Die Wahrheit der Märchen und die moralischen Urteile des „Erzählers“ Wilhelm Grimm

Zum 200. Jubiläum der „Kinder- und Hausmärchen“

Von Wilhelm Solms

Zur Zeit wird dieses Jubiläum überall in Deutschland gefeiert. Dabei hat man nicht das Geburtstagskind, nämlich die Erstausgabe vor Augen, die unter Kennern als die beste gilt, sondern die Ausgabe letzter Hand von 1856. Während diese in vielen, meist illustrierten Ausgaben vorliegt, ist die Erstausgabe nicht im Handel erhältlich. Dass die Bearbeitung der Märchen, die Jacob Grimm seit der Zweitausgabe von 1819 seinem Bruder Wilhelm überließ, nicht selten eine „Verschlimmbesserung“ ist, lässt sich bei zweien der hier vorgestellten sieben Beispiele auch durch einen Vergleich mit dem Text der Erstausgabe beziehungsweise der schriftlichen Quelle zeigen.

Jacob Grimm schrieb in seiner Vorrede zur Erstausgabe von 1812: „So einfach sind die meisten Situationen, dass viele sie wohl im Leben gefunden, aber wie alle wahrhaftigen doch immer wieder neu und ergreifend.“ Obwohl die in den Märchen geschilderten Situationen einfach sind und obwohl viele sie im Leben gefunden haben, sind sie immer wieder, also auch heute noch, neu und ergreifend, weil sie „wahrhaftig“ sind.

Märchen und Wahrheit, passt das zusammen? Das Wort „Märchen“ ist bekanntlich eine Verkleinerungsform von „Märe“. Und „Märe“ bedeutet nicht einfach „Kunde, Nachricht“, wie in verschiedenen Lexika erklärt wird, sondern Wunderbotschaft. „Uns ist in alten maeren wunders viel geseit“, beginnt etwa das Nibelungenlied. Deshalb werden in der Märchenforschung nur die Zauber- oder Wundermärchen, zu denen die Hälfte der zweihundert Märchen der Brüder Grimm gehören, als „eigentliche Märchen“ bezeichnet. Und weil Wunder in der Zeit der Aufklärung bestritten wurden, galten die Märchen damals als Lügengeschichten. In der Redensart „Erzähl mir keine Märchen“ klingt das bis heute nach.

In diesem Beitrag soll nachgewiesen werden, dass wir die in den Märchen verborgenen Wahrheiten nicht entdecken, wenn wir die Märchen durch die Brille des Erzählers betrachten, sondern darauf achten, was in den Märchen geschieht. Dazu wurden sieben Figuren ausgewählt, die in sechs Zaubermärchen und einem Eheschwank auftreten: ein armer Junge und ein Königssohn als Brautwerber, ein reicher Kaufmann und ein König als Vater, ein König als Ehemann, eine Königstochter auf der Suche nach einem Bräutigam und der Ehemann einer zänkischen Frau. Die Wahrheit über diese Figuren kommt darin zum Vorschein, wie sie sich in den geschilderten Situationen verhalten.

Zunächst zwei Brautwerbungsmärchen: Das wichtigste Kennzeichen der Zaubermärchen ist das glückliche Ende. Und das Ende, das das Märchen-Publikum am meisten beglückt, ist die Hochzeit. Mehr als siebzig Prozent der Zaubermärchen, darunter die beliebtesten, nämlich „Aschenputtel“, „Schneewittchen“ und „Dornröschen“, enden mit der Hochzeit. Der Bräutigam und die Braut gehören entweder dem höchsten oder dem niedrigsten Stand an: sie sind Königskinder oder Kinder armer Leute. Doch egal, ob sie ihrem Stand gemäß heiraten oder ob ein schönes, armes Mädchen den Königssohn schnappt, was offenbar, siehe Regenbogenpresse, die Sehnsüchte vieler Leserinnen befriedigt, oder ob ein armer Junge die Hand der Königstochter gewinnt, was immer noch als Skandal empfunden wird, der Erzähler beendet seinen Bericht über die Hochzeit mit Sätzen wie „Und sie lebten glücklich (oder vergnügt oder zufrieden) bis an ihr seliges Ende.“ Dies ist aber nicht die Feststellung einer Tatsache, sondern ein bloßes Versprechen. Denn im Zaubermärchen fällt mit der Hochzeit der Vorhang. Was danach passiert, ist Thema der Schwänke; und dort wird vom Ehezank erzählt. Das pauschale Glücksversprechen des Erzählers entspricht also nicht unbedingt der Wahrheit.

