Annäherungen an das Unnahbare

Über Matthias Prangels Erzählung „Die Frau auf dem Hochseil“

Von Liselotte GrevelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Liselotte Grevel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Keine „realistische“, auch nicht die autobiografische Perspektive kann je die Realität eindeutig – oder gar vollständig – wiedergeben. Die zahllosen biografischen und autobiografischen Texte auch der letzten Jahrzehnte (etwa von W. G. Sebald bis Arno Geiger oder Robert Menasse) zeugen durchweg von der Unmöglichkeit, Leerstellen der Vergangenheit – anderer, aber auch der eigenen – gesichert aufzufüllen.

Schreiben über die Vergangenheit stellt sich daher explizit als Re-Konstruktion dar, ein Versuch, sich ihr über gedankliche und sachliche Nach-Forschungen dennoch bis zu einem gewissen Grad anzunähern. Schreiben ist auch, so wurde erst kürzlich (bei den Badenweiler Literaturtagen im Oktober 2012) wieder festgestellt, eine (selbst-)therapeutische Strategie, durch die Explizitheit der Sprache, der Form, Formeln für ‚heillose Situationen‘ bereitzustellen: „Ausreden im hohen Sinn zu finden, mit deren Hilfe der Mensch sich herausreden kann [eben aus der Heillosigkeit].“ (Peter Sloterdijk)

In diese Tradition schreibt sich das Buch von Matthias Prangel auf beispielhafte Weise ein. Es ist dies einer der zeitgenössischen literarischen Texte, deren Lektüre keine Unterbrechung erlaubt, der trotz des geringen Handlungsplots auf unheimliche Weise „spannend“ ist. Worum geht es in dem rund 130 Seiten schmalen Band?

Die Nachricht vom Suizid der knapp 30-jährigen Tochter Conny aus erster Ehe löst beim Vater eine existentielle Sinnsuche aus. Diese wird umso eindringlicher, als sich der Erzähler in zwei Erzählinstanzen verdoppelt: die auktoriale Instanz eines Erzählers, der die Figurenperspektive des Vaters namens Franz wiedergibt, und die eines Ich-Erzählers, der sich mehr als einmal explizit mit dieser Figurenerspektive identifiziert, damit gleichermaßen eine Emphatisierung wie Ambivalenz der Erzählerfigur signalisiert. Ein autobiografischer Blickwinkel ist damit nahegelegt, jedoch nicht eindeutig fixiert. Das hat seine Berechtigung.

Es geht um das innerliche, gedankliche und emotionale Nach-Spüren nach den Gründen dieser Tat, nach des Vaters Beziehung zur Tochter, sowie deren Beziehung zu ihm und zum Leben überhaupt. Diese Suche kommt – zwangsläufig – zu keinem schlüssigen Ergebnis, dafür aber zu durchaus gültigen Erkenntnissen über die Möglichkeiten von Beziehungen unter gewissen gesellschaftlichen Bedingungen und bei bestimmten charakterlichen Dispositionen, wie sie der Vater bei seiner Tochter gerade auch in ihrer „Doppelbödigkeit“ erkannt zu haben vermeint. Vor dem Hintergrund von Erinnerungen an den Werdegang Connys – mit Fokalisierungen auf Schlüsselmomente aus ihrem Leben wie auch auf gemeinsame Erlebnisse des Vaters mit ihr – entsteht nicht nur das Bild einer trotz der räumlichen Entfernung und über sie hinweg sehr innigen, konstanten, wenn auch nicht immer kontinuierlichen Nähe der Tochter zu ihrem Vater und umgekehrt. Es kommt auch zur psychologischen Deutung einer nahezu folgerichtig erscheinenden Entwicklung auf den tragischen Kulminationspunkt zu. Das Scheitern von Connys idealistischer, hochsensibler Natur kündigt sich in der Doppelbödigkeit ihrer teils anpassungswilligen, teils aber auch mutig unangepassten Persönlichkeit an. Ihr verborgenes ‚heilloses‘ Leiden an der Wirklichkeit voller sozialer Ungerechtigkeiten ist mit bedingt durch die alle Durchschnittsmaßstäbe übertreffende Kompromisslosigkeit, mit der sie immer wieder in den Einsätzen ihres Lebens alles aufs Spiel setzt. Mit einem Bild von Peter Sloterdijk könnte man es als das im exzessiven „Aus-Übungsanspruch [jedoch durchaus nicht zwangsläufig] vorgegebene Scheitern der akrobatischen Existenz“ (Peter Sloterdijk, „Du musst Dein Leben ändern“) bezeichnen.

