Fundstücke aus Literatur und Geschichte

Thomas Homscheid und Esbjörn Nyström haben einen Forschungsband zu Büchner-Preisträgerin Felicitas Hoppe herausgegeben

Von Svenja Frank

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In einer Taucherglocke lässt man Alexander den Großen von einem Segelschiff aus in die Tiefe hinab: Abenteuer- und Entdeckungsreisen spielen eine zentrale Rolle in den Texten von Felicitas Hoppe, deren komplexes Werk 2012 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet wurde. Das Titelbild des Sammelbandes „Geschichten des Reisens – Reisen zur Geschichte“, das einer mittelalterlichen Handschrift entstammt, illustriert jedoch nicht nur wichtige Motive, sondern verschränkt in Abbild und Entstehungskontext temporale und lokale Dimensionen und deutet somit auf den Untersuchungsgegenstand der Neuerscheinung hin: Während der erste Teil das Reisemotiv betrachtet, widmet sich der zweite vor allem historischen und literarischen Referenzen.

Die Romane und Erzählungen der 1960 in Hameln geborenen Autorin zeichnen sich durch einen Reichtum an intertextuellen, zu einem engen Motivnetz verwebten Verweisen aus. Von Hoppes frühen absurd-komischen Erzählungen, die sich scherenschnittartiger Figurentypen bedienen, über die poetische Anverwandlung historischer Personen schreibt sie sich inzwischen zunehmend als Autorimago in den Text ein. In den Bezugnahmen auf die literarische Tradition, dem Wechsel zwischen Erzähl- und Zeitebenen und der Verwischung der Grenzen zwischen Fakten und Fiktionen lassen sich Affinitäten zu den spielerischen Zügen der Postmoderne erkennen; dieses scheinbar selbstreflexive Verfahren verhandelt dabei unter anderem jedoch existentielle Fragen nach Wahrheit, Transzendenz und Authentizität.

Das literaturwissenschaftliche Interesse an der Autorin setzte 2008 verstärkt mit dem Tagungsband „Felicitas Hoppe im Kontext der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“ von Stefan Neuhaus und Martin Hellström ein und erlebt zur Zeit eine besondere Konjunktur, was zuletzt an der internationalen Konferenz von Ortrud Gutjahr „Abenteuer. Welten. Reisen“ in Hamburg zu sehen war. Beide Herausgeber – Thomas Homscheid lehrt an der Universität Bamberg, Esbjörn Nyström ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Stockholm – haben sich bisher unter anderem mit Fragen der Intertextualität und der Intermedialität auseinandergesetzt, mit Interferenzen zwischen kulturellen Zeichensystemen also, die auch für Hoppes Werk von zentraler Bedeutung sind.

Während die sechs Beiträge des Bandes das Romanwerk am Beispiel des Seefahrtromans „Pigafetta“ (1999), des Campusromans „Johanna“ (2006) und der Adaption für Jugendliche „Iwein Löwenritter“ (2008) fokussieren, nehmen sie mit der Porträtsammlung „Verbrecher und Versager“ (2004) exemplarisch auch die Kurzprosa in den Blick. Zudem liegt nun erstmals eine ausführliche Untersuchung der Serie „Reise um die Welt“ (1997) vor, die während einer Weltumrundung in einem Containerschiff entstand und in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschien. Nyström verortet sie überzeugend als reisefeuilletonistische Texte an der Grenze zwischen fiktionalem und faktualem Schreiben und problematisiert folgerichtig die vermeintliche Identität von Erzählerin und Autorin. Methodisch gestaltet sich der Band überaus vielseitig; neben der gattungstheoretischen werden textgenetische und narratologische Fragestellungen erörtert und unter dem Blickwinkel der Einflussforschung Quellentexte offengelegt und stoffgeschichtliche Bezüge hergestellt.