1. Der Dummling und die Königstochter

In dem Märchen „Die goldene Gans“ (KHM 64) ist der Held, der Sohn eines Holzhauers, nicht nur arm, sondern obendrein ein Dummling und seine Partnerin die einzige Tochter eines Königs. Ein happy end ist also äußerst unwahrscheinlich.

Der Erzähler beendet das Märchen mit dem Satz: „Die Hochzeit ward gefeiert, nach des Königs Tod erbte der Dummling das Reich und lebte lange Zeit vergnügt mit seiner Gemahlin.“ Lebte auch sie lange Zeit vergnügt mit ihrem Gemahl? Diese Frage lässt der Erzähler offen. Vielleicht lässt sie sich beantworten, wenn man gehört hat, was in dem Märchen geschieht.

Zu Beginn der Handlung geht der Dummling in den Wald, um Holz zu hauen. Er teilt seine Wegzehrung mit einem alten Mann und erhält von ihm zum Dank eine goldene Gans. Als er in einem Wirtshaus einkehrt, wollen die drei Töchter des Wirts der Gans eine goldene Feder ausziehen und bleiben an der Gans und aneinander hängen. Am nächsten Morgen nimmt der Dummling die Gans unter den Arm und zieht los, und die drei Mädchen müssen hinterdrein. Unterwegs begegnen ihnen erst der Pfarrer und der Küster, dann zwei Bauern, die alle vier ebenfalls die Gruppe berühren, an ihr hängen bleiben und hinterherlaufen müssen.

„Er kam darauf in eine Stadt, da herrschte ein König, der hatte eine Tochter, die war so ernsthaft, daß sie niemand zum Lachen bringen konnte. Darum hatte er ein Gesetz gegeben, wer sie könnte zum Lachen bringen, der sollte sie heirathen. Der Dummling, als er das hörte, ging mit seiner Gans und ihrem Anhang vor die Königstochter, und als diese die sieben Menschen immer hinter einander herlaufen sah, fing sie überlaut an zu lachen und wollte gar nicht wieder aufhören. Da verlangte sie der Dummling zur Braut, aber dem König gefiel der Schwiegersohn nicht, er machte allerlei Einwendungen und sagte […]“

Der König ärgert sich natürlich, dass ausgerechnet ein Dummling, der „verachtet und verspottet“ wurde, seine Tochter bekommen sollte. Er stellt deshalb drei Aufgaben, die kein Sterblicher lösen kann, die aber der alte Mann an Stelle des Dummlings löst. Damit bricht der König das „Gesetz“, das er selbst erlassen hatte, womit er seine Glaubwürdigkeit als rechtmäßiger Herrscher verliert. Deshalb „konnte er ihm seine Tochter nicht länger vorenthalten“. Auch wenn er es wollte, er konnte es nicht.

Was wissen wir über seine Tochter? Sie konnte nicht lachen. Warum nicht? Hat sie eine Mutter, Brüder und Schwestern, Großeltern, Cousinen und Vettern oder Freundinnen? Nein, nur einen Vater. Und was tut der den ganzen Tag? Er regiert sein Reich, und dabei nimmt er sich sicher keine Zeit für seine Tochter. Dass sie da nicht lachen kann, dass sie unter Schwermut leidet, ist nicht verwunderlich.

Als sie aber den Dummling mit seinem Anhang sah, „fing sie überlaut an zu lachen und wollte gar nicht wieder aufhören“. Ob sie mit dem Lachen aufhören konnte oder nicht, sie wollte es nicht. Um sie aus ihrer schweren Melancholie zu befreien, ist dieser lustige Taugenichts genau der Richtige. Das Schöne an dem Märchen ist, dass diese Ehe wider alle Erwartung glücklich werden dürfte.

