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 literaturkritik.de » Nr. 7, Juli 2012 » Krimis und Thriller
 
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Drei seltsame Brüder, eine Taube und das „Wütende Heer“

Fred Vargas ist auch in ihrem neuen Krimi auf der Höhe ihrer Kunst

Von Georg PatzerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Georg Patzer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Schon wieder Adamsberg. Der „Wolkenschaufler“ und Hans-guck-in-die-Luft, der seine Fälle manchmal dadurch löst, dass er nichts macht, abwartet, zuhört. sich in seinen eigenen Gedankenlabyrinthen verheddert. Und dann mit der (oder einer) Lösung wieder herauskommt. Schon wieder ein Mythos, der uns bedroht: die „Wilde Jagd“, das „Wütende Heer“, das durch Nordfrankreich tobt und sich böse Menschen holt. Oder holen lässt, denn manchmal richten sich die Opfer selbst, und manchmal werden sie von jemandem gerichtet.

Es ist ein glühend heißer Sommer, als sich eine verängstigte Dame nach Paris traut, um Kommissar Adamsberg aufzusuchen, ihn um Hilfe zu bitten. Denn ihre Tochter Lina hat in Ordebec das „Wütende Heer“ gesehen, das vier Opfer ankündigt. Natürlich glauben die aufgeklärten Geister ihr nicht, natürlich glaubt Adamsberg das durchaus. Wenn auch nicht als Esoteriker. Er ist sicher, dass sich einer des mittelalterlichen Mythos bedient, um zu morden.

Gleichzeitig wird ein steinreicher Industrieller verbrannt, und alle Spuren führen zu dem jugendlichen Anarchisten Mo. Fast alle, denn manchen darf er nicht folgen, etwa den Spuren zu den Söhnen, denn die haben genug Macht, um alles abzublocken. Aber Adamsberg weiß, dass es Mo nicht war, denn die bei ihm gefundenen Turnschuhe waren falsch zugebunden. Er greift zu einem gefährlichen Mittel und hilft ihm zur Flucht. Nimmt ihn mit nach Ordebec, wo er auf die alte Léo, die hellsichtige Lina und ihre drei seltsamen Brüder trifft: Der eine spricht rückwärts, der zweite isst Insekten, und der dritte glaubt, aus Ton zu sein. Und er nimmt seinen erwachsenen Sohn Zerc mit, den er erst vor ein paar Monaten kennengelernt hat, und eine Taube, der man die Füße zusammengebunden hatte, so dass sie fast verhungert wäre. Sie lebt in einem seiner Schuhe und wird von Mo und Zerc langsam aufgepäppelt.

Es ist Vargas’ bekannte und auch hier wieder gezeigte literarische Qualität, die aus diesem skurrilen und chaotischen Durcheinander einen spannungsreichen und in seinen besten Teilen philosophischen Krimi macht. Die Menschen mit ihren Macken, Commandant Danglard, der alles Wissen der Welt in sich aufsaugt wie auch möglichst viel Alkohol, Lieutenant Veyrenc, der gerne in Reimen spricht, Adamsberg selbst, der sich den gängigen Kommissarklischees verweigert, selbst denen, die aus ihm einen einsamen Rächer machen wollen – sie alle müssen sich zusammenraufen, müssen mit ihren Eigenarten leben, ohne dass sie zu „Dämonen“ würden. Viele von ihnen sind traumatisiert, aber doch lebendig und liebenswürdig geschildert, dass man sich fast selber wünscht, traumatisiert zu sein: Es sind, trotz aller Skurrilität, normale Menschen, die einfach mal hier, mal da vom Rand des Lebens rutschen. Und das ist eigentlich ihre große Stärke, denn erst dadurch können sie all das in sich aufnehmen und verstehen, was selbst vom Rand gerutscht ist.

Titelbild

Fred Vargas: Die Nacht des Zorns. Roman.
Übersetzt aus dem Französischen von Waltraud Schwarze.
Aufbau Verlag, Berlin 2012.
432 Seiten, 22,99 EUR.
ISBN-13: 9783351033804

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Letzte Änderung: 21.06.2012 - 11:44:31
Erschienen am:25.06.2012
Lesungen: 844
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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