Die Reise nach Japan und die Suche nach sich selbst

Adolf Muschg enttäuscht ein wenig mit seinem Roman „Löwenstern“

Von Georg PatzerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Georg Patzer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Nach Japan! Nach Japan! Davon träumt der livländische Adelige Hermann Ludwig von Löwenstern, Anfang des 19. Jahrhunderts. Es ist ein fremdes Land, abgeschlossen von der Außenwelt, nur die Holländer dürfen Handel treiben und wohnen auf Deshima, einer winzigen, künstlichen Insel vor Nagasaki. Aber Japan ist auch eine Projektionsfläche: Weil dort alles so fremd ist, kann man sich vielleicht neu finden. Weil alle europäischen Regeln außer Kraft gesetzt sind und das Übliche nicht mehr gilt, kann man neu anfangen. Und deswegen sagt Löwenstern einmal: „Ich möchte nach Japan, um plötzlich ohne Frage zu wissen, warum ich da bin, sogar ohne Warum.“

Es gelingt ihm nicht, obwohl er mit einer russischen Expedition einmal sogar hinfährt. Aber er darf das Land nicht betreten. Nur einmal hört er etwas, einen Ton, bei einer Nachtwache: „Stark setzte er ein, fast schrill, ein scharfer Luftstoß, der in einen langgezogenen überging; und je leiser er wurde, desto gelassener, bis er fast nur noch hörbarer Atem schien.“ Noch intensiver lauscht er dem zweiten Ton, der „in immer tieferes Schweigen“ sinkt, mit dem er „allmählich, leibhaft, eins wurde. Und jetzt war es das Schweigen selbst, das zu schwingen fortfuhr, als wäre es ein unverklungener Ton. Zugleich wehte ein Hauch des Lebens von Bäumen und Büschen herüber und griff in mein Haar; ich fühlte mich durchlässig werden für den Atem der Welt. Er formte mich zu einem Ohr, in dem er sich fing und immer wiederkam, um immer wieder zu gehen, gelassener als mein Herzschlag. Es war der Puls der Schöpfung selbst, in dem ein Ich, kein Ich mehr, wurde und verging.“ Jede Nacht hört er dem Flötenspiel zu und sagt später: „Das war mein Japan, und dabei ist es geblieben.“ Aber als der unbekannte Musiker in der Nacht vor der Abreise ihm auch noch seine ersten Versuche auf einer Geige vorspielt, träumt Löwenstern, und als er aufwacht, ist er von einer hartnäckigen Hautkrankheit geheilt.

Japan, eine mystische Erfahrung als Heilmittel für Körper und Seele? Oft schon hat Adolf Muschg auf solche Erfahrungen angespielt, am deutlichsten wohl in seinen Romanen „Der Rote Ritter“ und „Eikan, du bist spät“, in denen Menschen auf der Suche nach der Erleuchtung waren, auf der Suche nach sich selbst. Wie Löwenstern. Verzweifelt versucht er immer wieder, noch einmal nach Japan zu kommen, dort leben zu dürfen. Einmal träumt er davon, sich dort aussetzen zu lassen, mit einem Brief eines japanischen Übersetzers an seine Eltern, die ihn dann adoptieren würden. Aber es gelingt ihm nicht. Golownin, Rikord, Chlebnikow und Chwostow, russische Marineoffiziere, die er 1803 in Portsmouth kennengelernt hat, im „Unicorn“, fahren nach Japan. Aber sie fahren nicht, um zu lernen, sondern um diese Inseln zu erobern oder zumindest das holländische Handelsmonopol zu brechen.

Es ist eine verzweigte und komplizierte Geschichte, die Muschg hier schreibt. Ein wenig zu verzweigt und auch ein bisschen zu umständlich. Es geht in die Südsee, zu Heinrich von K. (Kleist) nach Paris, zu Goethe und Christiane Vulpius, mit der er tanzt. Es geht um den Zaren und Napoleon, Sexualität und Freiheit, Gullivers Reisen und Russland, ein riesiges Panorama wird aufgebaut, in dem alles mit allem zusammenhängt. Schließlich landet Löwenstern in einer Art Gefängnis, wo er eine Art japanischen Garten baut und wieder auseinanderreißt. Er wird bewacht und behütet von der ehemaligen Prostituierten Nadja, die alle Männer kennt, die auch Löwenstern kennt, die mit ihm exzessiven Sex hat und schließlich eine Art Psychotherapie durchführt. Und zum Schluss wechselt die Perspektive, die lange Zeit aus Briefen von Löwenstern an eine unbekannte „Exzellenz“ bestand, und es wird von einem Besuch des Zaren bei dem Sohn des Dichters Kotzebue erzählt, der von Löwenstern und einer Frau erzählt, die beide auf seinem Schloss leben, und Nadja sei eigentlich eine Schauspielerin. Während andere Gäste erzählen, dass sie den „richtigen“ Löwenstern vor wenigen Wochen auf seinem Gut in Rasik besucht hätten, wo er nur noch an seinem Schreibtisch stehe.

Dieser etwas ausufernde, mäandernde und irrlichternde Roman hat neben zauberhaften und grotesken Szenen auch märchenhafte und romantische Züge – so wenn sich Nadja bei ihrem Selbstmord einfach auflöst (und Muschg spielt sogar noch mit diesem Wort), oder wenn Muschg sich als Herausgeber dieser gefundenen Papiere ausgibt. Leider aber ist er über lange Strecken auch langatmig und manchmal sogar ein wenig steif geschrieben und er ist mit politischen, historischen und kulturellen Details derart überfrachtet, dass die lebendigen Szenen dabei unterzugehen drohen.

Titelbild

Adolf Muschg: Löwenstern. Roman.
Verlag C. H. Beck, München 2012.
332 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783406639517

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