Und Gott schoss mit Napalm

In „Verbotene Verbesserungen“ versammelt Dietmar Dath Absurditäten und Lyrisches in Kürzestprosa

Von Andreas ThammRSS-Newsfeed neuer Artikel von Andreas Thamm

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wikipedia bezeichnet „Headbangen“ als eine „Tanzform“, die sich durch die Bewegung des Kopfes auszeichnet. Die Bewegung des Kopfes kann entweder „schnell vor- und rückwärts, seitwärts, im Kreis oder in Achterform“ von statten gehen, sollte aber auf jeden Fall mit dem Takt der Musik korrespondieren. Auch mögliche Gesundheitsrisiken bleiben nicht unerwähnt, als da wären: Aneurysmen und Schlaganfälle.

Der Nürnberger Kleinstverlag „Starfruit Publications“ bezeichnet Dietmar Dath im Klappentext als den „nimmermüden Headbanger der deutschen Gegenwartsliteratur“. Eine Metapher, die es sich einfach damit macht, vieles mit einzubeziehen aus der öffentlichen Wahrnehmung des Dietmar Dath. Er ist ein Provokateur genannt worden, multidisziplinärer Fabulierer, Polit-Denker und immer wieder Kommunist. Er hat, was das letztere angeht, noch nicht einmal widersprochen und sich somit einen exklusiven Rang erschrieben: Dath gilt als letzter Vertreter der Spezies des politischen Autors, der daran glaubt mit Hilfe von Literatur eine Systemveränderung bewirken zu können und diese tendenziell naive Denke skandalöserweise mit bestechendem Intellekt und überbordendem Fleiß unterfüttert.

An die vierzig Romane, Gedichtbände, Theaterstücke und theoretische Schriften hat dieser Headbanger in knapp 17 Jahren veröffentlicht, Übersetzungen und Journalistisches nicht mitgerechnet. Zuletzt erschien„Der Implex“, ein Manifest für den sozialen Fortschritt, eine sozialistisch tendierende Zukunftsvision.

Wie angenehm, dass von diesem Wust an politischem Background im kleinen Band aus dem Hause Starfruit nicht viel zu merken ist. „Verbotene Verbesserungen“ versammelt auf 160 Seiten knapp 80 „Cuts“ oder „Miniaturen“, kurze Denk-Stimulantien, die mit den Fotos von Heike Aumüller gegen-reagieren. „Starfruit Publications“ sind auf das Zusammenarbeiten von Künstlern unterschiedlicher Sparten spezialisiert. Dennoch steht in diesem Fall die Textebene deutlich im Vordergrund. Aumüllers Fotos nehmen zwar in den meisten Fällen darauf Bezug, oft jedoch arg plump und mit Hilfe von kaum ironisierten Klischees. Die Belästigung des Lesers mit dem ewig gleichen, nackten Frauenkörper führt nur dazu, dass die Bilder am Ende fast kaum noch Beachtung erfahren.

Daths kleine, merkwürdige Erzählungen hingegen sind wie der Haken im Hemdkragen des Lesers. Mit betonter Lässigkeit erzählt Dath etwas an, verdichtet potentielle Romanideen und vielsagende Anekdoten und dampft sie auf lyrische Größenmaße ein. Das erinnert beispielsweise an Jorge Luis Borges, der es mit frühem postmodernistischem Gestus gar nicht mehr für nötig hielt, den Roman auch wirklich zu Ende zu erzählen.

Dath bedient sich stofflich bei allem, was Gegenwart und Vergangenheit zu bieten haben und so reichen die Topoi von den unvermeidlichen Cuts über die Liebe, über Energiefrage, Neurologie, Disjunktivismus und Kunstkritik bis hin zu Samuel Kochs Wetten-dass-Unfall. Dath lässt Wohnungen Weisheiten wie „Sozialdemokratie ist wie Hagebuttentee“ aussprechen, Houdini sich selbst googeln, den Rapper Raekwon Reibekuchen ohne Muskatnuss essen und Gott mit Napalm auf die moderne Welt schießen. Schneewittchen besitzt gar einen „sehr schönen Penis“. Es ist eine große Vermengung von Mythos und Pop.

In der Fülle und bei längerem Lesen entsteht so der Eindruck einer Poetik der Möglichkeit. Dath geht es zwar schon um die Inszenierung einer Doppelbödigkeit, die bei solchen Formen ja immer als Mehrwert-Indikator herangezogen werden muss, vor allem stilisiert er aber das reine Vermögen. All das sind Komplexe, die man entweder als Erzählanlass für mehr nehmen, oder, wie Dath es vorführt, drehen kann, bis aus etwas Nachvollziehbarem etwas Skurilles, Absurdes, manchmal sehr Surreales wird. Der Autor lässt das Erzählen nur aufflackern und spielt mit den falschen Erwartungen des Lesers, die dessen konventioneller Erfahrung entspringen.

Ein Beispiel: „Im hohen Alter beschloss Dalí einen Picasso zu fälschen. Siebzehn Anläufe brauchte er, dann kam schließlich etwas dabei heraus, das wie ein von Chagall gefälschter Miró aussah.“ Die ironisch gefärbte Schnoddrigkeit dieses Auftakts ist exemplarisch, keine zehn Zeilen weiter unten sind wir bei einem sprechenden Hamster mit übler Laune angelangt. Und das ist auch die eigentliche Meisterschaft, die Dath sprachlich vorführt: Die ersten Sätze dieser Miniaturen sind oft brillant, in geziert wissenschaftlich-journalistischem Ton, der die eigentliche Absurdität des Sachverhalts nicht zu verschleiern sucht. Im Gegensatz dazu stehen oft die Pointen, plumpe Witze, die sich der Autor offenbar nicht verkneifen konnte, und die eine Anekdote fast immer besser machen, wenn man sie wegstreicht.

Überhaupt hätte man die Auswahl an Texten auch noch ein wenig eingrenzen können. Die Borges’sche Andeutungsprosa, die Komplexität zwar manchmal nur vorgibt, aber auch dann unterhält, hätte ein in sich stimmiges Buch ergeben. Dazwischen aber tobt sich der Lyriker in hermetisch abgeriegelten Texten aus. Wo „Ich“ und „Wir“ die auktoriale Souveränität verdrängen, leidet die Qualität: „Mein Bett träumt mich endlich richtig herum. Ich bin alle deine Sprechzeiten, du kannst mir sagen, wo du dich küsst, wenn du mich suchst, wo ich nicht bin, weil du schon da bist.“ Das reicht über den Wert einer lyrischen Spielerei nicht hinaus, der gewünschte Effekt tritt nicht ein.

Dennoch überwiegt am Ende der Eindruck, dass hier der Intellekt des Dietmar Dath eine angemessene Ausdrucksweise gefunden hat. Unbekümmert, unangestrengt, gar nicht aufdringlich politisch oder weltverbessernd und nur manchmal ein bisschen Heavy Metal. Zwischen sinnreichen Bonmots und ins Absurde schielenden Geschichtsmanipulationen, scheint eine resignativ zufriedene Haltung hervor: „Und es gab keine Lösung, keine Hoffung und kein Ziel. Immerhin schien die Sonne“, schreibt Dath in „Kein richtiges Rennen“ und formuliert so aufs präziseste die immer wieder angedeutete, gar nicht so bittere, „Auch-okay-Philosophie“.

Titelbild

Dietmar Dath: Verbotene Verbesserungen.
starfruit publications, Nürnberg 2012.
160 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783922895237

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