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 literaturkritik.de » Nr. 1, Januar 2013 » Literaturwissenschaft
 
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Rhetorik als Geschlechterperformanz

Lily Tonger-Erk hat mit „Actio“ eine instruktive Untersuchung zu „Körper und Geschlecht in der Rhetoriklehre“ vorgelegt

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Bekanntlich können nicht nur Männer, sondern auch Frauen begnadete RednerInnen sein. Ein Allgemeinplatz, an dem schon lange kaum noch jemand zweifeln dürfte. Erst jüngst konnte man sich in einem von Martina Wagner-Egelhaaf und Lily Tonger-Erk herausgegebenen Band an weiblicher Redekunst erfreuen.

Nun kommen die rhetorischen Fähigkeiten und Fertigkeiten in dem niedergeschriebenen Wort nur eingeschränkt zur Geltung, leiden sie doch an der Absenz des „körperlichen Auftreten“, der „Stimmführung“ sowie der „Gestik, Mimik und Kleidung“. Denn auch diese unter dem Begriff der actio zusammengefassten Momente tragen zum Erfolg gelingender Rede bei, indem sie nicht nur das Gesagte betonen, sondern auch Emotionen vermitteln und den Charakter der Vortragenden darstellen. Und dies bedeutet gerade auch den ‚Geschlechtscharakter‘, wie Tonger-Erk nun in ihrer jüngsten Publikation, einer – nicht zuletzt historischen – Untersuchung über „Körper und Geschlecht in der Rhetoriklehre“ darlegt.

Die vorliegende Studie zeigt auf, wie sich die Sozialgeschichte des Redeauftritts in Rhetorik- und Umgangslehren widerspiegeln. Hierzu legt die Autorin einen weiten Rhetorikbegriff zugrunde, der es ihr erlaubt, nicht nur „die ‚große Rede‘, sondern auch die Konversation“ inklusive deren Lehrbücher zu behandeln. Den theoretischen Hintergrund hierfür bilden einerseits die „Positionen“ von Pierre Bourdieu und Judith Butler, andererseits Tonger-Erks Neologismus „Körperbildungsmacht“, mit dessen Hilfe sie „die bislang von der Forschung vernachlässigte Macht der Rhetorik, den geschlechtlichen Körper zu bilden, in den Vordergrund rückt“. Denn wie sie zeigt, kommt der Rhetorik eine „enorme Bedeutung in Bezug auf die Herausbildung geschlechtlicher Körper“, sodass rhetorische Praxis als „Geschlechterperformanz“ bestimmt werden kann. Diese Einsicht ist der eigentliche Erkenntnisgewinn der Arbeit.

In ihrem Gang durch die Geschichte der Rhetoriklehren nimmt Tonger-Erk die dort explizit oder implizit propagierte „Verknüpfung von Redeauftritt und Geschlechterperformance“ unter die literaturwissenschaftliche Lupe. Dabei setzt sie drei historische Schwerpunkte, deren erster sich mit der „geschlechtlichen Codierung der antiken actio-Lehre“ befasst. Hier zeigt sie, dass der Körper in der actio-Lehre der „alte Rhetorik“ zum „Zeichenträger der Männlichkeit“ wird, die als „ebenso konventionell wie lehrbar“ erscheint. Sodann konzentriert sie sich auf die „diskursiven Verschiebungen im Zuge der Transformation der Rhetorik im 18. Jahrhundert“, um sich schließlich heutigen Rhetoriklehren zuzuwenden.

Das lange 18. Jahrhundert bildet den Mittelpunkt der kulturhistorischen Untersuchung und umfasst weit mehr als die Hälfte des Buchumfangs. Hierfür hat Tonger-Erk drei gute Gründe. Zunächst einmal wurde die Rhetorik in dieser Epoche grundlegend transformiert, sodann vollzog sich in ihr die „Polarisierung der Geschlechterdifferenz“ und schließlich entwickelte sie eine „Popularisierung des (rhetorischen) Wissens“. Die Autorin zeichnet diese drei Prozesse nicht nur nach, sondern zeigt darüber hinaus wie sie „ineinandergreifen“. Um 1800 wurden „Teile der rhetorischen actio-Lehre“ in Form von „Anstandsliteratur“ an die „Praxis geselligen Umgangs“ angepasste und richteten sich erst mal auch an „bürgerliche Rednerinnen“.

Dennoch blieb der „männlichen Gesprächsrhetorik die Funktion der politischen Beeinflussung, die ursprünglich der deliberativen Rede vorbehalten war, weiterhin eingeschrieben“. „Weiblicher Gesprächsrhetorik“ wurde hingegen nur die „Funktion der delectatio“ zugestanden. Zwar vermittelten die Anstandslehren nun „Techniken der rhetorischen Selbstdarstellung“, die nicht nur Männer, sondern auch Frauen „befähigen“ sollten, „diese in der Gesellschaft wirkungsorientiert einzusetzen.“ Doch wurden ihnen geschlechtsspezifische Ziele zugeschrieben: Der Mann will sich Geltung verschaffen, die Frau will gefallen.

Im ausgehenden 20. Jahrhundert hat die Ratgeberliteratur allerdings geändert. Seit den 1980er-Jahren gibt es nicht nur erstmals Rhetorikratgeber, die sich ausdrücklich an Frauen richten, vor allem wurde die den Frauen ehedem zugedachte Absicht, gefallen zu wollen, „problematisch“. Denn sie wollen nicht mehr die „höfliche Konversation“ erlernen, sondern die „agonale Rede einer Berufswelt, die explizit männlich und aggressiv konnotiert wird“.

Dabei gehen auch heutige Rhetorikratgeber noch immer davon aus, dass Frauen und Männer unterschiedliche Mittel einsetzen, um Wirkung zu erzielen und der Einsatz gleicher Mittel zu geschlechtsspezifisch unterschiedlichen Wirkungen führt. Dem ist sicher so. Doch versäumen sie es die „Unterscheidung von Rede/Gespräch, öffentlich/privat, agonalem/kooperativem sowie männlichem weiblichem Redestil“ historisch zu begründen oder gar kritisch zu hinterfragen.

Titelbild

Lily Tonger-Erk: Actio. Körper und Geschlecht in der Rhetoriklehre.
Walter de Gruyter Verlag, Berlin 2012.
490 Seiten, 99,95 EUR.
ISBN-13: 9783110266368

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Letzte Änderung: 10.12.2012 - 17:10:08
Erschienen am:10.12.2012
Lesungen: 532
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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