Aufgrund nicht vorhandener oder nicht zugänglicher Manuskriptvarianten ist die Rekonstruktion der Textgenese in der Gegenwartsliteratur oftmals problematisch. Umso mehr ist anzuerkennen, dass es dem Band gelingt, Aufschluss über das produktionsästhetische Verfahren der Autorin zu geben, indem er die Romane mit ihren wahrscheinlichen Prätexten vergleicht. Dies gilt für eigene und fremde Vorlagen gleichermaßen: Der Seefahrtsroman „Pigafetta“ wurde Nyström zufolge gegenüber der Feuilletonserie „Reise um die Welt“ um das Lokalkolorit gekürzt, das heißt Handlungsorte und Figuren wurden durchgehend anonymisiert und so Raum geschaffen für die entscheidende Überzeichnung und Mythologisierung des Textes. Judith Benz stellt in einer ersten Betrachtung der Autorin durch die Rezeptionsforschung der germanistischen Mediävistik Hartmanns von Aue „Iwein“ und Hoppes Adaption gegenüber und konstatiert als entscheidende Veränderungen die Beschleunigung des Handlungsflusses, die Reduzierung und Verschmelzung der Figurenzahl sowie die Konturierung der weiblichen Hauptfigur. In den Auszügen aus einem von der Verfasserin geführten Interview begründet Felicitas Hoppe dabei ihre Vorliebe für mittelalterliche Stoffe mit dem Verweis auf die Emblematik dieser Epoche. Dass Benz am Beispiel der Keiefigur gerade die moderne psychologische Motivierung des mittelalterlichen Artusstoffes als entscheidende Erweiterung herausarbeitet, deren Ausbleiben in der bisherigen Forschung stets als Charakteristikum von Hoppes Ästhetik betont wurde, zeigt, wie der Vergleich mit der Textvorlage Annahmen relativiert und wie wünschenswert der mediävistische Perspektivwechsel für die weitere Beschäftigung mit der Autorin ist.

Auch die erzähltheoretische Analyse der Porträts „Verbrecher und Versager“ von Jessica Güsken liefert einen aufschlussreichen Ansatz, der sich mit Gewinn auf weitere Texte der Autorin, insbesondere „Paradiese, Übersee“ (2003) und „Johanna“ übertragen ließe; auch wenn Güsken dies nicht expliziert, erschließt sie paradigmatisch eine zentrale Erzählstrategie des Werkes, wenn sie Metalepsen und Überblendungen über zeitliche und räumliche Distanzen hinweg schlüssig anhand von Gilles Deleuze und Félix Guattaris Rhizombegriff als fortwährend neusemantisierende De- und Reterritorialisierungsprozesse interpretiert. Allerdings muss angemerkt werden, dass Güsken nicht ausreichend auf die narratologische Terminologie zur Beschreibung von Biofiktionen zurückgreift. Das Heranziehen etwa von Typologien der Metahistoriografie (Ansgar Nünning), oder die daran anschließende Bestimmung der Metabiografie (Nadj) hätte der Analyse nicht nur zu mehr Präzision verholfen, sondern wäre vor allem textökonomisch empfehlenswert gewesen.

Den bei weitem originellsten und den bisherigen Forschungsstand am entscheidendsten erweiterten Beitrag stellt die Untersuchung von Franz Fromholzer dar. Erstmals analysiert er den Einfluss des „Blason des Couleurs“, einer der Heraldik zugehörigen Farbreglementierung, auf die im „Johanna“-Roman prävalente Farbsymbolik und erschließt damit überzeugend einen weiteren Bedeutungshorizont des Textes. Darüberhinaus stellt Fromholzer diese Ergebnisse treffend mit der Spiegelmotivik des Textes als Metapher der Identitätsstiftung in Zusammenhang, indem er über die mittelalterliche Hierarchisierung und Funktionalisierung der Standesfarben auch auf die spiegelverkehrten Beschreibungsmuster der Wappenkunde aufmerksam macht. In seiner abschließenden Kontextualisierung weist er auf Elemente des Wunderbaren im Roman hin und setzt so, wenn auch nur implizit, die von Claude D. Conter begonnene Einordnung des Hoppe-Werkes in die romantische Tradition fort.

