Best of Britain

Julian Barnes` Visionen vom Reisen in der Zukunft

Von Christina Jung

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wordsworths Narzissen wiegen sich gleich neben Buckingham Palace - auch liebevoll "Buck Haus" genannt - im Wind. Von 11 bis 11.15 Uhr ist die königliche Familie zu bewundern, und um 16.15 Uhr tummeln sich Robin Hood und seine fröhliche Schar im Sherwood Forrest, der bequem mit dem Ponywagen zu erreichen ist. Nachmittags geht's zum Shopping zu Harrod's im Tower of London, dann gönnt man sich erschöpft in Anne Hathaway`s Cottage einen Devon Cream Tea und blättert etwas in der "Times". So sieht er aus, der Urlaub der Zukunft. Fernab von Touristenbuskolonnen, weiten Wegen, schlechter Infrastruktur und undurchschaubaren Öffnungszeiten erfüllt das so von seinen Schlacken befreite, auf das Wesentliche konzentrierte Land der Sehnsucht alle Wünsche und einen gelungenen Aufenthalt für Urlauber mit gehobenen Ansprüchen. Mit Marktforschungsmethoden entwickelt bietet das futuristische "England, England", wie es Julian Barnes in seinem neuen Roman entwirft, alles, was sich unter very British subsumieren lässt.

Und wer sagt denn, dass diese Simulation nicht wirklich ist oder die Wirklichkeit eine Simulation? Spätestens seit Baudrillard, Virilio, dem Film "Matrix" & Co ist nicht genau auszumachen, ob nicht doch die nächste Umgebung ein Fake ist. Muss sich da aber auch noch Mr. Barnes mit einiger Verspätung dieses Themas annehmen? In seinem aktuellen Werk ist nichts mehr echt und schon gar nicht, wie es scheint. Die erste Erinnerung der Protagonistin Martha Cochrane ist nach proustschem Rezept mühsam zusammengezimmert: In der nach gebratenen Zwiebeln duftenden Küche ist sie in ein Puzzle der englischen Grafschaften vertieft. Eines Tages ist der Vater weg, verschwunden mit Nottinghamshire. Er hinterlässt Martha , ihre Mutter und ein nunmehr unvollkommenes Abbild des alten Britannien. Das angeschlagene Königreich wird im Laufe der Erzählung durch seine Simulation ersetzt - das Abziehbild zur "Sache selbst". Aber Julian Barnes wäre nicht der vielgelobte und geistreiche Barnes, wenn er lediglich ein Modethema bedienen würde, sagen doch visionäre Zukunftsentwürfe oft mehr über die Gegenwart als über die Zukunft aus.

Der selbstherrliche Konzernchef Sir Jack Piman, künftiger geistiger Vater des Touristenmekkas, kann den Gedanken, dass die glorreichen Zeiten vorbei sind, in denen Britannien noch eine Weltmachtstellung inne hatte, kaum ertragen. So muss sich good old England sagen lassen: "Hör mal, Baby, du mußt den Tatsachen ins Auge sehen. Wir leben im dritten Jahrtausend und du hast einen Hängebusen. Ein Push-up-BH ist da keine Lösung." Da macht auch New Labours New Deal aus alt nicht neu. Aber wo die Politik scheitert, ist im Zeitalter der Globalisierung todsicher eine andere Lösung in Sicht. Was noch verwertbar ist von England, stutzen er und seine Pitco Group soweit marketinggerecht zusammen, dass es auf die Isle of Wight passt, etwas angereichert mit einer historischen Dimension. Während die angestellten Engländer Engländer spielen, die doch nicht so fishy sein dürfen wie ihr Ruf, sondern lieber eine Servicementalität amerikanischen Vorbilds anzunehmen haben, muß die Königsfamilie echt sein. Bezeichnenderweise lockt man sie mit besseren Arbeitsbedingungen auf die Insel. In "England, England" - nunmehr unabhängiger Staat und Unternehmen - herrscht endlich das freie Kräftespiel von Angebot und Nachfrage. Die Urlauber strömen in Scharen in den gigantischen Vergnügungspark und auch die Pitmans Presseerzeugnisse sind naturgemäß begeistert. Das neue, bessere Albion - ein Geniestreich. Zwischen dem mit allen Wassern gewaschenen Großindustriellen Jolly Jack allerdings und Martha Cochrane, der Bestallten Zynikerin seines Projektteams, entspinnt sich ein Intrigenkampf um den Herrscherthron im neuen Pitman House. Als leitende Direktorin sieht sich die daraus siegreich hervorgehende Martha mit bis dato ungeahnten Problemen konfrontiert.

Robin Hood und seine fröhliche Schar beginnen, sich mit ihren Rollen ebenso zu identifizieren wie der Special Air Service, der die Schlacht um England nachstellen soll. Während in Sherwood Forrest fortan das Essen selbst gejagt wird, campieren die Heroen neben der Startbahn, um bei einem Überraschungsangriff sofort einsatzfähig zu sein.

Nach dem England der Gegenwart und dem England, England der nahen Zukunft finden wir im dritten Bild der bei Barnes so beliebten Triptychon-Struktur Martha in "Anglia" wieder. Von der EU ausgeschlossen und ohne weitere Außenhandelsbeziehungen ist das einstige Vereinigte Königreich auf ein vorindustrielles Stadium regrediert, ein Zufluchtsort für ehemalige Broker und Geschäftsleute, die sich nun in die nicht ganz so idyllische dörfliche Gemeinschaft zurückziehen.

Mit liebevoll zynischem Blick stellt Barnes in "England, England" einen ganzen Strauß von philosophischen, politischen und gesellschaftlichen Zeitphänomenen zusammen. Beispielsweise gehören die wenig familienverträglichen Reflexionen des angestellten Historikers Dr. Max über den Mythos des Freiheitskämpfers Robin Hood - über den jede und jeder Bescheid zu wissen glaubt - sicher zu den humorigen Glanzlichtern des Romans. Gelungen ist Barnes so eine komisch-absurde Satire auf die Ferienpark-Industrie und das allseits propagierte Primat der Ökonomie unter neoliberalen Vorzeichen.

Titelbild

Julian Barnes: England, England. Roman.
Übersetzt aus dem Englischen von Gertraude Krueger.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1999.
345 Seiten, 23,00 EUR.
ISBN-10: 3462028308

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