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 literaturkritik.de » Nr. 1, Januar 2013 » Deutschsprachige Literatur » Weitere Rezensionen
 
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Schön reden ist nicht schönreden

Nicol Ljubics Roman „Als wäre es Liebe“ stellt die Normalität infrage

Von Frank RiedelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Frank Riedel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der 1971 in Zagreb geborene Nicol Ljubic wuchs in Schweden, Griechenland und Russland auf, bevor er in Deutschland Abitur machte und Politikwissenschaften studierte. Nach einigen mehrfach ausgezeichneten Reportagen gelang dem heute in Berlin lebenden Journalisten und Autor 2010 sein Durchbruch als Schriftsteller. In dem mit dem Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis ausgezeichneten Roman „Meeresstille“ wirft der Balkankrieg einen übergroßen Schatten über die Liebe eines in Deutschland lebenden Kroaten und lässt ihn sich fragen, ob man die Tochter eines Kriegsverbrechers lieben kann. In „Als wäre es Liebe“ geht Ljubic noch einen Schritt weiter: Der Mörder selbst wird zum Objekt der Liebe.

Als Benno, heute Journalist einer Berliner Tageszeitung, Anfang der 1970er-Jahre geboren wird, sind seine Eltern jung, alternativ und politisch aktiv. Die Mutter verlässt der Freiheit willen Mann und Sohn, als er sieben Jahre alt ist, um sich nicht einschränken zu müssen. Sie zieht dem Familienleben einen Arbeitseinsatz in Nicaragua vor. Benno wächst beim Vater, einem Anwalt, in Frankfurt auf. Als er berufsbedingt nach Berlin zieht, wo seine ihm gänzlich fremde Mutter lebt, bleibt das Mutter-Sohn-Verhältnis mehr als unterkühlt. Beim Blumengießen in der urlaubsleeren Wohnung findet er ihr Tagebuch und erfährt erstmals etwas über ihre Gefühle.

Dort schildert seine Mutter ihre intensive Beziehung zum vierfachen Frauenmörder Friedrich P., den sie mit 58 kennengelernt hatte. Man schreibt sich seither Briefe und sie spinnt sich „einen Kokon der gegenseitigen Abhängigkeit und Illusion“. Fasziniert liest sich Benno in die Gedanken seiner Mutter ein, verarbeitet dabei Stück für Stück die gemeinsame Vergangenheit. Auch wenn er alle Gründe gehabt hätte, brechen konnte er mit ihr nicht.

Als Friedrich unter Aufsicht des Gefangenenbetreuers Fritzmann und des Pfarrers Ausflüge machen darf, wünscht er sich die Frau, die ihm Briefe schreibt, als Begleitung. Aus dem 1960, mit 22 Jahren, zu sechsmal lebenslänglichem Zuchthaus verurteilten Serienmörder ist ein gebrechlicher, kranker, alter Mann mit Nikolausbart geworden. Er liebt die Natur, genießt jede Sekunde in der Freiheit. Bennos Mutter widmet ihm viel Zeit und Aufmerksamkeit, etwas, was sie dem eigenen Sohn immer vorenthielt. Sie entwickelt Verständnis für Friedrichs gewalttätige Vergangenheit und kämpft für ihn. Wie er, ist auch sie stark vom Vater geprägt. Hatte Friedrich vom Vater vorgelebt bekommen, man könne Liebe und Sex nur durch Gewalt und Geld bekommen, so war ihrer so unnahbar gewesen, dass sie Mann und Sohn später auch keine Wärme geben konnte. „Indem sie mit einem Mann, der hinter Gittern sitzt, eine sichere Beziehung pflegt“, versucht sie ihren Vater nachträglich zu besiegen.

Der alte Mann, der einst wie ein Raubvogel über seiner Beute kreiste, bis er zuschlug, füttert nun Enten, verschenkt Bonbons an Kinder, die er über alles liebt. Zwischen wunderbaren Naturerlebnissen und putzigen Kinderspielen werden seine grausamen Taten beschrieben. Schmerz und Leid hat Friedrich seinen Opfern und deren Familien zugefügt und seine neue Geliebte recherchiert heimlich nach ihnen, nimmt Kontakt mit ihnen auf. Den Täter, der als Sicherheitsrisiko gilt, sieht sie rein wie ein Kind oder gar wie einen Engel.

Die oft nur zwei bis fünf Seiten kurzen Kapitel des Romans mit unterschiedlichen Ich-Erzählern geben dem Werk eine mitreißende Dynamik. Mal beschreibt die Mutter die Ausflüge mit Friedrich, fügt ihren Gedanken Fakten aus dessen Leben hinzu – ja, zuweilen trifft sie sogar auf Opfer und Angehörige. Benno hingegen lässt seine Kindheit Revue passieren und manches erinnert dabei an die des Serienmörders. Er aber mordet nicht, er würde sich eher selbst vor ein Auto werfen, nur um seine Mutter voller Sorge und Mitgefühl an seinem Krankenbett sehen zu können.

Ljubics Ausgangspunkt ist der mehrfach im Roman zitierte Wikipedia-Artikel über einen vierfachen Frauenmörder. Heinrich Pommerenke, „Die Bestie vom Schwarzwald“, war 2008 bei seinem Tod der am längsten einsitzende Häftling in der Bundesrepublik Deutschland. Die Idee, eine schwierige Mutter-Sohn-Beziehung über die seltsame Liebe einer Mutter zu einem langzeitinhaftierten Mörder zu schildern, ist so ungewöhnlich wie perfekt ausgedacht. Ein Fall wird lebendig, der Täter zum Opfer, und die Mutter diskreditiert sich im Bekanntenkreis durch ihre gesellschaftlich nicht akzeptierte Liebe.

Was den Roman so lesenswert und vereinnahmend macht, ist die Symbiose aus akribischer Journalistenrecherche und wohlformulierter Fiktion. Ljubic schildert die 1968er-Aktivistin ebenso glaubhaft, wie man bei den Ausflügen des Häftlings mit dem Dreigestirn Pfarrer, Aufpasser und Geliebte, das Gefühl hat, der Autor wäre im Kloster Maulbronn oder bei der Neckarschifffahrt dabei gewesen. Der literarische Wert dieser unfassbaren Geschichte, die anfangs wohl kaum jemandem sympathisch oder nachvollziehbar scheint, liegt im gedanklichen Überschreiten gesellschaftlicher Grenzen. Beim Lesen kann man eben Tabus brechen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen.

Titelbild

Nicol Ljubic: Als wäre es Liebe. Roman.
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2012.
223 Seiten, 19,99 EUR.
ISBN-13: 9783455404203

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 literaturkritik.de » Nr. 1, Januar 2013 » Deutschsprachige Literatur » Weitere Rezensionen
 

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Letzte Änderung: 10.12.2012 - 18:10:08
Erschienen am:10.12.2012
Lesungen: 638
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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