Ein vielbeschäftigter Mann

Über Arnon Grünbergs Roman „Mit Haut und Haaren“

Von Pia Schoknecht

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im Leben der Hauptfigur von Arnon Grünbergs Roman „Mit Haut und Haaren“ Roland Oberstein gibt es drei Frauen. Seine Ex-Frau, seine Freundin und Lea, die dabei ist, seine Geliebte zu werden. Roland ist „wie die USA: Er kann mehrere Kriege gleichzeitig führen“. Doch bei keiner dieser Beziehungen ist er mit Leidenschaft dabei – nicht einmal die aufkeimende Affäre bereitet ihm Nervenkitzel. Lea bringt die Sache ins Rollen und zwar, weil sie der Meinung ist, dass es nach Jahren der Monogamie mit ihrem Mann an der Zeit ist fremdzugehen. Der ist lieber der perfekte Politiker oder unternimmt etwas mit den gemeinsamen Kindern als „Erektionen zu produzieren“.

Vor Ex-Frau, Kind und Freundin in Amsterdam ist Roland nach Fairfax in den USA geflüchtet. Dort kann er freundliche Distanz wahren und muss sich höchstens telefonisch mit seinen nächsten Mitmenschen befassen. Aber er trägt natürlich trotzdem Verantwortung – nur eben von der anderen Seite des Atlantiks aus.

Roland Oberstein lebt nach der Devise: „Warum sich abmühen, man selber zu werden, wenn man auch der werden kann, den der andere sich wünscht?“ Genau dies tut Roland – zumindest oberflächlich – er geht mit seinen Universitätskollegen zum Mittagessen, telefoniert mit seiner Mutter einmal pro Woche und lässt sich eben auf ein Date mit Lea ein, sie will es ja so. Aber so richtig dabei ist er selten. Selbst als ihm seine Freundin beichtet, dass sie ihn betrogen hat, erschüttert ihn das nicht. Ihn interessiert hauptsächlich, wie und wo sie es getan haben. Informationshalber. Ob Roland Oberstein vom Pragmatiker noch zu einem Mann wird, der das Leben „mit Haut und Haaren“ genießt, erfahren wir leider erst, wenn der Roman erschienen ist, da der Rezensentin nur ein gekürztes Leseexemplar vorlag.

Die nüchterne Erzählweise Grünbergs ist jedenfalls ein Genuss für alle Anhänger trockenen Humors. Der Klappentext bezeichnet den Roman als „messerscharfe Satire über die ewige Kontaktsuche von Beziehungsflüchtlingen. Bravourös spitzt Arnon Grünberg innere Widersprüche zu aphoristischen Paradoxen zu“. So viel kann man sagen: „Mit Haut und Haaren“ hält, was es verspricht.

Titelbild

Arnon Grünberg: Mit Haut und Haaren. Roman.
Übersetzt aus dem Niederländischen von Rainer Kersten.
Diogenes Verlag, Zürich 2012.
271 Seiten, 22,90 EUR.
ISBN-13: 9783257068139

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