Once upon a Time

Märchenrezeption in einer amerikanischen Erfolgsserie

Von Jutta LadwigRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jutta Ladwig

Märchen sind zeitlos und allgegenwärtig. Die Märchenstoffe sind weltweit bekannt, sie variieren von Land zu Land, doch der Kern bleibt stets unverändert – die idealen Voraussetzungen den Stoff in bewegte Bilder umzusetzen. Und das ist meistens mit Erfolg gekrönt, man denke hier an die populäre Reihe „Sechs auf einen Streich“, die seit 2008 jedes Jahr zur Weihnachtszeit begeisterte Zuschauer vor den Fernseher lockt. Die Märchenfilme der DEFA oder deutsch-tschechische Produktionen wie der Klassiker „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ dürfen hier genauso wenig fehlen wie diverse Zeichentrickfilme aus dem Hause Disney. Auch in Hollywood sind Märchen beliebte Stoffe. In den letzten Jahren flimmerten Neuinterpretationen von Schneewittchen („Snow White and the Huntsman“, USA 2012; „Spieglein, Spieglein“, USA, 2012) und dem Rotkäppchen („Red Riding Hood“, USA/Kanada 2011) über die Kinoleinwand, 2013 folgen Hänsel und Gretel („Hansel and Gretel: Witch Hunters“, USA 2013) und Hans und die Bohnenranke („Jack, the Giant Slayer“, USA, 2013), bevor 2014 in „Maleficent“ die Geschichte der Fee Malefiz aus „Dornröschen“ erzählt wird.

Auch in TV-Serien wird sich in einzelnen Episoden auf Märchen bezogen, wo sie tragendes Handlungselement oder ein einfaches Stilmittel sind. In der amerikanischen Serie „Once upon a Time“ spielen sie gewissermaßen die Hauptrolle.

„Once upon a Time“: Verflucht, in der Gegenwart zu existieren

Die US-amerikanische Serie „Once upon a Time“ wurde von Edward Kitsis und Adam Horowitz für den US-Sender ABC im Jahr 2011 entwickelt und produziert. Im Mittelpunkt steht Emma Swan (Jennifer Morrison), die an ihrem 28. Geburtstag von ihrem leiblichen Sohn Henry (Jared S. Gilmore) nach Storybrooke im Bundesstaat Maine gelockt wird. Emma hatte Henry vor zehn Jahren als Baby zur Adoption freigegeben, doch der Junge hat nach ihr gesucht. Denn Emma sei die verschollene Tochter von Snow White (Ginnifer Goodwin) und Prince Charming (Josh Dallas), so erklärt Henry die Situation, und damit die einzige Möglichkeit, die Bewohner des Märchenwaldes von einem Fluch zu erlösen. Diesen hat die böse Königin (Lana Parrilla) über sie ausgesprochen und dafür gesorgt, dass jeder Märchenfigur in Storybrooke die Erinnerung an ihr einstiges Leben im Märchenwald fehlt. Emma glaubt Henry kein Wort, bringt ihn aber zurück nach Storybrooke. Und dort muss sie feststellen, dass an der Geschichte des Jungen etwas Wahres dran ist – aber was?

Gelungene Mischung aus Fantasy und Alltagsdrama

Eine böse Königin verflucht die Bewohner des Märchenwaldes zu einem Leben in ewiger Amnesie. Weder Prince Charming, noch Schneewittchen, Rumpelstilzchen oder Rotkäppchen erinnern sich an ihr früheres Leben. Doch wer sind die Figuren überhaupt? Jede Episode der Serie erzählt über das Schicksal einer bekannten Figur, doch sie beschränken sich nicht auf das, was wir aus den Märchenbüchern kennen, sondern auch, was nach dem Happy End kommt oder was für ein Vorleben die Figuren eigentlich führten – beispielsweise, wie aus einem Bauernjungen der tapfere Prince Charming wurde oder wie das Rumpelstilzchen sein Herz verlor und so zu dem unangenehmen Zeitgenossen wurde, wie wir ihn kennen.Auch erzählt „Once upon a Time“,  was mit Aschenputtel nach der Hochzeit geschah und wie aus dem Zwerg Dreamy der Brummbär Grumpy wurde. Die Auswahl der Märchenfiguren erfolgt willkürlich und folgt keinem festen Muster. Ihre Geschichten werden aber dem Märchen angepasst, aus dem die Zuschauer sie kennen. Die Serienmacher kombinieren hier Fantasy und Alltagsdrama, eine Mischung, die weitestgehend überzeugt. Wie im Märchenland haben die Bewohner Storybrookes in der Gegenwart ihre Probleme, es spielen sich Beziehungsdramen ab, Snow White und Prince Charming sind kein Paar und die böse Königin wacht als Bürgermeisterin über Storybrooke und ist von Emmas Erscheinen nicht angetan. Weiß sie doch ganz genau, was das für sie bedeutet. Denn Emma schaffte es tatsächlich, dass für manche Figuren das Happy End nicht unmöglich ist.

