Im Herrschaftsgebiet des Erzählers

Jiri Kratochvil demonstriert in „Das Versprechen des Architekten“, was mit Souveränität des Erzählers gemeint ist

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die erzählerische Grundanlage des Kriminalromans ist eng verknüpft mit dem realistischen Erzählen. Plausibilität hat hier eine zentrale Bedeutung. Die Auflösung des Rätsels, das sich hinter jeder Tat verbirgt, deren Ursache, der Täter, entdeckt werden soll, ist nicht zuletzt eben auch eine Machtdemonstration des Realitätsprinzips, unabhängig davon, dass auch das, was gemeinhin Realität genannt wird, doch als eher rätselhaft erscheint.

Die Entscheidung gegen das Fantastische hat Edgar Allen Poe mit dem „Mord in der Rue Morgue“ bereits im 19. Jahrhundert getroffen, als er den Affen auf demonstrativ plausible Weise in das Mordzimmer schaffte. Wenn selbst das Unerklärliche erklärt werden kann, dann ist das eben auch eine Entscheidung, die nachhaltige Konsequenzen hat: Das Rätsel der Kriminalromane muss entziffert werden können, und als Ursache darf nur ein Faktor aus dem realen Leben in Frage kommen. Das kann ein Verrückter sein, aber kein Wunder. Da muss man sich entscheiden.

Aus dieser Basisentscheidung folgen für Erzähler klare Schranken, die sie nicht durchbrechen dürfen: Sie dürfen ihre Figuren im Blut waten lassen, was man gleichermaßen für fantastisch wie für realistisch ansehen kann. Sie dürfen auch Unerwartetes inszenieren, aber eben nichts „Unnatürliches“. Alles, was sie erzählen, muss plausibel und wahrscheinlich sein – nach den ominösen Regeln des Realitätsprinzips.

Das ist zugleich ein Segen für die Kriminalliteratur wie auch ein Schaden. Ein Segen wohl deshalb, weil mit dem Übernatürlichen eine Menge Schindluder getrieben werden kann. Mit anderen Worten, das kann ganz schlimm werden. Andererseits können fantastische Elemente durchaus ihren Reiz haben, wenn sie konzentriert eingesetzt werden.

Zum Beispiel wie jemand, der träumt, dass er einen anderen anruft, und es klingelt ein Telefon, wo keines ist. Jiri Kratochvil gehört offensichtlich zu den Autoren, die die Grenzen der Krimierzählung zu öffnen verstehen. Wenngleich darauf offensichtlich die Frage folgen muss, ob „Das Versprechen des Architekten“ überhaupt ein Krimi ist. Aber lassen wir das.

Kratochvil lässt seinen Roman in den 1950er-Jahren in der Tschechoslowakei spielen. Das stalinistische Regime, das seine eigene fantastische Note hat, tobt sich an seinen Genossen aus. Ein Architekt, der das Pech hat, für einen NS-Bonzen eine Hakenkreuzvilla gebaut zu haben, gerät in die Fänge der Geheimpolizei. Seine Schwester, eine Malerin, kommt bei einem Verhör zu Tode. Der Mann schwört, die Peiniger seiner Schwester – wie in einer Nabokov-Erzählung, deren Manuskript seinem Vater gehörte – zu kidnappen und in einem Versteck bis zu ihrem Tode gefangen zu halten.

Das Ganze platziert er in den Kellergewölben unterhalb des Mietshauses, in dem er lebt. Die Detektivgeschichte des Anfangs aber wird spätestens mit dem Verschwinden des Detektivs aufgegeben, der von der Geheimpolizei auf den Fall angesetzt wird, da sie selbst nicht weiterkommt.

Vom Krimi zur Allegorie: Da die Höhlen immens groß sind, fängt der Architekt, der ein Bewunderer Le Corbusiers ist, zugleich an, eine Art unterirdischer Utopie zu entwerfen und dafür auch noch seine Durchschnittsbevölkerung zusammenzustellen.

All diese Leute muss er gefangen halten, damit seine kleine Keller-Gesellschaft nicht auffliegt, und diese will er zusammenhalten, um zu sehen, was mit seiner Idee passiert. Das geht solange, bis sein Geheimdienstpolizist stirbt (was bekanntlich ein wenig forciert werden kann). Die Kellergesellschaft als utopische Gemeinschaft wird so durch ein fragiles Band zusammengehalten oder getrennt, nämlich durch den Wunsch, der Geheimpolizist möge bald sterben (oder zu Tode gebracht werden). Was ja den utopischen Charakter grundsätzlich ad absurdum führt.

Dass der Architekt am Ende alle freilassen will, aber einem fatalen Unfall zum Opfer fällt, passt genauso wunderbar zu der Geschichte, wie auch die Versicherung des Erzählers, alles werde gut, zu der souveränen Schreibweise des Autors.

Zeiten- und Perspektivwechsel werden mit einer Leichtigkeit inszeniert, wie sie selten ist, immer noch, obwohl die Schreibtechniken, mit denen so etwas geht, mittlerweile bekannt genug sind. Vor allem deutsche Autoren können sich hier ein paar Scheibchen abschneiden, immer noch, im Krimigenre sowieso.

Die Absurdität der stalinistischen Szenerie, die merkwürdigen Umwege, die die Geschichte nimmt und die Skurrilität der Figuren versammeln sich zu einem Ensemble, das in sich stimmig und vor allem höchst amüsant ist. Genre-Fragen interessieren deshalb nur wenig, die speziellen Krimifragen (wer hat was und wie getan?) greifen einfach ins Leere, und an Auflösung ist niemand wirklich interessiert (wie der Detektiv zwischenzeitlich bemerkt, kann Aufklärung gelegentlich arg unangenehm sein), höchstens noch daran, wie der Erzähler seine imaginierten Gefangenen am Ende doch losbekommt. Eine Versicherung allein ist da nicht befriedigend.

Titelbild

Jiri Kratochvil: Das Versprechen des Architekten. Roman.
Übersetzt aus dem Tschechischen von Julia Hansen-Löve und Christa Rothmeier.
Wilhelm Braumüller, Wien 2010.
386 Seiten, 23,90 EUR.
ISBN-13: 9783992000050

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