In der Reaktion auf das Scheitern jedoch, der Entscheidung und Durchführung des Suizids, bleibt der unverstehbare, unvorhersehbare ‚Rest‘ der psychologischen Konsistenz der Tochter – was letztlich auch die Versuche des Vaters vereitelt, Identität und Eindeutigkeit herauszufinden.

Ob es sich bei dem Versuch, dieser Fehlstelle im eigenen Leben mit der (Re-)Konstruktion einer – oder mehrer – Geschichte(n) ‚therapeutisch‘ beizukommen, um eine (Auto-)biografie handelt oder nicht, ist angesichts der Allgemeingültigkeit des Nach-denkens und -Spürens in der dargestellten Konstellation sekundär. Es tut freilich der Überzeugungskraft des Textes keinen Abbruch, dass biografische Elemente des Vaters durchweg den Erzählduktus mit markieren. So geraten dessen Kindheitserinnerungen aus Kriegszeiten am Plauener See, seine Kritik an dem DDR-System, in dem er aufwuchs, und nicht zuletzt an der gegenwärtigen Sozialstruktur der Niederlande mit ins Bild der auch die Tochter prägenden Wirklichkeit.

Die die Wirklichkeit und Möglichkeiten der Reaktion auf sie auslotende Schreibweise des Textes bedient sich der unterschiedlichsten Register sprachlicher Annäherung.

Über die erwähnte Doppelung der Erzählerinstanz hinaus insistiert sie auf dem sprachlichen Ausloten von Bild- und Bewusstseinsfeldern mit Hilfe von Adjektiv- oder Substantivhäufungen aller Art („Das Lechzen nach dem Sichtbaren, Greifbaren, Konkreten, allenfalls Begreifbaren trieb ihn um wie all jene, die ihr Leben […] der Suche nach den Spuren widmen, die jeden Stein, jedes Papierschnitzelchen umdrehen, jeden Ort durchkämmen, jedes Wort aufspießen, jedes Molkekül einatmen, durch die Finger rieseln lassen, von dem sie meinen, es könne ein Teilchen der Geschichte ihrer Toten und Verschollenen sein“).

Dabei wird eine reichhaltige Wortschatzskala aktualisiert: zeitgerechte, umgangssprachliche Wendungen finden sich („zerdepperte Flaschen, Ketchupklackse…“), ebenso wie bildkräftige Neologismen („mit teddybärweichem, auf- und ab federndem Schritt, gummibandgleichen elastischen Gliedern…“) und bewußt eingesetzte unzeitgemäße Bilder („Backfische hätte man sie einmal genannt. Recht verstaubt und vorgestrig klingt das nun. Aber wo ist das zeitgemäße Nachfolgewort?“).

Dem Erzählten wird zudem je ein Gedicht voran- und nachgestellt: Gleichsam als Ausweitung des evozierten Horizontes: die Aus-sicht auf eine andere, neue Möglichkeit der Wirklichkeitsdeutung das die Erzählung abschließende Gedicht, das Franz und den Ich-Erzähler in einer letzten Erzählschleife zusammenführt; und eine Ein-sicht in das „unumstößliche“ Titelgeschehen „ohne denkbaren Widerruf“ das extradiegetische Gedicht als vorangestelltes Motto der Erzählung, das zugleich – Kennzeichen für die Detailsorgfalt, mit der der Band auch grafisch gestaltet wurde – eine Betrachtung zum Coverbild ist: eine schwarze Vogelschwinge, die vor einem blaugrauweissen Hintergrund nach links aus dem Bild fliegt, während rechts ein weißer Schatten, gleichsam ein letzter Lebenshauch, noch Deutungen einzufordern scheint.

Titelbild

Matthias Prangel: Die Frau auf dem Hochseil. Erzählung.
Wiesenburg Verlag, Schweinfurt 2012.
128 Seiten, 16,80 EUR.
ISBN-13: 9783943528244

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