezeichnet, sie lässt sich auch heute noch kaufen, es gibt eine „25 Jahre Jubiläums-Edition“.

Diese Box kann heute nur noch Liebhabern von München in den 1980er Jahren empfohlen werden, andere werden sie nicht verstehen. Sie werden nie kapieren, dass der „Baby“ im Grunde ein Moralist ist, der die ganzen Erpressungs- und Bestechungsversuche abscheulich findet, die dazu führen sollen, dass irgendwelche unbedeutenden Möchtegerns in die Zeitung kommen. Und der als Journalist versucht, der Wahrheit nachzuspüren, wenn es um schmutzige Waffengeschäfte geht. Und der am Ende gekündigt dasteht und den seine Freundin Mona verlässt, um ihrem eigenen Ruhm als Sängerin nachzujagen. Und schon gar nicht werden sie verstehen können, was die Rechnungen der damaligen Münchner Feinschmecker-Lokale bedeuteten, was die Einkaufstüten von Rudolph Moshammer signalisierten und warum Mario Adorf ebenso leidenschaftlich auf das Fenster des Szene-Lokals trommelte wie der Jungsozialist Gerhard Schröder am Gitter des Bonner Bundeskanzleramts rütteln sollte: „Ich will da rein.“

In „Zettl“ sehen wir von den „Kir Royal“-Schauspielern wieder Senta Berger, Dieter Hildebrandt und Hanns Zischler, die „unschlagbar charakterlos“ von den dazugekommenen Pseudo-Berlinern an die Seite gedrängt werden, sie sind ja auch schon alt, die altersschöne Senta Berger mit ihren 71 Jahren, der rollstuhlfahrende Dieter Hildebrandt mit seinen 85 Jahren, und Hanns Zischler mit seinen 65 Jahren geht am Stock mit Silberknauf. Vom „Kir Royal“ fehlt – in jeder Hinsicht – Franz Xaver Kroetz, der heute auch schon 66 Jahre alt ist.

Ist doch prima, könnte man sagen, dann bekommen eben nun die Jungen ihre Chance! Lass doch die Greise ihren Münchner Erinnerungen nachheulen, jetzt gehört das Berliner Feld den Jungen, allen voran dem 44-jährigen Münchner Michael „Bully“ Herbig und der sommersprossig blassen 28-jährigen Berlinerin Karoline Herfurth. Aber so erzählt der 68-jährige Dietl die Geschichte eben nicht: Die Alten haben immer noch das Sagen und der Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Dietl in jedem Fall. Man wusste es ja schon vorher: Es ist und bleibt allein sein Film, und so ist und bleibt es allein seine Verantwortung, dass „die großartige Satire auf die Berliner Republik“ eine überdrehte, klamaukige, überzeichnete, atemlose Kaskade von Szenen geworden ist, die den Zuschauer merkwürdig unberührt und kalt lässt. Die Maschinengewehr-Salven der Dialoge und die Atemlosigkeit der viel zu schnellen Schnitte führen dazu, dass der Zuschauer nicht in den Film gezogen wird, sondern davor sitzen bleibt wie im Kasperletheater und sich zunehmend mehr fragt: Was muss mich das alles angehen? Was hat das mit jenem Berlin zu tun, in dem die politische Wirklichkeit die so viel besseren und saftigeren Geschichten schreibt als die matten Geschichtchen, die Max Zettl und seine unbedarften Redaktionsmitarbeiter recherchieren? Man denke nur an Geschichten wie jene über das Kind des damaligen CSU-Vizechefs und der Bundestagsmitarbeiterin, über den Freiherrn aus dem Fränkischen oder den Häuslebauer aus Großburgwedel!

Wer an solche möglichen Berliner Geschichten denkt, schmunzelt, wenn er zur Kenntnis nimmt, dass einer der Mitproduzenten von „Zettl“ David Groenewold ist, dessen Foto allein schon für die Mitarbeit bei diesem Film spricht.

