Eine Wundertüte des Comics

Der erste Band von Russ Kicks Anthologie „The Graphic Canon“ – nun auch auf Deutsch

Von Stefan HöppnerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefan Höppner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Comics und Literatur? Im Deutschland der Nachkriegszeit war dies der denkbar größte Gegensatz – Abendland gegen „Amerikanismus“, Persönlichkeitsbildung versus systematische Verdummung und Verrohung, hier hehre Kunst, da seelenlose Massenkultur. Das hat sich seit der Jahrtausendwende gründlich geändert. Comics sind mittlerweile vom deutschen Feuilleton – allen voran von Patrick Bahners und Andreas Platthaus in der „F.A.Z.“ – eingemeindet. Nicht den geringsten Beitrag dazu lieferte das griffige Etikett „Graphic Novel“, Mitte der 1960er-Jahre erfunden und 1978 von Will Eisner für seine „A Contract With God“-Trilogie entlehnt. Damit ist nicht nur das Erzählen auf Romanlänge gemeint, sondern auch der Anspruch auf Komplexität und Gewicht. Und wer würde bestreiten, dass Texte wie „Maus“, „Persepolis“ oder Alison Bechdels „Fun Home“ unser Verständnis von dem, was Comics sind und können, erheblich erweitert und bereichert haben? Mag sein, dass der Begriff „Graphic Novel“ auch seine problematischen Seiten hat – da es keine kanonische Definition gibt und geben kann, kann er für jeden beliebigen Text angeeignet werden, kann geschicktes Marketing und aufwändige Aufmachung eine Tiefe suggerieren, die der Text selbst gar nicht immer hergibt: Ordinäre Comics bleiben demnach seelenlose „Massenzeichenware“ (Wiltrud Drechsel), Graphic Novels sind hingegen per se gut, da sie Kunst sind und damit einen Platz im bürgerlichen Bildungskanon beanspruchen können. Mehr noch: Sie treten als Kunstwerke potenziell in Konkurrenz zu anderen narrativen Kunstformen wie dem Film oder dem Roman. Und wie der Film können sie in den Augen eines bürgerlichen Publikums dadurch Legitimität erreichen, dass sie literarische Werke umsetzen.

Nichts anderes versucht die monumentale Anthologie „The Graphic Canon“, die Russ Kick 2012/13 in drei Bänden bei der amerikanischen Seven Stories Press herausgab, und deren erster Band nun auf Deutsch im Berliner Galiani Verlag vorliegt. Hier wird ein weiter Bogen gespannt, der beim „Gilgamesch“-Epos beginnt und im dritten Band mit David Foster Wallaces „Infinite Jest“ enden wird. Die Idee selbst ist nicht neu – schon 1941 bis 1971 produzierte der Verleger Alfred Kanter die Serie „Classics Illustrated“, die in mehr als hundertfünfzig Bänden einem jugendlichen Publikum die großen Werke der Weltliteratur nahe bringen wollte, wobei der Schwerpunkt auf englischsprachigen Texten des 18. und 19. Jahrhunderts lag, aber auch „Faust“ und „Wilhelm Tell“ ihren Platz fanden. Eher bieder gezeichnet, hatte die in Deutschland als „Illustrierte Klassiker“ vermarktete Serie eindeutig pädagogische Absichten. „Now that you have read the ,Classics Illustrated‘ Edition“, hieß es in jeder Ausgabe seit 1950, „don’t miss the added enjoyment of reading the original, obtainable at your school or public library“. Und tatsächlich schreibt auch Kick im Vorwort, er würde sich freuen, wenn die Lektüre seiner Sammlung die Menschen dazu bringe, die Originale zu lesen. Hier wird der Titel „The Graphic Canon“ doppeldeutig: Auf der einen Seite zeigt er den Anspruch, die wichtigsten Texte aus fünftausend Jahren Literatur zu versammeln, also einen literarischen Kanon zu erstellen, der dann grafisch umgesetzt wird. Andererseits suggeriert Kick, seine Sammlung sei selbst so etwas wie ein Kanon der Comic-Kunst, was, freundlich gesagt, stark übertrieben ist.

Natürlich kann man an der Auswahl der Texte mäkeln. Andreas Platthaus hat in der „F.A.Z.“ die fast völlige Abwesenheit von Vorlagen aus der deutschen Literatur bemängelt. Im ersten Band, der bis in die 1780er-Jahre reicht, ist nur Kat Menschik mit einer Umsetzung des „Nibelungenliedes“ vertreten. Aber es handelt sich eben um ein amerikanisches Unternehmen, hauptsächlich von amerikanischen Zeichnern betrieben. Daher kann es nicht überraschen, dass ein großer Teil der vertretenen Texte aus der englischsprachigen Literatur stammt, von Beowulf bis hin zu Mary Wollstonecraft. Aber das hätte unter deutscher Federführung kaum anders ausgesehen. Nichts spräche dagegen, die Merseburger Zaubersprüche oder Oswald von Wolkenstein, Grimmelshausen und Gryphius in Comicform wiederzugeben, aber bei nicht-deutschen Lesern würden sie wohl Stirnrunzeln hervorrufen. Außerdem muss man fairerweise zugeben, dass Kick in den ausländischen Ausgaben ausdrücklich neue Originalbeiträge aus den jeweiligen Kulturen wünscht. Eher kann man beklagen, dass der Berliner Galiani Verlag, vielleicht aus Mangel an finanziellen Mitteln, dem Original nicht mehr als Menschiks Zeichnungen hinzugefügt hat. Definitiv eine verpasste Gelegenheit, die aber in den nächsten beiden Bänden behoben werden könnte. Außerdem sind gerade die ersten zwei Drittel des ersten Teils alles andere als eurozentrisch angelegt – neben der klassischen Antike und der europäischen Renaissance finden sich indianische Mythen, Texte der chinesischen und arabischen Literatur, persische Gedichte und sogar ein Auszug aus dem Popol Vuh, dem Schöpfungsmythos der Quiché-Maya.

