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 literaturkritik.de » Nr. 7, Juli 2012 » Deutschsprachige Literatur
 
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Das Vielerlei aus nichts als Licht

Die Lyrikerin Anne Dorn hat mit 86 Jahren noch „Hunger nach Schönem“

Von Thorsten SchulteRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thorsten Schulte

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Wetterleuchten“ heißt die Sammlung von 60 Gedichten auf 74 Seiten nebst Nachwort, die in Leipzig mit Unterstützung der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen herausgegeben wurde. Nichts an der schlichten Umschlagsgestaltung und der Aufzählung formaler Fakten weckt große Erwartungen angesichts eines Buches das den Charme eines hässlichen Schimmelflecks vermittelt, wenn es ungelesen auf dem Tisch liegt. Doch schlägt man es auf und beginnt die Lektüre, wird man schnell versöhnt. Mitgerissen in einem assoziativen Strom von Berührungen, Düften und stillen Augenblicken staunt der Leser über den Bauchladen voller Merkwürdigkeiten, den die Autorin Anne Dorn ihm anpreist. Sie hat viel zu erzählen. „Und aus solchem Reichtum, / den ich mit mir herumschleppe, / erwächst mir große Unruhe“. „Ungefragt“ überbringt sie Sehnsüchte: „Ich erinner Euch an Eure große Lust, / zu leben.“ Unstillbar ist ihr „Hunger nach Schönem, / diese seltsame Sucht, sich aufzurichten, / zu warten und zu empfangen mit offenen Augen“.

Ausgangspunkt ihrer Beobachtungen ist fast immer das Licht, „das Vielerlei / aus nichts als Licht!“ Von ihm kommt sie meist zu den Geräuschen. Mit hingetupften Wörtern initiiert sich der Regen als Staccato. Es gurgelt und gluckst in Regenrinne und Fallrohr, bis schließlich der Himmel aufreißt und die Sonne wieder scheint. Das Dampfen und die Gerüche nach dem warmen Sommerregen werden greifbar. An anderer Stelle dunkelt der Wald demütig, als im Feld ein gelbes Kleid erspäht wird – „Sommer am Leib einer Frau“. Mit dem gelben Kleid, weißem Dunst, dem Maigrün der Bäume und zinnoberroten Beeren weitet sich die Farbsprache, gezielte Akzente werden im zärtlichen Pastellgemälde der Sommerliebe gesetzt. Es entsteht ein Panorama der Wärme. Anne Dorn schafft es mit einer großen Farbpalette, dem Spiel mit Licht und Dämmerung sowie sanfter Ohren- und Blickführung, alle Sinne anzusprechen und nicht nur ihre, sondern auch scheinbar verbindende, dem Leser ebenso bekannte Gefühle in Worten zu fassen. Staunend schmeckt der Leser die warme Milch auf der Zunge, er riecht die Brombeerranken, spürt die Sonnenstrahlen auf der Haut und sieht die „körnerspeienden Rüssel / der Mähdrescher im Feld“. Die Gedichte sind warm, zärtlich und lebendig.

Doch das ist längst nicht alles. Anne Dorn deutet an, „irgendwas, irgendwie, irgendwo“ bewegen zu wollen, sich nicht im Schauen zu verlieren. Ein Kleinod ist die ihr gelungene poetische Verwandlung einer wilden Müllhalde („Vergessene, wispernde Halde“) in den selbstbewussten Chor achtlos weggeworfener Gegenstände, die am Wegesrand zusammen ein ruhiges Lied singen und ein Porträt ihrer früheren Eigner zeichnen. Viel Autobiografisches fließt in die Gedichte ein: Trennungen und Verluste prägten sie schon in der Kindheit; ergreifend ist die Beerdigung ihrer Cousine. Schaudernd kann nur erahnt werden, welche Erlebnisse sie bewogen haben, das Gedicht „König Schmerz“ zu verfassen („Seine Macht ist derart vernichtend, / daß du, kein Mensch mehr, / ihn um Gnade bittest.“).

Im Nachwort konstatiert Jayne-Ann Igel daher auch bewegt: „Nein, mit Idyllen hat das nichts gemein“. Und doch sind die Gedichte nicht sentimental, sie sind lebensbejahend, kraftschöpfend und wachrüttelnd. Wenn Anne Dorn allein gelassen werden möchte, um sich heimlich und allein „haltlos auszujammern“, dann schöpft sie auch aus Schmerz und Trauer Lebenskraft: „Ich schwebe dann/ ganz leicht durch mein Zimmer. / Es schmeckt nach Leben, / wenn ich heimlich schwebe.“ Sie überschreibt das Gedicht mit nur einem Wort: „Augenblick“. Sei er schön oder nicht, in ihm verweilen möchte sie nicht. Es gibt zu viele, die sie fassen möchte. Und auch wenn Arme und Beine ihr jetzt im Alter nur noch bedingt gehorchen, die Lippen und die Augen funktionieren. So wirbelt sie „den Krückstock im Kreis“ und beobachtet: „Die Lilien duften. / Mauersegler voll Schwung erneut im Anflug.“

Warum Anne Dorn erst jetzt eine Sammlung ihrer Gedichte vorlegt, bleibt ein Rätsel. Zwar veröffentlichte sie bereits Romane und schrieb Hörspiele, aber das lyrische Werk blieb über Jahrzehnte – um in Dorns Sprache zu bleiben – „unter der Wiese“. Nur das auserlesene Publikum literarischer Fachzeitschriften kam in den Genuss der Lektüre einzelner poetischer Kostproben. Dass man Anne Dorn, die 1925 geboren wurde, nun als 86jährige Debütantin bezeichnen kann, wird sie sicherlich freuen. Viel wichtiger ist aber, dass ihre wertvolle Sammlung jetzt nicht mehr verloren gehen kann und zwischen zwei (hässlichen) Buchdeckeln gerettet zum Kauf bereit steht.

Doch Vorsicht: „Jeden, der glaubt, mich genau zu verstehen, / und der mich entdeckt, gerade jetzt, / muß ich sofort erschießen!“. Lächelnd kann das Buch geschlossen werden – mit der Gewissheit, dass es nicht im Regal verstauben wird, denn es enthält einfach zu viele Momente, die es wert sind, immer wieder aufgerufen und nachgelesen zu werden.

Titelbild

Anne Dorn: Wetterleuchten. Gedichte.
Poetenladen, Leipzig 2011.
79 Seiten, 16,80 EUR.
ISBN-13: 9783940691309

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 literaturkritik.de » Nr. 7, Juli 2012 » Deutschsprachige Literatur
 

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Letzte Änderung: 18.06.2012 - 15:20:11
Erschienen am:20.06.2012
Lesungen: 1031
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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