Zuwortkommen auf dem Abort

Peter Handke versucht sich an den stillen Örtchen

Von Juan Sol

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Seit dem Morgen in der Tempelgartentoilette von Nara [Japan] – über zwanzig Jahre ist das nun her – begleitet mich der Stille Ort, über das Ding und den Platz hinaus, als Idee. Mit anderen Worten: Er ist seitdem ein Vorwurf, oder ins Altgriechische zurückübersetzt, ein Problem, ein reizvolles – in seiner ersten Bedeutung ein ‚Vorgebirge‘, etwas zu Umfahrendes, zu Umkurvendes, wobei das Schiff, der das Boot, oder der Nachen in diesem Fall die Sprache ist, die des umkreisenden oder umreißenden Erzählens.“

Nach seinen „Versuchen über die Müdigkeit“ (1989), über die „Jukebox“ (1990) und „[Ü]ber den geglückten Tag“ (1991) greift Peter Handke nach über zwanzig Jahren auf das Format des Essays mit stark autobiografischen Zügen zurück. Dabei geht es weniger um das Rekapitulieren sinnlicher als vielmehr kognitiver und poetischer Erfahrungen und die Auseinandersetzung mit der Eindringlichkeit der Stille auf dem Abort; diesem „leicht zu übersehen[den]“ Unort. Das Anliegen des „Versuchs“ ist daher nicht eine Kulturgeschichte des Aborts zu zeichnen, sondern Handkes Verhältnis zum stillen Ort neugierig zu artikulieren. Im Zuge seiner Recherchen, erzählt Handke, hätten nämlich gerade „die historischen, völkerkundlichen, soziologischen Lektüren“ seine Spur eher „zu verwischen gedroht“. Entsprechend frei ist der Text erzählt – immer wieder durch gedankliche Einschübe zersetzt –, ohne einen wie auch immer gearteten wissenschaftlichen Anspruch. Im Gegenteil. Da Handke aus seinen Erinnerungen schöpft, wird der Text gelegentlich sogar szenisch. Als er sich beispielsweise eines Tages alleine auf der Toilette der Fakultät Gesicht und Haare wäscht, kommt unverhofft ein Professor, mit dem er im argen Zwist liegt, durch die Tür herein. „Kein Wort fiel, kein Blick wurde gewechselt.“ Unversehens beginnt der Dozent sich ebenfalls das Gesicht zu waschen, kämmt sich und bindet sich die Krawatte neu, sogar die Nasenhaare trimmt er sich, alles in Anwesenheit des klatschnassen Handkes und in vollkommenere Stille. Es sind Szenen, die sich nur schwer einordnen lassen, die aber vor allem das Faszinosum des Aborts verdeutlichen können. Als Ort der Diskretion, als Ort des Schweigens.

Anhand der verschiedenen Episoden seines Lebens schildert Handke, wie er eine regelrechte Kultur des Rückzugs zum stillen Ort entwickelte und was dies für Folgen auf sein Denken und nicht zuletzt seine Literatur hatte. Das ist das Wunderbare an diesem Buch. Nämlich die Bewegung, welche Handke über einhundert Seiten hinweg skizziert: vom Rückzug in die Stille und wie sich aus der Stille Sprache generiert und aus der Sprache letztlich Literatur.

Handkes besondere Beziehung zum stillen Ort beginnt bereits während der Schulzeit. Da seine Altersgenossen ihn langweilen und ihm die Teilnahme am Gespräch reizlos scheint, flüchtet er sich in die Abgelegenheit; ein Habitus, den er bis heute kultiviert. Seine ersten Rückzüge auf den Abort seien also in erster Linie ein „antisozialer“ Akt gewesen, eine Fluchtbewegung. Dabei bleibt es jedoch nicht. Aus dieser sozialen Abkehr, so rekapituliert Handke, speiste sich innerhalb des stillen Raumes eine kontemplative Intelligenz. Denn der stille Ort sei keine reine Isolation für Handke gewesen, sondern eher eine Filterung der Außenwelt auf das Akustische.

„Fast jedes Mal – nicht immer – wurden dort an den fernen Stillen Orten der Lärm, das Gelächter, das Stimmengewirr, wie das durch die Mauern, Wände und Türen herüberdrang, zu etwas nicht gerade Klangvollem, so doch in den Ohren mich Anheimelndem und es zog mich […] zu dem Lärmen, dem Krach, dem, gebe Gott, unendlichen Getöse der Räume zurück.“ Die gewonnene Stille gebärt Raum für das Sinnieren: „Dennoch bin ich an den Stillen Orten […] immer neu ins Anschauen, Betrachten, und zu guter Letzt Sinnieren, Fantasieren und Imaginieren gekommen.“

Ein Ort also auch des freien Bewusstseinsstrom, den das Textgewebe selbst in sich verkörpert. Was folgt ist das Zuwortkommen, vom Stummsein „zur Wiederkehr der Sprache und des Sprechens“, denn kaum „verschwunden im Stillen Ort: Die Sprache. Und Wörterquelle springt frisch aus, frischer vielleicht denn je zuvor“.

Das letzte Glied dieser kognitiven Kette ist das Entstehen von Literatur. So sei eine bestimmt Bahnhofstoilette in seinem Leben die unmittelbare Vorlage, die Keimzelle für seine ersten literarischen Stoffe (unter anderem die Erzählung „Die Wiederholung“) geworden. Sowohl motivisch, als auch figürlich. „Jahre später erst kam der Moment, da ich, nicht mündlich, vielmehr im Aufschreiben, jene Nacht teilweise weitererzählen konnte, verwandelt, eine Verwandlung, die nicht gedacht war, sondern wie von selbst geschah, eben im Aufschreiben.“

Handke will mit diesem Büchlein keine Theorie für irgendjemanden anders als sich selbst niederschreiben. Seine Befunde betreffen in erster Linie ihn, wenn andere eigene Gedankengänge darin ausmachen können, dann ist dies eher eine zufällige Folge. Und so gilt etwas Ähnliches wie das, was Wittgenstein im Vorwort des Tractatus so treffend beschrieben hat: „Dieses Buch wird vielleicht nur der verstehen, der die Gedanken, die darin ausgedrückt sind – oder doch ähnliche Gedanken – schon selbst einmal gedacht hat. – Es ist also kein Lehrbuch. – Sein Zweck wäre erreicht, wenn es einem, der es mit Verständnis liest, Vergnügen bereitete.“

Der Leser, der jedoch noch kein Verhältnis zu Handkes Arbeiten hat, wird sich womöglich die Frage stellen, was das soll. Denn ist doch bemerkenswert, dass Handke bei Suhrkamp anklopfen und sagen kann: „Ich habe hier auf einhundert Seiten über die Toiletten meines Lebens nachgedacht, schaut doch mal.“ Beneidenswert. Für eingesessene Handke-Leser oder Leser mit Zugang zum Gedankenmaterial hingegen könnte es nichts Geringeres als ein Einblick in Handkes sprachliches Selbstverständnis und seine Textgenese sein. Eine Frage also eher von Ernst und Unernst, von Dichte und Distanz als von gut oder schlecht.

Titelbild

Peter Handke: Versuch über den Stillen Ort.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2012.
109 Seiten, 17,95 EUR.
ISBN-13: 9783518423172

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