Chronik der laufenden Ereignisse

Zu Peter Handkes 70. Geburtstag erscheint der Briefwechsel mit seinem Verleger Siegfried Unseld

Von Dieter KaltwasserRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dieter Kaltwasser

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, daß wir nach genauer Lektüre Ihres Manuskriptes uns entschieden haben, Ihre Arbeit in den Suhrkamp Verlag zu übernehmen.“ Mit diesen Worten vom August 1965 beginnt Siegfried Unseld eine Korrespondenz mit Peter Handke, die mit einem Brief Handkes im April 2002 endet. „Die Hornissen“ sind die erste Buchpublikation Handkes im Suhrkamp Verlag, der Roman erschien 1966. Zusammen mit dem Stück „Publikumsbeschimpfung“ und Handkes legendärer Rede auf der Tagung der Gruppe 47 in Princeton, wo er der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur eine „Beschreibungsimpotenz“ attestierte, legte er den Grundstein für seine Ausnahmestellung, die er schon früh einzunehmen begann.

Über 35 Jahre besprachen Handke und Unseld das für sie Entscheidende in ihren Briefen: Die Literatur, die Bücher, die Theaterstücke, die Filme, die Preise, die Leser. Der Schriftsteller berichtete über seine Vorhaben, Unseld hielt seine Leseeindrücke fest, schrieb umfangreiche Textvorschauen, sogar Klappentexte für Handkes Bücher, die beiden diskutierten über die richtige Publikumsstrategie und das Erscheinungsdatum, sowie, naturgemäß, über Kritikerrezensionen. Handke gratulierte nach über 600 Briefen an Unseld diesem zu seinem 75. Geburtstag mit den Zeilen: „Du bist und warst wie selten einer zum stillen, wohltätigen Dasein und Mitgehen (und Vorausschwimmen) fähig.“

Der Briefwechsel, der nun zum 70. Geburtstag Peter Handkes erschienen ist, zeichnet nicht nur die literarische Zeitläufte der Literatur seit den 1960er-Jahren nach, sondern auch die intellektuelle Biografie der beiden Korrespondenten. Der Leser nimmt Teil an einer Chronik der literarischen Ereignisse, wie das historische Treffen zwischen Samuel Beckett und Handke in der Closerie de Lilas im Februar 1970 in Paris, Unseld hatte zuvor Paul Celan getroffen. Die Briefschreiber erlauben Einblicke in den Ablauf des Literaturbetriebs, der für Handke oft genug zum Stein des Anstoßes wird. Die leidigen Kritiker geraten ins Visier, an ihnen und zuweilen an Unseld selbst erprobt Handke die von ihm so genannte „Kunst der Entzweiung“. Diese erreicht zweifellos einen ihrer Höhepunkte in jenem Brief vom 25. Februar 1981, als er aus Salzburg schreibt: „Lieber Siegfried (immer noch), die Zeit der Lügen muß ein Ende haben.“ Es folgt eine Wutrede gegen Marcel Reich-Ranicki und Unseld, sie endet mit der Aufkündigung der Zusammenarbeit. Auslöser war eine Widmung („In tiefer Verbundenheit“) Reich-Ranickis an Unseld in einem Sammelwerk, für Handke Grund genug zu drohen, nach solcher Lektüre hätte er die Pflicht, „für immer meine Bücher aus Deiner sogenannten Obhut zu nehmen.“ Unseld zeigt sich betroffen und bittet Handke, eine zwanzigjährige Partnerschaft nicht in solcher Form zu beschließen. Handke bleibt. Natürlich kann in einem Briefwechsel zwischen Autor und Verleger nicht das Geschäftliche fehlen, und Handke zeigt sich auf Augenhöhe mit Unseld, wenn es um Honorarabrechnungen, Rechte und Lizenzen geht; der Residenz Verlag, in dem Handke auch veröffentlicht, ist ein ständiges Reizthema. Die Mär vom Dichter als weltfremder Träumer jedenfalls ist damit zu Ende erzählt.

Die Meriten Handkes als Literaturvermittler und Förderer von unbekannten und in Vergessenheit geratenen Autoren werden durch die Korrespondenz wieder in Erinnerung gerufen, ebenso seine Leistungen als Übersetzer, zum Beispiel des amerikanischen Autors Walker Percy. Ob Hermann Lenz oder Ernst Meister – nicht zuletzt durch Handke gewannen sie größere Leserkreise und die ihnen zukommende Geltung.

Ab 1993 kommt es zwischen den beiden Briefpartnern häufiger als sonst zu Missverständnissen und 1994 zu einem Zerwürfnis, das bleibende Spuren hinterlässt. Der Brief Handkes, auf den Unseld „aufgeregt“ antwortet, findet sich nicht im Briefwechsel; er sei, so berichtet die Fußnote, nicht ermittelt. Unselds Antwort verrät, dass er sich tief getroffen und missverstanden fühlt. Handke ist in diesen Jahren verletzt über die vielen negativen Kritiken an seiner Haltung zu Jugoslawien. Hinzukommt der Eindruck des Unehrlichen ihm gegenüber, Fehler des Verlags in Bezug auf Medien, die Handke zufolge während des Erscheinens seines Romans „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ gemacht wurden. Wie sehr Unseld sich bis zuletzt für Handke, seinen wichtigsten Autor, einsetzt, davon zeugt noch sein Leserbrief „Was Literaturkritik zu leisten hat“ vom 26. März 2002 an die „F.A.Z.“ Dort nimmt er Handke vor Anschuldigungen in Schutz und verweist auf die eigentliche Aufgabe der Literaturkritik: die Qualität eines Werkes zu beurteilen. Die nun veröffentlichte Korrespondenz zwischen Handke und Unseld gehört mit zu den wichtigsten Büchern des Jahres 2012, sie ist ein eindrucksvolles Stück Literaturgeschichte.

Titelbild

Peter Handke / Siegfried Unseld: Der Briefwechsel.
Herausgegeben von Raimund Fellinger und Katharina Pektor.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2012.
798 Seiten, 39,95 EUR.
ISBN-13: 9783518423394

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