Und die Moral von der Geschichte? Ein Vater darf sich nicht davon leiten lassen: Wen wünsche ich mir als Schwiegersohn? Er muss sich fragen: Tut er ihr gut?

2. Die falsche Braut

In vier Märchen konfrontiert der Erzähler eine „wahre“ und eine falsche Braut. In zweien („Die Gänsemagd“, „Jungfrau Maleen“) drohen die falschen Bräute den wahren Bräuten, sie zu töten, so dass wir kein Mitleid mit ihnen haben müssen, in den beiden anderen („Die wahre Braut“, „Der Trommler“) trifft die falsche Braut jedoch keine Schuld.

In „Die wahre Braut“ (KHM 186) kommt ein Mädchen dank einer alten Frau, von der sie wunderbare Hilfe erhält, in den Besitz eines „prächtigen Schlosses“.

„Bald ging der Ruf von der Schönheit und dem Reichtum des Mädchens durch die ganze Welt. Alle Tage meldeten sich Freier, aber keiner gefiel ihr. Endlich kam auch der Sohn eines Königs, der ihr Herz zu rühren wußte, und sie verlobte sich mit ihm. […]“

Warum kam der Königssohn? Weil er von ihrer Schönheit und ihrem Reichtum gehört hatte. Und hat auch sie sein Herz gerührt? Darüber wird nichts gesagt. Der Bräutigam will vor der Hochzeit heimziehen und seinen Vater um die Einwilligung zu ihrer Vermählung bitten. Er verspricht ihr, in wenigen Stunden wieder zurück zu sein. Sie „küsste ihn auf den linken Backen und sprach: ‚Bleib mir treu und laß dich von keiner andern auf diesen Backen küssen. Ich will hier unter der Linde warten, bis du wieder zurückkommst.’

Das Mädchen blieb unter der Linde sitzen, bis die Sonne unterging, aber er kam nicht wieder zurück. Sie saß drei Tage von Morgen bis Abend, und erwartete ihn, aber vergeblich. Als er am vierten Tag noch nicht da war, so sagte sie: ,Gewiß ist ihm ein Unglück begegnet, ich will ausgehen und ihn suchen und nicht eher wiederkommen als bis ich ihn gefunden habe‘“.

Sie traut ihm diesen Wortbruch nicht zu und denkt deshalb an ein Unglück. Dann bricht sie mit drei schönen Kleidern auf, sucht ihn auf der weiten Welt und lebt schließlich bei einem Bauern als Hirtin. Nach mehreren Jahren hört sie, dass die Tochter des dortigen Königs heiraten will, sieht den Bräutigam vorbeiziehen, erkennt in ihm ihren Liebsten, muss aber erfahren, dass er sie nicht mehr kennt. Sie geht wie Aschenputtel mit ihren schönen Kleidern auf das Dreitagesfest im Königsschloss:

„Der Königssohn ging ihr entgegen, doch er erkannte sie nicht. Er führte sie zum Tanz und war so entzückt über ihre Schönheit, daß er an die andere Braut gar nicht mehr dachte.“

An wen denkt er nicht mehr? An die zweite, aber auch an die erste Braut. Er merkt ja nicht, dass diese vor ihm steht. Am dritten Abend erkundigt sich der Königssohn, wer sie sei, und als sie ihn als Antwort auf die linke Backe küsst, erkennt er „die wahre Braut. ,Komm‘, sagte er zu ihr, ,hier ist meines Bleibens nicht länger‘, reichte ihr die Hand und führte sie hinab zu dem Wagen. Als wäre der Wind vorgespannt, so eilten die Pferde zu dem Wunderschloß. Schon von weitem glänzten die erleuchteten Fenster. Als sie bei der Linde vorbei fuhren, schwärmten unzählige Glühwürmer darin, sie schüttelte ihre Äste und sendete ihre Düfte herab. Auf der Treppe blühten die Blumen, aus dem Zimmer schallte der Gesang der fremden Vögel, aber in dem Saal stand der ganze Hof versammelt und der Priester wartete um den Bräutigam mit der wahren Braut zu vermählen.“

Der Erzähler ist über dieses happy end so begeistert, dass er es mit den Lichtern von Glühwürmchen, dem Duft einer Linde, blühenden Blumen und dem Gesang exotischer Vögel ausschmückt.

