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 literaturkritik.de » Nr. 7, Juli 2012 » Deutschsprachige Literatur
 
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Meister Meeses Wortfabrik

Zur Textsammlung der Schriften von Jonathan Meese

Von Thomas NeumannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Neumann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Maler Jonathan Meese ist nicht nur Maler und Grafiker. Er ist auch Texter, Dichter, Schriftsteller – und Konzeptkünstler in Sachen Text. Seine Texte oszillieren zwischen Begriffen wie „Erzland“ und „Studentenfurz“. Was es damit auf sich hat, fragt man sich natürlich. Oder möchte man vielleicht die Texte in ihrer Unverständlichkeit einfach nebeneinander stehen lassen? Möchte man das Disparate, das Widersprüchliche, Heterogene, die Absurdität einfach einmal aushalten? Meeses Kunst fordert dies vom Zuschauer ebenso wie vom Leser.

Der Band ist ein Lesebuch und ein Wegweiser durch das Werk und die Bildwelten des Malers Meese. Dieser brilliert durchweg mit einer Mischung aus Nonsens und literarischer Miniaturprosa – und dies alles für den Dienst an einer „Diktatur der Kunst“. Jonathan Meese schafft mit seiner „Diktatur der Kunst“ eine Utopie in der Gegenwart, baut diese kontinuierlich aus und macht sie damit erleb- und greifbar. Dabei liefert er Prosaminiaturen der besonderen Art: „Die Ameise der Kunst: So, ich bin nicht nur die Ameise der Kunst, sondern ab heute bin ich der Metabolische. Heute, der 12.4.2008, kennzeichnet den Tag, an dem die Ameise der Kunst der Metabolische geworden ist, und das lass’ ich mir nicht mehr ausreden. Am Ende meines mickrigen Lebens kann ich wenigstens noch sagen, dass ich am 12.4.2008 der Metabolische geworden bin.“

So versäumt es Meese auch nicht, gesellschaftliche Missstände mit seiner Kunst zu thematisieren: „Die [Kunst] braucht sich nicht zu schützen. Nur wir schaffen uns gerade selbst ab. Wir machen uns zu Kulturfunktionären, also, zu gehirntoten Zombies, das ist alles. Und dann kommen wir ja nicht mehr in den Genuss, Kunst zu sehen oder sie spielerisch an uns abspielen zu lassen. Wir ersticken im Todesritual. Deshalb geh’n die Leute ja alle in Religionen auf, weil sie an das Leben nach dem Tod glauben und es ihnen eingeflößt wird. Das ist doch alles menschenverachtend. Das Leben ist so scheiße, dass das Leben nach dem Tod so ‘ne hohe Konjunktur hat. Die Leute sind doch unzufrieden.“. Meese nimmt seltsame Perspektiven ein, sieht, kritisiert und beschreibt die Welt mit den Augen des „Diktators der Kunst“.

Und natürlich kann man Jonathan Meese selbst mit diesen über sechshundert Seiten Text der Sammlung nicht gerecht werden. Es ist ein Lese- und Entdeckungsbuch zu der Textebene von Meeses Werk. Und sie verweißt, wie so oft bei diesem multiaktiven Künstler, auf seine visuellen Produkte, auf seine Bilder, die in ihrer Flut ebenso inkommensurabel wirken wie dieser Sammelband. Und letztendlich ist es ja genau das, was er im Sinne hat: „Alles“ durch die Kunst zu ersetzen, die Welt mit Kunst zu überfluten und letztendlich zu retten. Welch nobler Plan, Herr Meese! Wir sind dabei.

Titelbild

Jonathan Meese: Ausgewählte Schriften zur Diktatur der Kunst.
Herausgegeben von Robert Eikmeyer.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2012.
662 Seiten, 29,00 EUR.
ISBN-13: 9783518126561

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 literaturkritik.de » Nr. 7, Juli 2012 » Deutschsprachige Literatur
 

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Letzte Änderung: 20.06.2012 - 12:54:56
Erschienen am:20.06.2012
Lesungen: 795
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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