Feuersturm und Mörderbucht

Vier Katastrophen auf hoher See, meisterhaft serviert von Alexandre Dumas

Von Daniel Tobias SegerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Daniel Tobias Seger

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Auch wer mit dem Namen Alexandre Dumas (1802-1870) nichts anfangen kann, die Geschichte vom Graf von Monte Christo und die von den drei Musketieren sind den meisten bekannt. Weniger bekannt sind andere Werke des heute im Pantheon ruhenden französischen Großautors, etwa sein „Wörterbuch der Kochkunst“, das mühelos neben der berühmten „Physiologie des Geschmacks“ von Jean Anthèlme Brillat-Savarin bestehen kann, oder seine Geschichte über „Kapitän Pamphile“, die ihren Anfang in einem Pariser Delikatessengeschäft nimmt, wo eine Schildkröte vor ihrem Ende als Suppeneinlage gerettet wird, oder die „Erinnerungen eines Arztes“, jene verzwickt-verschlungene Story über den schon Goethe faszinierenden Alchemisten Joseph Balsamo, genannt Cagliostro.

Mit diesen Werken sind bereits zentrale Erzählgenres und Erzählstrategien des großen Franzosen angesprochen. Neben dem Hang zu fesselnden Abenteuergeschichten fällt das nicht nur in der „Kochkunst“ erkennbare kulinarische Verhältnis zur Sprache und zum Erzählen auf: erlesene Schauplätze, erlesenes Interieur, alle gesellschaftlichen Gruppen sorgfältig gezeichnet und ins Spiel gebracht, jeder Bestandteil der Geschichte als raffiniert komponiertes Gericht in einem viele Gänge umfassenden Festschmaus serviert, der stets mit guter Laune verzehrt werden soll. Hier ist Dumas kein Zungenschlag fremd: offener Humor (wie in den „Drei Musketieren“), Ironie und (grausamer) Zynismus (wie im „Graf von Monte Christo“) oder das fast schon clowneskes Spiel (wie im „Kapitän Pamphile“). Schließlich Dumas’ Prinzip, in einer Geschichte geschichtlich Verbürgtes und frei Erfundenes ohne Rücksicht auf sachliche und historische Genauigkeit zusammenzuspannen: Erlaubt ist was gefällt, liebes Publikum! Unterhaltung ist erste Autorenpflicht!

Man kann dieses Motto als Geschäftsgrundlage ansehen, denn Dumas war ein Unternehmer in Sachen Literatur. Um sich seinen exzentrisch-mondänen Lebensstil leisten zu können, seine kulinarischen Exzesse etwa oder – für uns besonders interessant – seine Yacht aus Mahagoni- und Ahornholz, vormals im Besitz des französischen Botschafters, galt es, populär, viel (die Werkausgabe umfasst nicht weniger als 60 Bände) und schnell zu schreiben.

Wie so etwas geht, zeigen beispielhaft vier Geschichten, die der Meister im auflagenstarken Blatt „Le Siècle“ über vier Monate (ab Februar 1852) als Fortsetzungsabdruck platziert hat und die jetzt erstmals auf Deutsch erschienen sind. Die in Frankreich unter dem Titel „Drames de la mer“ (1852, 2006), jetzt unter dem Titel „Schiffbrüche“ versammelten Erzählungen gehen auf autobiografische Texte von Seeleuten zurück. Sie dienen Dumas als Rohmaterial. Und es ist eine Freude zu sehen, wie er diese vor unseren Augen zu ganz neuen, hochspannenden Sequenzen modelliert, mit allerlei Details und Exkursen würzt, humoresk anraut und offen oder versteckt überformt. So ist die Lektüre dieser Geschichten nicht nur spannend vom Geschehen her, sondern auch mit Blick auf die Art und Weise, wie dieses Geschehen vor uns Lesern in Szene gesetzt wird.

Da ist etwa Kapitän Bontekoe, Held oder besser: Antiheld der ersten Geschichte, dessen Schiff spektakulär in Flammen aufgeht. Er rettet sich in letzter Minute auf die Schaluppe seiner zuvor schon geflohenen Mannschaft und es folgen Entbehrungen auf offener See, Anlanden auf einer Insel mit wilder Bevölkerung, schließlich Rettung durch eine Armada von sage und schreibe 23 (natürlich holländischen) Schiffen.