Wer nicht dem Erzähler, sondern der Handlung folgt, dem werden spätestens hier Bedenken bekommen. Das Wunderschloss gehört ja ihr. Er besitzt offenbar gar nichts. Deshalb hatte ihn ja ihr Reichtum angelockt. Und wo bleibt die zweite Braut? Der Bräutigam hat sie einfach vergessen, der Erzähler ebenso. Und wie wird sich der Bräutigam verhalten, wenn er nach einigen Jahren erneut einer noch jüngeren, aber ebenfalls schönen und reichen Königstochter begegnet? Da ist auf seine Treue kein Verlass.

In Wahrheit steht der „wahren Braut“ also nicht die falsche Braut, sondern der falsche Bräutigam gegenüber. Die „wahre Braut“ merkt das nicht, weil sie ihn immer noch liebt. Der Erzähler merkt dies auch nicht oder setzt sich darüber hinweg, weil er die Glückserwartung des Publikums befriedigen will. Die Wahrheit der Märchen ergibt sich wiederum aus der erzählten Geschichte und nicht aus ihrer Bewertung durch den Erzähler.

3. Ein märchenhafter Vater

Obwohl „Aschenputtel“ (KHM 21) eines der bekanntesten, wenn nicht das bekannteste aller Märchen ist, haben viele den letzten Absatz vergessen oder verdrängt. Wilhelm Grimm hat ihn in der Zweitausgabe von 1819 dem Text der Erstausgabe hinzugefügt. In den vielen Varianten, die von den Brüdern Grimm und von Bolte/Polívka zitiert werden, kommt er nicht vor. Ob Wilhelm Grimm diesen Absatz erfunden oder aus einer der in den Anmerkungen erwähnten Fassungen aus Hessen übertragen hat, lässt sich nicht entscheiden, da diese nicht erhalten geblieben sind.

„Als die Hochzeit mit dem Königssohn sollte gehalten werden, kamen die falschen Schwestern, wollten sich einschmeicheln und teil an seinem Glück nehmen. Als die Brautleute nun zur Kirche gingen, war die älteste zur rechten, die jüngste zur linken Seite: da pickten die Tauben einer jeden das eine Auge aus. Hernach, als sie herausgingen, war die älteste zur linken und die jüngste zur rechten: da pickten die Tauben einer jeden das andere Auge aus. Und waren sie also für ihre Bosheit und Falschheit mit Blindheit auf ihr Lebtag gestraft.“

Wie bewertet der Erzähler, und das ist hier eindeutig Wilhelm Grimm, Aschenputtels Stiefschwestern? Als „falsche Schwestern“. Und wie beurteilt er ihre Bestrafung? Als ihrer „Bosheit und Falschheit“ angemessen, also als gerecht. Womöglich hat er sich diese Strafe selbst ausgedacht. Ist diese Strafe wirklich gerecht?

Die Stiefmutter, die es ihnen jahrelang erlaubt hatte, Aschenputtel zu verspotten und zu schikanieren, die Aschenputtel trotz ihres Versprechens nicht zum Tanzfest auf des Königs Schloss mitgenommen hatte, die ihre Töchter bei der Schuhprobe zum Betrug verleitet und obendrein gezwungen hatte, sich die große Zehe beziehungsweise ein Stück von der Ferse abzuhacken, ist doch ungleich böser und falscher als sie. Trotzdem wird sie von Wilhelm Grimm in der Schlussszene nicht verurteilt. Und dass der Vater sie nicht geschützt hat, wird von ihm völlig übergangen.

Auch in der Märchenforschung, ob bei Lüthi, Röhrich, Bettelheim oder anderen, wird stets nur „die Bosheit der Stiefmutter und der Stiefschwestern“ betont und die Rolle des Vaters völlig übersehen.

