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 literaturkritik.de » Nr. 1, Januar 2013 » Fremdsprachige Literatur
 
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Endlich wieder Blut zwischen den Beinen

Francesco Pacifico versucht sich mit der „Geschichte meiner Unschuld“ an der Kritik an der katholischen Kirche

Von Georg PatzerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Georg Patzer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Sex, Sex, überall Sex. Alle Medien sind voll davon, von allen Titelseiten am Kiosk springen einem nackte Frauen entgegen, und auch das Fernsehen ist ein Sundenpfuhl. Piero Rosini hat genug davon. Er ist 29 Jahre alt, hässlich, fett und bucklig, aber verheiratet, aus reichem Hause und seit einiger Zeit ultrakatholisch. Um all der Entwertung aller Werte etwas entgegenzusetzen, macht er mit bei einem Projekt von anderen jungen Leuten, die den Verlag „Non Possumus“ („Wir können es nicht“) in Rom betreiben, ein Verlag, der es sich zum Ziel gesetzt hat, die katholischen Werte hochzuhalten und wieder für etwas Reinheit und Anstand in der Gesellschaft zu sorgen: „Uns vereinte der Traum, die Kirche könne die Mittelschicht für den Glauben zurückerobern, um den Prozess der allgemeinen Fernseh- und Konsumverblödung umzukehren und die ruhmreiche Mittelklasse der Democrazia Cristiana wieder in Bescheidenheit und fröhlichem Miteinander von Alt und Jung erstrahlen zu lassen.“

Das ist nicht ganz einfach für Piero, denn zwar hat er keine Lust auf seine Frau Alice mehr und entsagt ihr schon freiwillig, aber seine Schwägerin Ada mit ihren vollen Brüsten ist eine ständige Versuchung für ihn. Um dem zu entkommen, flieht er eines Tages, nachdem er seinen Job im Verlag verloren hat, nach Paris – ein fataler Fehler. Denn hier wogt nicht nur das Leben, sondern es wogen noch mehr Brüste, die selbstbewussten Pariser Frauen zeigen gerne, was sie haben, und Piero kann sich kaum dagegen wehren: Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Nicht, dass er fremdgeht. Aber er träumt von den Frauen, die er sieht: „Ich machte ein fadenscheiniges Jäckchen aus grauer Angorawolle zum Fetisch, den Halsausschnitt auf der zarten Haut einer Finanzberaterin, Einzelheiten von Frauen, die ich begehrte, und siehe da, mühevoll und langsam, mit einer Simulation nach der anderen, schickte ich endlich wieder Blut zwischen meine Beine.“

Dazu kommen noch die Prostituierten, die ihn zu ihrem Liebling erkoren haben. Ausgerechnet der Onkel von Clelia, einer dieser Prostituierten, hilft ihm. Dummerweise ist er ein Jude mit viel Witz und einem Schuss Weisheit – denn in seinem Verlag in Rom hatte sich Piero noch um die angebliche „jüdische Infizierung“ des verstorbenen Papstes Johannes Paul II. gekümmert.

„Die Geschichte meiner Unschuld“ von Francesco Pacifico ist die abstruse Geschichte eines abstrusen Menschen, der an sich, seiner Umwelt und seinem katholischen Glauben leidet, den er doch andererseits hochhält und mit dem er die Welt und auch die Partei Democrazia Cristiana (die italienische CDU) vor dem Teufel und vor der Unkeuschheit retten will. Das Buch ist eine ausschweifende Auseinandersetzung des Ich-Erzählers mit sich selbst, eine Betrachtung der sexualisierten Welt und dem Leiden daran. Klar wird natürlich, dass, je mehr man sich um Reinheit bemüht, umso verkorkster wird, umso verlogener und umsomehr leidet.

In Italien war das Buch ein richtiger Bestseller, in Deutschland ist es ziemlich untergegangen. Wahrscheinlich liegt das vor allem daran, dass der Katholizismus mit all seinen Auswüchsen, dem mal latenten, mal offenbaren Antisemitismus oder der strengen Moral, in Italien eine sehr viel stärkere Rolle spielt als im vergleichsweise liberalen Deutschland und sich der Durschnittsitaliener mal einen Befreiungsschlag gönnte, eine literarische Kritik. Aber es liegt vielleicht auch ein bisschen daran, dass diese ganze Auseinandersetzung nicht nur inhaltlich ins Leere läuft, sondern auch stilistisch nicht immer gelungen ist. Ein wenig zu ausschweifend und auf zu vielen Abwegen und manchmal sogar umständlichen Umwegen kommt Piero zu den Schlüssen, die der Leser schon längst hatte. Und dann ist das Buch auch nicht lustig genug, auch wenn Pacifico es immer wieder versucht. Lange, zu arg verschachtelte Sätze tun ein übriges dazu, dass man den Spaß an der Lektüre schnell verliert.

Titelbild

Francesco Pacifico: Geschichte meiner Unschuld. Roman.
Übersetzt aus dem Italienischen von Frank Heibert.
Piper Verlag, München 2011.
350 Seiten, 19,99 EUR.
ISBN-13: 9783492054409

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Letzte Änderung: 12.12.2012 - 21:10:08
Erschienen am:12.12.2012
Lesungen: 458
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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