Neben den unglaublichen Umständen, die zum Brand an Bord führen und der ebenfalls unglaublichen Ladung der „Neu-Hoorn“ – 60 halbe Stückfässer mit Pulver hat man schon ins Wasser geworfen: 300 sind immer noch an Bord und vom Feuer bedroht – irritiert auch das Verhalten des Kapitäns, den Dumas nicht als Held, sondern als schicksalsergebenen Dulder zeichnet. Die Mannschaft flüchtet sich vom Schiff – ein Akt der Meuterei, und was sagt der Kapitän? „Wenn sie uns in einem solchen Moment im Stich gelassen haben, dann kommen sie auch nicht wieder.“ Und auch später, als der Kapitän ohne Vorwurf und Strafe zu seinen Mannen ins Boot eingeholt ist, gefällt er sich in der Rolle des seufzenden Vaters seiner Besatzung und reckt unablässig die Hände zum Gebet gen Himmel.

Dumas zerpflückt hier das überkommene Ideal des heldischen Seemanns, wobei ihm besonders die Momente Spaß zu machen scheinen, in denen er Bontekoe als gottesfürchtigen Seemann (über)zeichnet. Der Leser merkt sofort: Das Gebet ist eine Geste, mehr nicht. Schaden kann das Beten ja nicht – aber vermutlich ist der Himmel leer.

Auch in den drei anderen Erzählungen widmet sich Dumas mit spürbarer Freude der Destruktion jener Erhabenheit, die das Genre der ‚Seestücke‘ zu seiner Zeit immer noch (aber immer weniger) bestimmt. Gott wird seiner Göttlichkeit, der Held seines Heldentums entkleidet; es steht im Ermessen des Erzählers, mit diesen Kategorien nach Belieben zu schalten und zu walten.

In der Geschichte von „Kapitän Marion“ etwa wird dieser kurzerhand von Kannibalen massakriert, um dann von seinen Offizieren blutig gerächt zu werden. Die Autorität, hier: der Tod der Autorität, dient Dumas dazu, die bestialische Schlacht in der Möderbucht inszenatorisch einzuleiten, mehr nicht.

In der Geschichte um das stolze Schiff „Juno“ liefert Dumas dann ein Gegenmodell zu der von den Philosophen seiner Zeit unablässig vorgetragenen These von der Erhabenheit des Mannes und der Schwachheit der Frau. Bei ihm schwächelt in der Katastrophe der Mann, und die Frau steht plötzlich als Heldin da. Doch der Aufklärer Dumas schiebt sogleich eine beinahe kapitalismuskritische Wende nach: Die erhabene Zähigkeit der Frau reicht um 1850 leider auch nicht mehr aus, um gegen die übergroße Natur zu bestehen: Wer überleben will, muss mit harter Währung bezahlen: Ohne Rupien aus der Schatulle von Madame geht bei den geschäftstüchtigen Wilden gar nichts.

Bleibt noch die letzte Geschichte, in der vom tragischen Ende des Dreimasters „Kent“ erzählt wird. Hier lässt es Dumas – ohne Rücksicht auf Verluste – richtig krachen. Eine Geschichte, die ihre atemberaubende Spannung und Dramatik zahlreichen, zum Teil haarsträubenden sachlichen Fehlern, Inkonsequenzen und Göttern aus der Maschine verdankt. Doch: Alles sensationell gut erzählt – und (wie alle Geschichten) wunderbar übersetzt! – vom Meister Dumas, der möglichen Kritikern mit einem Lächeln wohl den letzten Satz seines letzten Seestücks entgegengehalten hätte: ‚Gott ist groß!‘ – und besser als ich unterhält dich kaum einer.

Titelbild

Alexandre Dumas: Schiffbrüche. Wahre Geschichten.
Mit einem Text von Volker H. Altwasser.
Übersetzt aus dem Französischen von Nicola Denis.
Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2012.
263 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783882217018

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