Der Vater, der als ein „reicher Mann“ viele Mägde beschäftigen könnte, lässt es zu, dass Aschenputtel jahrelang als „Küchenmagd“ arbeiten und nachts neben dem Herd in der Asche schlafen muss. Er greift nicht ein, wenn sie von ihren Stiefschwestern verspottet und gequält wird. Während er auf seiner Reise für die Stieftöchter wertvolle Geschenke kauft, vergisst er das Haselreis, das er Aschenputtel versprochen hatte, und wird erst daran erinnert, als ein Haselzweig ihm auf dem Heimritt den Hut vom Kopf streift.

Als der Königssohn an den ersten beiden Abenden dem fremden Mädchen nachfolgt und dem Vater sagt, es sei in das Taubenhaus gesprungen beziehungsweise auf den Birnbaum geklettert, nimmt der Vater eine Axt und haut das Taubenhaus und den Birnbaum um. Hier könnte man einwenden, dass er vielleicht dem Königsohn helfen wollte, die ‚rechte Braut‘ zu finden. Doch als dieser ihn nach der misslungenen Schuhprobe der Stieftöchter fragt: „habt Ihr keine andere Tochter?“ Verneint der Mann, „nur von meiner verstorbenen Frau ist noch ein kleines verbuttetes Aschenputtel da: das kann unmöglich die Braut sein.“

Als ob Aschenputtel von ihm nicht da wäre! Der Vater leugnet, dass sie seine Tochter ist, und hält es für „unmöglich“, das heißt: er glaubt nicht daran und ist strikt dagegen, dass sie die Braut wird. Der Vater, der nach dem Tod der Mutter als einziger für Aschenputtel verantwortlich ist, erweist sich nicht nur in der Vaterrolle als Versager, er übernimmt auch noch die Rolle des Gegners, indem er Aschenputtels Heirat mit dem Königssohn, den einzigen Ausweg aus ihrem Elend, zu verhindern sucht.

Warum haben so viele Märchenkenner und -freunde die Rolle von Aschenputtels Vater übersehen? Weil sie dem Erzähler gefolgt sind. Und warum hat der Erzähler den Vater nicht kritisiert und am Schluss bestrafen lassen? Darauf möchte ich zwei Antworten geben, die sich nicht widersprechen, sondern ergänzen.

1. Der Märchenerzähler orientiert sich allein am Weg der Heldin zum Glück. Er charakterisiert die Heldin durch positive Eigenschaften und stellt ihr, um ihre Tugendhaftigkeit zu unterstreichen, Kontrastfiguren gegenüber, die genau die entgegengesetzten Eigenschaften verkörpern: Aschenputtel ist „gut und fromm“, die Stiefschwestern sind „garstig und schwarz von Herzen“. Aschenputtel erhält zum Lohn für ihre Güte den Königssohn, die Stiefschwestern werden zur Strafe für ihre „Bosheit und Falschheit“ von den Tauben geblendet. Ihr Unglück dient dem Erzähler als Kontrapunkt zu Aschenputtels Glück. Dagegen spart er den Vater in den letzten beiden Szenen aus, so dass sich die Empörung des Märchenpublikums in der Verlobungsszene auf Stiefmutter und Stiefschwestern und beim Gang zur Trauung nur noch auf die Stiefschwestern richtet.

2. Wilhelm Grimm hat das Bild seines eigenen Vaters, den er im Alter von nicht ganz zehn Jahren verloren hatte, verklärt und das damals übliche Vaterbild, dass sich der Mann in die Kindererziehung nicht einmischt, übernommen. Er hat deshalb das Versagen und das Vergehen von Aschenputtels Vater und fast aller anderen Väter der Märchenheldinnen oder -helden übersehen oder bewusst übergangen oder, wie in der „Gänsehirtin am Brunnen“, sogar entschuldigt und damit die Aussage der Märchen abgeschwächt.

Die volle Wahrheit und die Aktualität des Aschenputtel-Märchens werden erst dann sichtbar, wenn man es nicht aus der Perspektive des Erzählers betrachtet, sondern den Blick auf den entsetzlichen Vater richtet, der in Grimms Märchen wie in der Weltliteratur kaum seinesgleichen findet.