Geradezu filmreif ist die Tatsache, dass Herr Groenewold nicht nur Dietls Film mitfinanziert hat, sondern der vermutlich entscheidende Baustein beim Abgang des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff wurde – zuerst bei seiner angeblichen Unterstützung der Fertigstellung des Wulff politisch nützlichen und auch schmeichelhaften Buches (“Ein Mann für alle Jahreszeiten”). Die Medien – und nun vielleicht die Staatsanwaltschaft in Hannover – konstruierten daraus einen Zusammenhang, weil es bis vor ein paar Jahren steuerliche Vergünstigungen für die Geldanlage in deutsche Filme gab, für deren Beibehalt sich Christian Wulff als niedersächsischer Ministerpräsident eingesetzt hatte. Das an sich ist durchaus nicht verwerflich; es ist sogar begrüßenswert, dass heimische Filmproduktion gefördert wird, auch Dietl hat davon umfangreich bei der Produktion von „Zettl“ profitiert. Dennoch mutete es schon ein wenig merkwürdig an, wenn ein für Wulff politisch nützliches Buch von einem gesponsert wird, in dessen wirtschaftlichem Interesse der Einsatz des Ministerpräsidenten ungefähr zur gleichen Zeit lag. Die Berichte über die Freundschaftsdienste Groenewold betrafen nicht nur die angebliche Subventionierung der Biographie von Wulff, sondern auch ein Upgrade für eine Suite für Wulff im Bayerischen Hof in München – dem Lieblingshotel von „Baby“ Schimmerlos und Helmut Dietl – sowie einen Hotelaufenthalt des Ehepaars Wulff im Hotel Stadt Hamburg auf der Insel Sylt. Das alles wäre doch ein schönes Zusatzthema für „Zettl“ gewesen und etwas spannender als ein Bundeskanzler, der einen Hirninfarkt erleidet und tiefgekühlt aufbewahrt wird – aber vielleicht ist das dann doch zu realistisch für eine deutsche Satire.

26 Jahre nach „Kir Royal“ und sieben Jahre nach seinem letzten Film („Vom Suchen und Finden der Liebe“) scheint Dietl, dieser „stillgelegte Vulkan“ (Dieter Hildebrandt) nur mehr lauwarme Lava verströmen zu können. Warum hat er geglaubt, er müsse sich Berlin vornehmen, das er nicht wirklich kennt? Warum ist er nicht bei seinem so genialen Verbündeten Patrick Süskind bei den Drehbüchern von „Der ganz normale Wahnsinn“ (1979), „Monaco Franze“ (1982), „Kir Royal“ (1986), „Rossini – oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief“ (1997) und „Vom Suchen und Finden der Liebe“ (2005) geblieben? Warum musste es der irrlichternde Pastorensohn und „Popliterat“ Benjamin von Stuckrad-Barre sein, der – neben seiner Arbeit seit 2008 exklusiv für Zeitungen der Axel Springer AG – beim Drehbuch mitgeschrieben hat und dem angeblich die meisten der Dialoge und Gags zu verdanken sind?

Ist es insgesamt möglich, dass ein heimatlos gewordener Münchner geglaubt hat, er müsse sich ganz grundsätzlich neu erfinden? In München, wo er sich mit genialem Gespür in der ihm vertrauten Welt – die er immer zugleich auch hasste – elegant und witzig bewegte, konnte er seiner Suche nach den (Anti-)Helden, die ihren Platz auf der Welt und in den Beziehungen mit anderen Menschen – vor allem Frauen – suchen, mit dem größten Erfolg nachgehen. Die oben angeführte Aussage gegenüber Katrin Bauerfeind – die übrigens im Film „Zettl“ die TV-Nachrichtensprecherin Frau Freedeking spielen darf – trifft wahrscheinlich den Kern des ganzen Dramas, das sich mit diesem so grandios missglückten 10-Millionen-Desaster vollzogen hat: Vielleicht ist Helmut Dietl tatsächlich selbst sein eigener, größter Feind. Er ist mit seinem Versuch, die Erfolge von „Kir Royal“ – der damals nur 1,2 Millionen Mark gekostet hat – einfach zu extrapolieren, phänomenal und krachend gescheitert; jener Methode also, die darin besteht, ein (zumeist mathematisch erfasstes) Verhalten über den bereits gesicherten Bereich hinaus zu bestimmen. Eine Geschichte zu erzählen, indem man einfach eine bereits gesicherte Version nimmt und diese auf einen anderen Fall überträgt, den man nicht genau kennt, kann funktionieren, kann aber auch schwer danebengehen. Mit „Zettl“ hat es nicht funktioniert, so einfach ist das.

Als jemand, der den Geburtsjahrgangsgenossen Helmut Dietl seit vielen Jahren gewissermaßen als „Alter Ego“ mit viel Sympathie und Bewunderung begleitet, der viele Dialoge aus den „Münchner Geschichten“ und dem „Monaco Franze“ wörtlich zitieren kann, der aus „Rossini“ ganze Szenen nacherzählen kann, erlaube ich mir doch diese Ansprache:

Lieber Helmut Dietl, gehen Sie dorthin, wo Sie sich auskennen und machen Sie darüber Ihren nächsten Film. Wie wäre es, wenn Sie jenen Film fortsetzen, den Michael Althen mit seinem Film „München – Geheimnisse einer Stadt“ begonnen hat?