Dieser marginale Kritikpunkt erweist sich jedoch für den vorliegenden Forschungsband als symptomatisch, der zwar neue Erkenntnisse ergänzt und vielversprechende Ansätze aufzeigt, dem es aber insgesamt an Kontextualisierungen in Bezug auf den bisherigen Forschungsstand, auf den theoretisch-methodischen Diskurs und die Ästhetik der Gegenwartsliteratur mangelt. Damit profiliert der Eröffnungstitel die neue Reihe („Schwedische Studien zur deutschsprachigen Literatur“) nicht ausreichend. Auch vermag es die Einleitung nicht, Verbindungslinien zwischen den Einzelbeiträgen aufzuzeigen und zentrale Aspekte dieses komplexen Werkes erkennen zu lassen. Alle Beiträge beziehen historiografische oder literarische Prätexte in die Analyse mit ein. Ob „Intertextualität“, wie von den Herausgebern betont, angesichts der divergierenden Ansätze als einendes Element trägt, ist dennoch fraglich, zumal der zugrundeliegende Intertextualitätsbegriff nicht bestimmt wird und somit offen bleibt, ob und inwiefern sich dieser methodisch von einer traditionellen Einflussforschung abgrenzt.

Wie in der Covergestaltung sind „Geschichten des Reisens“ und „Reisen zur Geschichte“ im Werk von Felicitas Hoppe aufs Engste miteinander verknüpft und so ist die Konzeption sinnvoll und überaus vielversprechend. An dieser Stelle sei nur exemplarisch auf drei der zahlreichen Querverbindungen im Werk verwiesen: Im „Johanna“-Roman etwa fungiert die geografische Zeitverschiebung als Bild für die zeitlich-räumliche Reise ins Frankreich Jeanne d’Arcs; in Hoppes poetologischen Aussagen wird spätestens in „Verbrecher und Versager“ deutlich, dass sich die Genrekritik an den „Kostümfesten“ des historischen Romans, in identischer Weise auf die scheinbar realistische Darstellung exotischer Räume bezieht; und in Bezug auf die produktionsästhetischen Bedingungen ließe sich feststellen, dass sich Hoppes spezifische Poetisierung realer Reiseerfahrungen, die sie in den Augsburger Vorlesungen „Sieben Schätze“ (2009) erläuterte, ebenso auf diejenigen historischer Quellen übertragen ließe.

Diese Zusammenhänge bleiben jedoch Desiderat; bis auf die analoge Auflösung von Raum und Zeit in „Pigafetta“, die Homscheid an einer Stelle mit einer aufschlussreichen Referenz auf Ernst Bloch verbindet, und Jessica Güskens Hinweis, dass biografisches Erzählen in „Verbrecher und Versager“ als Reisen imaginiert werde, wird dieser inhärente Nexus des Werkes nicht dargelegt. Die deutliche Zweiteilung des Bandes lässt mutmaßen, dass ein solches Zusammendenken auch gar nicht angestrebt war, oder vielleicht auch daraus zu erklären ist, dass er anders als der Band von Neuhaus und Hellström nicht aus den Gesprächen einer Tagung hervorging.

Anzuerkennen ist allerdings, dass die Beiträge aufgrund ihrer klaren Struktur und der durchweg allgemeinverständlichen Formulierung auch dem breiteren Publikum Zugänge zu Felicitas Hoppes Werk eröffnen. Im Interesse des literaturwissenschaftlichen Lesers, den Fragestellungen, Reihenzugehörigkeit und Layout zu intendieren scheinen, hätte sich aber insgesamt textökonomischer verfahren lassen können, indem man sich der naheliegenden Terminologie bedient und argumentative Redundanzen vermieden hätte.

Trotz der hier dargelegten Mängel liefert der Band „Geschichten des Reisens – Reisen zur Geschichte. Studien zu Felicitas Hoppe“ verschiedene Anknüpfungspunkte und Einzelerkenntnisse, die bei der weiteren Erschließung und Verortung des Werkes einer bedeutenden Autorin der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur sinnvolle Verwendung finden können. Etwa, die narrative Kontextualisierung von Ort und Zeit im Zusammenhang zu betrachten, wie dies in den beiden Schwerpunkten des Forschungsbandes konzipiert ist und im Titelbild geschieht.

Titelbild

Thomas Homscheid / Esbjörn Nyström (Hg.): Geschichten des Reisens - Reisen zur Geschichte. Studien zu Felicitas Hoppe.
Der Andere Verlag, Uelvesbüll 2012.
170 Seiten, 25,90 EUR.
ISBN-13: 9783862472659

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