4. Ein königlicher Vater

Im Märchen „Der goldene Vogel“ (KHM 57) ist der Dummling kein armer Junge, sondern der dritte Sohn eines Königs. Der König „hatte einen schönen Lustgarten hinter seinem Schloß, darin stand ein Baum, der goldene Äpfel trug“. Als ein Apfel fehlt, befiehlt er seinen Söhnen, der Reihe nach Wache zu halten. Dass er außer dem Lustgarten auch drei Söhne hat, scheint weniger wichtig zu sein, da es erst danach berichtet wird. Während die beiden Älteren einschlafen, zwingt sich der Jüngste, wach zu bleiben. Als er im Mondschein einen goldenen Vogel herbeifliegen sieht, schießt er einen Pfeil nach ihm ab, worauf eine goldene Feder herabfällt: „Der König versammelte seinen Rath, und jedermann erklärte eine Feder wie diese sei mehr wert als das gesamte Königreich. ,Ist die Feder so kostbar‘, erklärte der König, ,so hilft mir auch die eine nichts, sondern ich will und muß den ganzen Vogel haben.‘ Der älteste Sohn machte sich auf den Weg […]“

Während der König in dem motivverwandten Märchen „Das Wasser des Lebens“ krank ist und dieses Wasser für seine Heilung benötigt, ist dieser König schlicht und einfach habgierig. Die drei Söhne ziehen der Reihe nach los, und es ist für märchenkundige Zuhörer oder Leser keine Überraschung, dass derjenige, der dem Vater den goldenen Vogel bringt, von ihm zum Erben des Reichs bestimmt wird. Der Jüngste gewinnt mithilfe eines Fuchses, den er verschont hat, nicht nur den goldenen Vogel, sondern auch ein goldenes Pferd und die schöne Königstochter vom goldenen Schloss. Seine älteren Brüder lauern ihm, wie nicht anders zu erwarten, unterwegs auf, werfen ihn in einen Brunnen und bringen Vogel, Pferd und Prinzessin ihrem Vater. Der Jüngste wird vom Fuchs aus dem Brunnen befreit und kommt ebenfalls, aber als Bettelmann verkleidet, zurück. Da die Prinzessin spürt, dass er in ihrer Nähe ist, erzählt sie dem König alles, was geschehen ist: „Der König hieß alle Leute vor sich bringen, die in seinem Schloß waren, da kam auch der Jüngling als ein armer Mann in seinen Lumpenkleidern, aber die Jungfrau erkannte ihn gleich und fiel ihm um den Hals. Die gottlosen Brüder wurden ergriffen und hingerichtet, er aber ward mit der schönen Jungfrau vermählt und zum Erben des Königs bestimmt.“

Indem der Erzähler die älteren Brüder als „gottlos“ bezeichnet, hält es für gerecht, dass der König sie hinrichten lässt. Kann man ihm zustimmen? Nein, denn der Erzähler hat nicht erkannt, wer der Urheber ihres Streites ist, wer die drei Brüder durch den Auftrag, ihm den wertvollen Vogel zu beschaffen, aufeinandergehetzt hat. Das ist der König.

Deshalb ergibt sich aus der erzählten Geschichte eine ganz andere Lehre: Wenn Kinder über ihr Erbe in Streit geraten, dann liegt dies an den Eltern, meist ist es der Vater, weil diese nicht zu Lebzeiten für die Zustimmung der Kinder gesorgt haben.

5. Der König als Ehemann

Im Märchen „Die sechs Schwäne“ (KHM 49) heiratet ein König ein Mädchen, weil sie überaus schön ist, obwohl sie stumm ist. Denn sie darf sechs Jahre lang nicht sprechen, um ihre sechs in Schwäne verzauberten Brüder zu erlösen. Die Mutter des Königs aber ist gegen diese Heirat, weil sie vermutet, dass „die Dirne […] eines Königs nicht würdig“, also nicht standesgemäß ist.