Bekannte Figuren aus Buch und Film

In „Once upon a Time“ begegnen wir aber nicht nur dem Figurenpersonal aus den Hausmärchen der Gebrüder Grimm oder anderen bekannten Märchen wie beispielsweise „Die Schöne und das Biest“ und „Aschenputtel“, sondern auch aus Geschichten, die dem Publikum vor allem durch die Verfilmungen von Walt Disney geläufig sind. So begegnen wir im Laufe der Serie dem Puppenmacher Gepetto, Jiminy Cricket und Pinocchio, Kapitän Hook aus „Peter Pan“, dem verrückten Hutmacher aus „Alice im Wunderland“, sowie Mulan aus dem gleichnamigen Zeichentrickfilm. Und diese Figuren erkennt der Zuschauer auf Anhieb, besonders, wenn es um deren Geschichte im Märchenwald geht. Denn optisch haben sie viel mit ihren Disney-Vorbildern gemeinsam. Beispielsweise als das Aschenputtel auf dem Ball mit ihrem Prinzen tanzt: das gleiche blaue Kleid und die gleiche Hochsteckfrisur wie in Disneys Klassiker „Cinderella“ von 1950, auch die Uniform ihres Prinzen ist identisch. Mit solchen kleinen Details wird beim Zuschauer ein Gefühl von Vertrautheit geschaffen, was ein angenehmer Kontrast zur Gegenwart der Figuren in Storybrooke ist. Hier deuten verschiedene Zeichen und Details auf die Figur hin, beispielsweise heißt Aschenputtel in der Gegenwart Ashley, Rotkäppchen hört auf den Namen Ruby und arbeitet im Café ihrer Großmutter, ihr Glücksbringer ist ein Wolfsanhänger.

Dennoch gibt es Figuren, die sich von dem Disneybild abheben, wie Snow White, die mit ihrer Kleidung und ihrem Verhalten dem modernen Schneewittchen der 2012er Neuverfilmungen ähnelt. Aber egal, wie sie sich kleiden, der Zuschauer hat es leicht, die Märchenfiguren zu identifizieren.

„Once upon a Time“ und die Suche nach dem Happy End

Es steckt viel Boshaft hinter dem Konzept, Märchen das Happy End zu nehmen, das weiß die böse Königin und bietet damit den perfekten Rahmen für die Serienmacher. Denn Märchen sind das, was unser Verständnis von Gut und Böse formt und die Hoffnung, dass das Gute immer einen Weg findet zu siegen. In „Once upon a Time“ sollen die Figuren ihr Happy End nicht finden, geht es nach der bösen Königin. Dass sich die Figuren nicht an ihr früheres Leben erinnern können, macht sie sich zu eigen, um sie noch besser zu kontrollieren und die Geschicke in Storybrooke zu steuern. Doch die Erlösung von dem Fluch, und damit auch die Hoffnung, kehrt durch Emma in das kleine Städtchen in Maine zurück. Emma schafft es Stück für Stück das Happy End zurückzubringen, aber kann sie auch den Fluch brechen?

In den USA zählt die Serie unter den Zuschauern derzeit zu den beliebtesten. Sie wurde für diverse Fernsehpreise nominiert, darunter auch die Emmy Awards. Während in Amerika bereits die zweite Staffel von „Once upon a Time“ angelaufen ist, startete im September 2012 die erste Staffel erfolgreich im deutschen Free-TV der RTL Group.

Bisher ging das Konzept auf. Es stellt sich jedoch die Frage, wie die Serienmacher die Handlung auf weitere Staffeln ausdehnen wollen. Denn auch das schönste Märchen hat mal ein Ende.





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