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 literaturkritik.de » Nr. 12, Dezember 2012 » Fremdsprachige Literatur
 
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„In Welten hineinschauen, sich aus Welten zurückziehen“

„Sie und Er” von Andrea De Carlo

Von Francesca GollRSS-Newsfeed neuer Artikel von Francesca Goll

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es dreht sich wirklich nur um sie und um ihn, in diesem leichten, flotten Roman von Andrea De Carlo. Die Handlung spielt in Zwischenräume, in Zügen, Schiffen, in der Provinz – immer da, wo Clare Moletto und Daniel Deserti, die beiden Hauptfiguren, den sozialen Zwängen und der Monotonie der festgefahrenen Großstadt Mailand entkommen können. Jenseits der eingespielten Routine, des Konformismus und der abgedroschenen Floskeln entpuppt sich ein Raum der Fantasie und der Freiheit – in diesem schmalen Streifen zwischen Verrücktheit und Langeweile entwickelt sich die große Liebesgeschichte zwischen Clare und Daniel. Es ist ein fröhlicher Roman, den De Carlo geschrieben hat, der weder seicht noch banal ist und immer wieder durch filmreife Szenen überrascht.

Der Rahmen der Handlung entwickelt sich entlang einer klassischen Dreiecksbeziehung: Sie, eine halbitalienische Amerikanerin, die sich nach einem abgebrochenem Studium nach Italien absetzt und sich, nach einigem Hin-und Her, auf die Rolle der Verlobten eines jungen Mailänder Anwalts, Stefano, festlegt. Er ist Muttersöhnchen, gesetzt und gebildet, gut situiert und am Anfang einer steilen Karriere. Und dann der andere, Daniel Deserti, etwas klischeehaft als Bohèmien und Whisky trinkender Schriftsteller dargestellt, angewidert vom geschäftlichen Eifer seines Verlegers und gefangen in einer (ach so gern thematisierten!) Schreibblockade.

Etwas schemenhaft und steif wirkt die Figur, über die man nicht viel erfährt und die sich vom verklemmten, alkoholisierten Schriftsteller zum liebenden Helden entwickelt. Die Episode mit seinen beiden pubertierenden Kindern, die plötzlich in einem Kapitel auftauchen und dann nie wieder erwähnt werden, sollte wohl der Figur des Schriftstellers etwas mehr Dichte verleihen, doch der Versuch entpuppt sich im Text als unwirksam.

Was der Erzähler über Daniel Deserti feststellt, gilt für den gesamten Roman: „Das macht er häufig: in Welten hineinschauen, sich aus Welten zurückziehen“ (300). Themen werden angeschnitten, die sich dennoch im Laufe der Handlung verlieren. Somit verpasst der Roman die Chance, mehr als eine Liebesgeschichte zu sein. Das prekäre Verhältnis zwischen Zentrum und Peripherie, das im Laufe der Handlung durch diese Liebesgeschichte umgekehrt und letztendlich in Frage gestellt wird, bleibt schattenhaft im Hintergrund, und die naheliegende Sozialkritik wird nur gestreift.

Das filmreife Ende des Romans erstaunt und ist so überraschend, das es im Rahmen eines sonst eher konventionellen Handlungsstrangs erfrischend wirkt. Der Roman schaut in Welten hinein und zieht sich aus Welten zurück, er baut Räume auf und reißt sie wieder ein, weckt Vorfreude und enttäuscht sie dann doch wieder – er führt aber vor, wie leicht, schwerelos und unterhaltsam Literatur sein kann. Und das ist vielleicht sein größter Verdienst.

Titelbild

Andrea De Carlo: Sie und Er. Roman.
Übersetzt aus dem Italienischen von Maja Pflug.
Diogenes Verlag, Zürich 2012.
642 Seiten, 22,90 EUR.
ISBN-13: 9783257068092

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Letzte Änderung: 13.12.2012 - 02:10:08
Erschienen am:12.12.2012
Lesungen: 471
© bei der Autorin und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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