Jedes Mal, wenn die junge Königin ein Kind bekommt, nimmt ihre Schwiegermutter es ihr weg, bestreicht ihr, während sie schläft, den Mund mit Blut und klagt sie an, „sie wäre eine Menschenfresserin“. Der König will es die ersten beiden Male nicht glauben. „Als aber das drittemal die Alte das neugeborne Kind raubte und die Königin anklagte, die kein Wort zu ihrer Verteidigung vorbrachte, so konnte der König nicht anders, er mußte sie dem Gericht übergeben, und das verurteilte sie, den Tod durchs Feuer zu erleiden.“

Der arme König: er konnte nicht anders, er musste sie zum Tod verurteilen lassen. Der König im Märchen „Die zwölf Brüder“ handelt ebenso.

Woher nimmt das der Erzähler? Konnte der König wirklich nicht anders? Er konnte seiner Frau zur Flucht verhelfen, er konnte mit ihr zusammen außer Landes gehen, er konnte sie als oberster Richter freisprechen und als Monarch begnadigen.

Wie kommt der Erzähler dazu, nicht das Opfer zu bemitleiden, sondern den Täter? Und wie konnte Wilhelm Grimm, der in Marburg Rechtsgeschichte studiert hat, dem Erzähler diese Worte in den Mund legen? Es war für ihn wohl undenkbar, dass ein König zu einem solchen Verbrechen fähig ist. Denn die Könige werden in vielen Märchen der Brüder Grimm für ihre Untaten entschuldigt.

6. Die Klugheit der Königstochter

In den beliebtesten Zaubermärchen treten weibliche Heldinnen auf, und sie haben häufig eine weibliche Thematik. Sie wurden deshalb gerne von Frauen für Frauen erzählt und zur Erziehung von jungen Mädchen verwendet. Deshalb wurden Grimms Märchen auch von Feministinnen vereinnahmt.

Die Heldinnen der Zaubermärchen sind gut, fromm, treu, fleißig und vor allem schön. Aber sind sie auch klug? Immerhin gibt es kluge Königstöchter. So im Märchen „Das Meerhäschen“ (KHM 191): „Es war einmal eine Königstochter, die hatte in ihrem Schloß hoch unter der Zinne einen Saal mit zwölf Fenstern, die gingen nach allen Himmelsgegenden, und wenn sie hinaufstieg und umher schaute, so konnte sie ihr ganzes Reich übersehen. Aus dem ersten sah sie schon schärfer als andere Menschen, in dem zweiten noch besser, in dem dritten noch deutlicher und so immer weiter bis in dem zwölften, wo sie alles sah, was über und unter der Erde war, und ihr nichts verborgen bleiben konnte. Weil sie aber stolz war, sich niemand unterwerfen wollte und die Herrschaft allein behalten, so ließ sie bekannt machen, es sollte niemand ihr Gemahl werden, der sich nicht so vor ihr verstecken könnte daß es ihr unmöglich wäre, ihn zu finden. Wer es aber versuche und sie entdecke ihn, so werde ihm das Haupt abgeschlagen und auf einen Pfahl gesteckt.“

Die Königstochter will sich „niemand unterwerfen“, und das heißt für den Erzähler: nicht heiraten, weshalb sie von ihm als „stolz“ verurteilt wird. Will sie tatsächlich nicht heiraten? Dann würde sie wohl kaum den Versteck-Wettkampf veranstalten. Sie will nur den heiraten, der mindestens ebenso klug ist wie sie. Das ist ein vernünftiger Wunsch und ein Beleg für ihre Klugheit. Aber eine kluge Braut? Das passt vielen Männern und auch dem Erzähler gar nicht.

Bevor sie zur Hochzeit zugelassen wird, muss sie ihrer Klugheit abschwören. Als sie endlich vom hundertsten Bewerber besiegt wird, schlägt sie im Zorn das zwölfte Fenster so gewaltig zu, dass sämtliche Fensterscheiben zerbrechen, womit sie ihre Weitsicht verliert. Wenn Frauen weitsichtig oder klug sind, dann kann dies nicht mit rechten Dingen zugehen, dann ist dies Zauberei, und die muss ihnen ausgetrieben werden: „Der Jüngling ging geradezu in das Schloß. Die Königstochter wartete schon auf ihn und fügte sich ihrem Schicksal. Die Hochzeit ward gefeiert, und er war jetzt der König und Herr des ganzen Reichs. Er erzählte ihr niemals, wohin er sich zum drittenmal versteckt und wer ihm geholfen hatte, und so glaubte sie, er habe alles aus eigener Kunst getan, und hatte Achtung vor ihm, denn sie dachte bei sich: „Der kann doch mehr als du!‘“

Indem sie dies denkt, hat sie sich ihm bereits unterworfen. Dabei ist nicht der Jüngling, sondern nur das schlaue Füchslein klüger als sie. Der Jüngling ist eindeutig dümmer, aber immerhin so schlau, sie dies nicht merken zu lassen.

