Dylanologie

Der Band „Code of the Road. Dylan interpretiert“ führt den Reichtum von Dylans’ Gesamtwerk genauso vor Augen wie die Perspektivenvielfalt seiner Interpreten

Von Regina RoßbachRSS-Newsfeed neuer Artikel von Regina Roßbach

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Duft eines bestimmten Parfüms oder der Geschmack eines einmaligen Gerichts hinterlassen zuweilen einen sinnlichen Eindruck, der mit dem Moment und den gerade empfundenen Emotionen für immer verbunden bleibt. Seit Marcel Proust ist das keine extraordinäre Erkenntnis mehr. Genauso ergeht es bei Musik, die individuelle Bedeutung erhalten hat. Vielleicht auch generationelle. Nur untersucht man als Philologe keine Parfüms oder Gerichte, Bob Dylan-Songs aber schon. Dann empfiehlt es sich, Geschmacksurteile wenn nicht zu vermeiden, so doch zumindest zu reflektieren. Der von Knut Wenzel herausgegebene, im März erschienene Dylan-Sammelband hat keinen ausschließlich wissenschaftlichen Anspruch. Aber jeder der sechszehn Beiträger hat eine Vorstellung davon, wie Zutaten, Duftnoten und Zusammensetzungen der Werke Dylans zu beschreiben sind, um ihnen gerecht zu werden.

Zunächst sind Dylans Texte eine Fundgrube thematischer und sprachlicher Spuren amerikanischer Kultur. Michael Kubitzas Beitrag „Travelllin’ with Bob. Eine Reise durchs mythische Amerika“ weist auf spannende Weise den Weg zur eigentlichen Bedeutung des „Hobo“, die man mit dem deutschen Wort „Penner“ nicht zu fassen bekommt, fächert kulturelle Bedeutungsvarianten des Road Trips auf und skizziert den semantischen Gehalt der Ost-West sowie Nord-Süd-Achse der amerikanischen Landkarte. Klaus Walter erklärt, dass „Mr. Jones“ mehr transportieren kann als die Vorstellung eines Durchschnitts-Amerikaners, er trägt auch einen „interracial“-Aspekt mit. So könnte man fragen, ob der Subtext der Zeilen „Something is happening here / but you don’t know what it is / Do you, Mister Jones?“ in „Ballad of a Thin Man“ nicht auch heißen kann, dass er „ein ahnungsloser Weißer“ ist, „der bei den Happenings der schwarzen (Musik-)Kultur nicht mitkommt“. Dylan-Forschung leistet hier wertvolle interkulturelle Vermittlung.

Mindestens genauso vielversprechend ist die – damit verbundene – Anlaufstelle der intertextuellen Verweise. Beide Perspektiven verknüpft Paul-Henri Campbell auf grandiose Weise bei der Untersuchung des Songs „Isis“. Er tastet ihn nach intertextuellen Bezugnahmen auf Plutarchs und Apuleius’ Verwendungen des Isis-Stoffs ab und stellt außerdem den Bezug zu dem mexikanischen Gedenktag „Cinco de Mayo“ her, der in den sechziger und siebziger Jahren in den USA die Bedeutung eines euphorisch begangenen Feiertages gegen Unterdrückung von kultureller Andersheit erhalten hat. Die Erkenntnis, dass die Stärke des Textes von „Isis“ „in der Verschränkung von mythischen und zeitgeschichtlichen Stoffen“ liege, ist nur eine der interessanten Erkenntnisse Campbells. Der Band ist mit derlei Hinweisen auf intertextuelle Versatztücke, Vorbilder und Ahnherren Dylans prall gefüllt. Arthur Rimbaud, T. S. Eliot, F. Scott Fitzgerald, Jack Kerouac, John Steinbeck, Robert Burns und Erica Jong sind nur einige der erwähnten Namen. Heinrich Detering stellt heraus, dass in der Dichte intertextueller Verweise die Zeitlosigkeit der Stücke bestehe. Indem Dylan den „toten Stimmen Gehör gibt“, gelinge es ihm, sie und damit seine Stücke „in die Ewigkeit zu überführen“.

Wenn aber Intertextualität den ausschließlichen Zugang darstellt, wird das von den meisten Dylanologen deutlich kritisiert. Klaus Walter formuliert polemisch: „Brecht hin, Rimbaud her, es gehört zu den großen Missverständnissen der literarisch ambitionierten Dylan-Rezeption, dass man Dylan lesen müsste.“ Was hinzukommen müsse, sei das Hörerlebnis. In unterschiedlichen Formulierungen werden akustische und andere Aspekte betont, die neben dem Text bei Dylan von großer Wichtigkeit sind. Lothar Knatz schreibt nachdrücklich, man müsse „über den Sound sprechen“ und legt dabei besonderen Wert auf stimmliche Intonation. Bei Matthias Jung heißt es: „Der Text ist nicht alles, und was eigentlich zählt, ist das flüchtige Gesamtkunstwerk der Performanz.“