Ihr nächster Film könnte also Ihre Geschichte erzählen, die davon handelt, wie ein Bub, der am 22. Juni 1944 in Bad Wiessee am Tegernsee geboren wurde, mit seiner Mutter nach München-Laim in das Haus Gaishoferstraße 47 kam, wie er nach dem Abitur Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte studierte, aber nicht abgeschlossen hat, wie er dann Aufnahmeleiter beim Bayerischen Fernsehen und Regieassistent an den Münchner Kammerspielen wurde, wie er zum Filmen gekommen ist. Wie das war mit seinen diversen Beziehungen zu Frauen, von denen er viele geheiratet hat. Und vor allem, wie sich dieses ganze bisherige Leben im Leben der Stadt München widerspiegelt, von der er in einem langen SPIEGEL-Interview mit Helmut Karasek im Sommer 1987 sagte: „Für mich war das als Kind eine Großstadt und voll von Geheimnissen. […] In mir ist immer noch das Kind, das gebannt auf diese ungeheure Großstadt starrt.“

Was ist mittlerweile aus jener Stadt geworden, so könnten Sie in Ihrem nächsten Film fragen, in der einst der Lebenskünstler und Vorstadtstrizzi Karl Häusler, der „Tscharlie“ (Günther Maria Halmer), bei seiner Oma (Therese Giese) lebte und mit ihr gemeinsam erleben musste, was Altstadt„sanierung“ und Gentrifizierung aus dem kleinbürgerlichen Milieu des Viertels zwischen Maximilianstraße und Prinzregentenstraße – „s‘Lechl“ – machten, als der Eroberungsfeldzug der Schickeria und der Versicherungskonzerne erst begann, die inzwischen die ganze Stadt München erobert haben? Der „Tscharlie“, immer auf der Suche nach der „Riesensach“, wusste es schon 1974: „Ois is Chicago!“, also „Alles ist Chicago!“

Damals, in den „Münchner Geschichten“, entwickelte Dietl seine Begabung, solche melancholisch-grotesken Geschichten meisterhaft zu erzählen und sein Publikum dazu zu verführen, seine Sprüche in den eigenen Sprachschatz aufzunehmen, „logisch!“. Ich würde mir persönlich wünschen, dass er diese Geschichte weiterschreibt, genauso wie Woody Allen seine Manhattan-Geschichten auch immer weitertreibt. Da mag es zwar erfolgreiche Ausflüge nach London („Match Point“, 2005), Barcelona („Vicky Cristina Barcelona“, 2008) und Paris („Midnight in Paris“, 2011) geben, doch der Sohn jüdischer Eltern aus Brooklyn, Allen Stewart Konigsberg, hat sein Biotop nie eigentlich verlassen, auch nicht mit seinen Filmen. Ich bin fest davon überzeugt, dass Helmut Dietl das für sein Biotop München und dessen Umgebung auch heute noch kann, vielleicht sogar besser als je. „Zettl“ war ein Irrtum, so wie der „Monaco Franze“ auch einmal gemeint hat, er muss sich die grauen Schläfen färben lassen, nur weil er seinen „Engel“ Jacqueline kennengelernt hat.

Gehen wir über „Zettl“ als einem (un)nötigen Umweg hinweg und wenden uns den eigenen Möglichkeiten und eigentlichen Aufgaben zu: Die große Erzählung, wie die dumpfgemütliche Stadt an der Isar von der „heimlichen Hauptstadt“ zum Parkplatz der Cayenne-Fahrer wurde, wartet auf ihren begnadeten Erzähler. Wenn Ihr Ko-Autor Stuckrad-Barre bei der „Zettl“-Premiere im Münchner Mathäser Filmpalast vor lauter Ärger über den lauen Empfang „Scheiß München!“ dem Publikum zupöbelte, dann wissen wir als Münchner, dass das ein wenig zu schlicht ist. Wir sagen nie, „Das war’s!“, denn wir wissen: „A bissl wos geht imma!“

Zettl. Unschlagbar charakterlos. Deutschland, Februar 2012 – Regie: Helmut Dietl. Drehbuch: Dietl, Benjamin von Stuckrad-Barre. Mit Michael Herbig, Karoline Herfurth, Dagmar Manzel, Ulrich Tukur, Hanns Zischler, Harald Schmidt, Götz George, Senta Berger, Dieter Hildebrandt. Verleih: Warner, 109 Minuten.

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Titelbild

Helmut Dietl / Benjamin von Stuckrad-Barre: Zettl. Unschlagbar charakterlos.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012.
220 Seiten, 10,99 EUR.
ISBN-13: 9783462044058

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