Vermutlich haben auch heute noch manche Frauen die Anfangs- und Endsituation dieses Märchens in ihrem Leben erfahren.

7. Die Zähmung der Ehefrau

Der Eheschwank „Die hagere Liese“ (KHM 168) endet mit einem Ehezank. ,Frau‘, sagte der Mann, ,sei still, oder ich hänge dir eine Maultasche an.‘ ,Was‘, rief sie, ,du willst mir drohen, du Nimmersatt, du Strick, du fauler Heinz‘. Sie wollte ihm in die Haare fallen, aber der lange Lenz richtete sich auf, packte mit der einen Hand die dürren Arme der hagern Liese zusammen, mit der andern drückte er ihr den Kopf auf das Kissen, ließ sie schimpfen und hielt sie so lange bis sie vor großer Müdigkeit eingeschlafen war. Ob sie am andern Morgen beim Erwachen fortfuhr zu zanken, oder ob sie ausging den Gulden zu suchen, den sie finden wollte, das weiß ich nicht.“

Ergreift der Erzähler hier Partei und, wenn ja, für wen? Wenn er schildert, wie die Liese den Lenz mit bösen Worten beschimpft, dürfte er bei den Zuhörern – Schwänke wurden vor allem einem männlichen Publikum erzählt – Mitleid mit dem Ehemann wecken. Wenn Lenz dann zupackt und Lieses Kopf mit Gewalt auf das Kissen drückt, wobei sie ersticken könnte, könnte ein männlicher Zuhörer meinen, dass sie sich nicht anders zur Räson bringen ließe. Der Erzähler lässt zwar offen, ob Liese am nächsten Morgen weiterzankt, aber er weckt bei den Zuhörern die Vorstellung, dass sie es tut. Auch der Titel „Die hagere Liese“ ist gegen die Frau gerichtet. In dem Schwank wird also nicht die Gewaltanwendung des Mannes verspottet, sondern allein die Zanksucht der Frau.

Dass dieser Schwank ebenso wie das vorige Beispiel frauenfeindlich ist, lässt sich durch den Vergleich mit Wilhelm Grimms schriftlicher Quelle, einem Schwank von Kirchhof aus dem Jahr 1563, verdeutlichen. Kirchhofs Titel, „Ein Weib wird mutwillig geschlagen“, zielt nicht auf die Frau, sondern auf den Mann. Und die von Kirchhof angefügte Lehre,  „Sich zancken umb das man nicht hat, / Setzt gwissen schmertzen an die statt.“ (sich um etwas zanken, was man nicht hat, schafft stattdessen ziemliche Schmerzen) bezieht sich nicht auf sie oder ihn, sondern auf ihr „sich zancken“. Wenn wir uns anstelle des Königs einen reichen und mächtigen Mann vorstellen, dann haben wir sieben Situationen erlebt, die viele von uns auch im Leben gefunden haben. Was sich an diesen Situationen erkennen und beherzigen lässt, wird vom Erzähler entweder übersehen oder bewusst übergangen. Deshalb sollten wir nicht blindlings dem Erzähler folgen, der sich allein am Weg des Helden oder der Heldin zum Glück orientiert, sondern Abstand einnehmen und uns auch in das Schicksal der Neben- oder Kontrastfiguren versetzen: ein Rezept, das sich nicht nur für die Lektüre von Märchen empfiehlt.

Anmerkung der Redaktion: Der vorliegende Text ist die leicht veränderte Fassung eines Vortrages zum 100. Jubiläum der Grimm’schen Kinder- und Hausmärchen“. Wir danken dem Autor für die Publikationsgenehmigung.





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