Die meisten Kritiker fordern so oder ähnlich, dass der Medialität der Werke Dylans als musikalische Erlebnisse Rechnung getragen wird. Das wäre dann eine Art Nachhören, ein performatives Nachvollziehen, auch unter Berücksichtigung der verschiedenen Aufnahmen und Auftritte. Knut Wenzel gelingt das in seinem Beitrag zu „What can I do for you“. Das Stück wird kontinuierlich nachempfunden und damit etwas verlangsamt das hörbar gemacht, was vielleicht erst noch einmal erinnert werden muss. Als versuche man, ein Stück noch einmal zu hören wie beim allerersten Mal, werden Rätsel oder Unklarheiten erst an der jeweils passenden Stelle gelöst. Ebenso verfährt Jung, bei dem die Flüchtigkeit des Hör-Moments zugleich seine Hauptthese unterstützt, nämlich dass die spontane Erfahrung bei Dylan die Bedingung für ein Lebendigbleiben, ja den Verjüngungsprozess bei gleichzeitig fortschreitender Zeit bedeute.

Auch Sprache sei bei Dylan nicht Träger von pointiert formulierbaren Ideen und Konzepten, sondern eine Art Erfahrungsraum. Klaus Walter macht das an dem Wort „Happening“ fest, das die Momenthaftigkeit des Musikalischen schlechthin impliziert, die Dylan stets betone und potenziere. Dezidiert musikgeschichtliche Aspekte erweitern das Spektrum, beispielsweise bei Peter Kemper, der Dylans Bezüge auf Vorbilder und Stil des Blues herausstellt. Fragen nach dem Urheberrecht, die Dylan in der Vergangenheit mit Plagiatsvorwürfen in Verbindung gebracht haben, weist er wie die meisten Beiträger zurück: „Musik war immer schon Musik über Musik und Songs sind Songs über Songs über Songs.“ Eine intermediale Komponente kommt bei Susanne Koheil und Norbert Grob hinzu. Grob zeigt mit „Renaldo & Clara“, wie Dylan auch als Filmemacher die Verweigerung von Wahrheiten künstlerisch realisiert. Koheil führt komplementär dazu vor, wie das Kino durch Genre-Verweise, Kinoklischees und Gestaltungsmittel in den Song „Brownsville Girl“ eingegangen ist, den sie als „lyrisch-cineastisch“ bezeichnet. Mit der Analyse von Dylans Selbstverständnis als bildender Künstler und unterschiedlicher Covergestaltungen werden zum Teil weitere intermediale Aspekte einbezogen.

Omnipräsent ist natürlich die Verwendung von biografischen Hintergründen. Dylans mysteriöser Motorradunfall von 1966 findet vielfache Erwähnung und erfährt unterschiedliche Ausdeutungen. Positiv, wenn die Verwendung biografischer Versatzstücke reflektiert wird. Lothar Knatz schickt deshalb voran: „Ich betrachte den Autor weder hier noch andernorts als privilegierten Interpreten.“ Das ist dann besonders anzuraten, wenn man sich auf das vieldiskutierte Terrain von Dylans Religionsverständnis begibt. Reza Shah-Kazemi macht das richtig, indem sie Phasen unterschiedlicher Bewertung von Religiosität vor allem an Dylans Werken festmacht. Von einer Kritik an der Banalisierung religiöser Symbole in der Massenkultur über eine andere Religionen ausschließende Akzeptanz des Christentums bis hin zu einer toleranteren Offenheit findet Shah-Kazemi mindestens drei Abschnitte wieder. Dylans Tanz zwischen den Religionen wird dabei zuletzt ebenso wenig durchschaubar wie seine übrigen Identitäts- und Rollenspiele auch. Diese stellen im Übrigen einen weiteren roten Faden des Sammelbandes dar. Was die Bedeutung von Religion bei Dylan betrifft, so macht Sarah Rosenhauer zwar manch interessante Feststellung: „In der Sprache der verbotenen Sehnsucht malt Dylan eine sehnsuchtstrukturierte Welt.“ Der predigende Ton ihres Artikels entfernt sich jedoch so weit von der vermittelnden Funktion eines Fach- oder auch Sachbuchs, dass man vermuten möchte, hier werde Dylan zur Projektionsfigur für eigene Wahrheiten.

Insgesamt jedoch zeigt der Sammelband Kontinuitäten, Richtungen und Probleme der Dylan-Forschung auf und leistet in dieser Hinsicht einen wertvollen Beitrag. Fans und Wissenschaftlern hat er viel zu bieten. Als erste Anlaufstelle für Dylan-Unkundige sind dagegen nur wenige Beiträge wirklich zu empfehlen.

Ein Beitrag aus der Komparatistik-Redaktion der Universität Mainz

Titelbild

Knut Wenzel (Hg.): Code of the road. Dylan interpretiert.
Reclam Verlag, Ditzingen 2013.
324 Seiten, 12,95 EUR.
ISBN-13: 9783150202593

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