Russ Kick hat „seinen“ Künstlern bei der Auswahl und Umsetzung der Texte offenbar viel Freiheit gelassen. Das ist eine große Stärke des Buches, die in den individuellen Herangehensweisen der Künstler eine ebenso große Bandbreite zeigt wie in der Auswahl der Quellen. Vieles davon ist wirklich gelungen – wie Rick Gearys eigentlich unmöglicher Versuch, die Offenbarung des Johannes in Bilder umzusetzen, oder Josh Levitas’ ganz in Gelbtönen gehaltene Version von Shakespeares 18. Sonett („Shall I compare thee to a summer’s day“), das – hier in der Übersetzung von Stefan George – die Liebeserklärung des Originals neu erzählt, als die eines Sohnes an seine verstorbene Mutter, wobei auch noch Dichten und der Prozess des Comic-Zeichnens kunstvoll miteinander verwoben werden. Oder Altmeister Robert Crumb, der im intimen Tagebuch des Schotten James Boswell (1740-1795) die sexuellen Obsessionen wiederfindet, die auch seine autobiografischen Comics durchziehen. Anderes ist weniger gelungen, wie Noah Patrick Pfarrs Umsetzung von John Donnes Gedicht „Der Floh“ als platter Lesben-Porno, oder Ian Balls übermäßig stilisierte Version von Voltaires „Candide“, die zwar grafisch ansprechend ist, aber kaum etwas mit ihrer Vorlage zu tun hat. Einige Beiträge sind überhaupt keine Comics. Etwa, wenn Cortney Skinner einen Essay Benjamin Franklins einfach mit einer Illustration versieht oder Shawn Cheng den chinesischen Roman „Die Räuber vom Liang-Schan-Moor“ dadurch auf Papier bannen will, dass er Porträts der Hauptfiguren zeichnet, dann werden sie dem Medium nicht gerecht, denn das Wesen des Comic ist das Narrative, das Erzählen einer Geschichte. Kicks Anthologie ist wie eine Wundertüte, die ja auch genauso begeistern wie enttäuschen kann. Insgesamt überwiegt aber der Reiz der Vielfalt. Nur wenige Adaptionen sind bereits anderswo erschienen, so natürlich die Beiträge von Crumb, Eisner oder Seymour Chwasts eigenwillige Interpretationen der „Göttlichen Komödie“ und der „Canterbury Tales“, die sich unbedingt auch als Einzelanschaffungen lohnen.

Ein Irrtum wäre es allerdings, wenn man meint, die Lektüre der Comics könnte die der Originale ersetzen. Das sollte schon „Classics Illustrated“ nicht, und hier wäre die Annahme gleich aus zwei Gründen fehl am Platz. Schon aus Platzgründen sind längere Vorlagen selten ganz umgesetzt. Rick Gearys bereits erwähnte Apokalypse und Valerie Schrags Version der „Lysistrata“ des Aristophanes sind Ausnahmen, und sie schaffen dies nur durch radikale inhaltliche Kürzungen, die andererseits helfen, die Vorlagen pointierter darzustellen – wie Lisa M. Browns „Hamlet“-Version in nur drei Panels, die aber auch nur dann komisch wirkt, wenn man das Original bereits kennt. Typischer sind die Beispiele aus den homerischen Epen, aus „King Lear“ oder „Paradise Lost“, die von vornherein nur Episoden aus den Originalen gestalten. Vor allem aber handelt es sich bei den Arbeiten um eigenständige künstlerische Werke, die so eigenwillig sind, dass sie die Lektüre der Vorlagen eher voraussetzen, als dass sie an deren Stelle treten könnten. Daher versieht Kick die Comics jeweils mit einer Einleitung, und im Anhang haben die deutschen Herausgeber Erläuterungen hinzugefügt, wo die Leser die Originale finden und sich weiter einlesen können. Trotz dieser einzelnen Kritikpunkte lohnt es sich, einige Nachmittage mit dieser großformatigen Anthologie auf dem Sofa zu verbringen und sich überraschen zu lassen, was einige Comics können – und wo andere scheitern.

Titelbild

Russ Kick (Hg.): The Graphic Canon - Weltliteratur als Graphic Novel. Von Gilgamesch über Shakespeare bis Gefährliche Liebschaften, Bd. 1.
Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Klaus Binder, Karlheinz Dürr, Anne Emmert, Katja Hald, Anja Hansen-Schmidt, Elsbeth Ranke, Tobias Roth, Heike Schlatterer, Stephanie Singh, Reinhard Tiffert, Joachim Utz.
Verlag Galiani, Köln 2013.
504 Seiten, 49,99 EUR.
ISBN-13: 9783869710785

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