Grimms Märchen in modernem Gewand

Karen Duve erzählt in „Grrrimm“ auch das, was uns die Hausmärchen verschweigen

Von Jutta LadwigRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jutta Ladwig

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Grimms Märchen sind zeitlose Klassiker. Generation erfreuen sich bereits an „Schneewittchen und die sieben Zwerge“, „Dornröschen“ oder „Rotkäppchen“. Doch bei aller Begeisterung hat auch jede Generation ihre eigenen Fragen und Vorstellungen von den Grimm’schen Märchen. Im Kern unverändert lässt sich die Handlung mühelos in verschiedene Schauplätze übertragen und seiner Zeit entsprechend anpassen. Und auch das ein oder andere neue Element hinzufügen. Karen Duve wagt dieses Experiment in ihrem neuesten Werk „Grrrimm“. Ihre pointierte Hommage an die Brüder Grimm erzählt von hinterhältigen Zwergen, einem geduldigen Prinzen und gestörten Familienverhältnissen.

„Es war einmal …“ war einmal

Die typische Eingangsfloskel gibt es bei Karen Duve nicht, bis auf die erste Geschichte. Da heißt es allerdings: „Es war einmal wieder stockfinster…“ und leitet die Geschichte von Schneewittchen und den sieben Zwergen ein. Hier erzählt einer der Zwerge, der größte, wie das Schneewittchen zu den kleinen Männern kam. Doch er ist skeptisch und nimmt ihr die Geschichte mit der bösen Königin und dem Jäger nicht so ganz ab. Stattdessen will er sich an die Schöne ranmachen und erpresst sie, damit sie seine Annäherungsversuche nicht dem Chefzwerg petzt. So kommt die Geschichte vom zu eng geschnürten Mieder und dem vergifteten Kamm zustande. Nur bei der Sache mit dem Apfel, der Schneewittchen bekannterweise fast das Leben kostet, war er nicht Schuld.

Nachdem die Geschichte der verlorenen Königstochter zu Ende erzählt ist, erfährt der geneigte Leser auch, was aus den Zwergen geworden ist. Schon in dieser Geschichte wird klar, wo uns die Märcheninterpretationen hinführen: In eine unserer Gegenwart nicht unähnliche Welt, die mit einer Prise Fantasy und Gesellschaftsporträts gewürzt ist.

Karen Duve kennt sich aus

Das kennt man von Karen Duve bereits aus ihrem 2005 erschienen Roman „Die entführte Prinzessin: Von Drachen, Liebe und anderen Ungeheuern“. Mit Heldensagen, Ritterepen und Märchen kennt sich die Autorin aus. In „Grrrimm“ erzählt sie ihre eigenen Versionen der Märchen vom „Dornröschen“, „Bruder Lustig“ und der „Froschbraut“, die anscheinend Tochter eines Mafiapaten ist. Gewürzt wird die Märchensuppe mit allem, was wir der Karen Duve-Sound zu bieten hat: Trotzreaktionen, Bindungsängste, familiäre Spannungen und Minderwertigkeitskomplexe. Außerdem liefert sie uns mögliche Antworten auf alles, was uns an Märchen suspekt vorkommt. Wer hat sich denn noch nie gefragt, wie ein Prinz 100 Jahre auf eine Prinzessin warten kann, warum eine Königstochter freiwillig den Haushalt für sieben Kleinwüchsige schmeißt und warum Rotkäppchen eigentlich immer diejenige ist, die zur Großmutter geschickt wird.

Rotkäppchen meets Twilight

Apropos Rotkäppchen. Karren Duves Version hat durchaus Potential Stephenie Meyers „Twilight“-Reihe Konkurrenz zu machen, denn sie bietet genug Stoff für einen abendfüllenden Fantasy-Horror-Streifen: Werwölfe, schwierige Familienverhältnisse, wahre Liebe – alles da. So werden auch die Teenies Freude an „Grrrimm“ haben, ein jüngeres Publikum sollte jedoch besser zu den Originalen greifen, da die Geschichten zuweilen bösartig und bizarr daherkommen.

Zwar machen Karen Duves Varianten der Grimm’schen Märchen wirklich Spaß beim Lesen, jedoch sind ihre Ideen nicht ganz so neu. Dennoch ist „Grrrimm“ eine unterhaltsame Restauration und Interpretation der bekannten Stoffe, die außerdem auch die Grimms schon nicht selbst erfunden hatten. Und trotzdem schwingt in Duves bissiger Märchenhommage immer Respekt für die Herausgeber der „Kinder- und Hausmärchen“ mit.

Titelbild

Karen Duve: Grrrimm.
Verlag Galiani, Köln 2012.
150 Seiten, 19,99 EUR.
ISBN-13: 9783869710648

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