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 literaturkritik.de » Nr. 1, Januar 2001 (3. Jahrgang) » Literaturwissenschaft und Literaturgeschichte » DDR und Denunziation
 
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Leben im real existierenden Sozialismus

Ein wertvoller Leitfaden durch Biographien der DDR

Von Lutz HagestedtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lutz Hagestedt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Wer war wer in der DDR?" Ein biographisches Lexikon wie dieses kann man nur stichprobenartig besprechen. Um es nicht ganz dem Zufall zu überlassen, muss ein Leitfaden her, zum Beispiel Manfred Krugs Erinnerungsbuch "Abgehauen".

Im November 1976 beging die DDR, so Krug, ihren "bis dahin schwersten Regierungsfehler" - sie bürgerte Wolf Biermann aus. Zwei Schriftsteller, Stefan Heym und Stephan Hermlin, trommelten ein Trüppchen Aufrechter zusammen und verfassten einen offenen Brief an die Regierung ihres Landes: "Wir protestieren gegen seine [scil. Biermanns] Ausbürgerung und bitten darum, die beschlossenen Maßnahmen zu überdenken." Da die Zeitungen der DDR sich weigerten, die Resolution zu drucken, wurde sie durch Stephan Hermlin der französischen Nachrichtenagentur AFP zugespielt und platzte von dort wie eine Bombe ins Politbüro und die Welt.

Der "Kulturdompteur" im Politbüro hieß damals Werner Lamberz und galt als feinsinnig und liberal. Er war bereit, sich mit den Unterzeichnern der Resolution zu treffen. In der Wohnung Manfred Krugs sollte das geheim gehaltene Treffen stattfinden, und der Gastgeber entschloss sich, das Gespräch heimlich aufzuzeichnen.

Die Personen, die sich damals in Manfred Krugs Wohnzimmer versammelten, sind alle Figuren der Zeitgeschichte. Der Mitschnitt ihres Streitgesprächs wurde 1996 in Krugs Erinnerungsbuch "Abgehauen" veröffentlicht, mit oder ohne Einwilligung der damals Beteiligten. Es sind Leute unterschiedlichster Provenienz: Politiker, Funktionsträger der Medien, Schauspieler, Schriftsteller. Das "biographische Lexikon" der DDR informiert beispielsweise darüber, dass Werner Lamberz erst 1976 Mitglied des Politbüros des Zentralkomitees der SED geworden ist. Sein Lebenslauf liest sich vergleichsweise spannend, wurde er doch 1929 im Rheinland geboren, ging nach der Volksschule auf die Napola-Ordensburg Sonthofen, war zwei Jahre Mitglied der Hitlerjugend und wurde 1944 von einem KPD-Genossen seines Vaters zeitweilig versteckt. Mit dem Vater siedelte er 1946 in die DDR über und machte dort relativ schnell Karriere in SED und FDJ. 1978 verunglückte der "Genosse Lamberz" bei einem Hubschrauberabsturz über Libyen tödlich.

Manfred Krug, geboren 1937 in Duisburg, ist ebenfalls mit dem Vater in die DDR gekommen und erzielte Anfang der sechziger Jahre seinen Durchbruch als Schauspieler in Filmen von Ralf Kirsten. Große Popularität erlangte er in der DDR mit Jazz-Konzerten und -Schallplatten. Nach der Unterzeichnung der Protestresolution gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns wurde er an der Ausübung seines Berufes massiv gehindert. Die wichtigsten Stationen seines Werdeganges dürften stimmen, bloß beim Datum seiner Ausreise aus der DDR irrt das biographische Lexikon: Krug ist nicht schon 1976 über die Grenze gegangen, wie es bei Verfasserin Monika Kaiser heißt, sondern er hat erst am 20.06.1977 die Sektorengrenze nach Westberlin überschritten. In vielen Fällen sind Ungenauigkeiten in der Datierung vorprogrammiert, da sich die betreffenden Personen aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen haben und zu keinerlei Auskunft zu bewegen sind. Um so beachtlicher ist die Fülle der hier zusammengestellten Fakten.

Stephan Hermlin wird in diesem Lexikon als "Hauptinitiator und Verfasser der Wolf Biermann-Resolution" bezeichnet. Der Eintrag von Andreas Kölling und Leonore Krenzlin berücksichtigt die neuesten Forschungen Karl Corinos, der große Teile der Vita von Stephan Hermlin (alias Rudolf Leder) als Fälschungen entlarven konnte. Stefan Heym (eigentl. Helmut Flieg), der Mitinitiator der Resolution, wird als einer der wichtigsten zeitgenössischen Schriftsteller der DDR charakterisiert, weil er es verstanden habe, "historische Stoffe auf ihre gegenwärtige Bedeutung für gesellschaftliche Utopien und deren Deformationen zu befragen". Bemerkenswerter Weise hat Heym 1982, bei einem deutsch-deutschen Schriftstellertreffen im niederländischen Scheveningen, die Wiedervereinigung als "möglich und naturgegeben" bezeichnet.

Neben den Schriftstellern Jurek Becker und Klaus Schlesinger, dem Ehepaar Christa und Gerhard Wolf sowie dem Regisseur Frank Beyer saßen damals noch der "Fernsehintendant" der DDR, Heinz Adameck, und die Schauspielerin Jutta Hoffmann mit in der Runde. Die ebenfalls erwähnten Schauspieler Hilmar Thate und seine Frau Angelica Domröse - beide wollten der Veröffentlichung ihrer Redebeiträge in Krugs Buch "Abgehauen" nicht zustimmen - haben die DDR 1980 verlassen und verschiedene Engagements an renommierten deutschen Theaterhäusern sowie in zahlreichen Filmen angenommen.

Dieses Lexikon ist opulent und beschränkt sich doch auf das Notwendigste. Die einzelnen Einträge bieten ein relativ dürres Gerüst, sie berücksichtigen die Geburts- und Sterbedaten, die Stationen der Ausbildung, die Mitgliedschaft in Parteien, Vereinen und Verbänden, die beruflichen Stationen, ggf. Auszeichnungen, Ehrungen und Preise kultureller wie staatlicher Provenienz, ferner strafrechtliche Daten, Berufsverbote, Bespitzelungen durch die Stasi etcetera. Tendenziell trockene, nüchterne, aufs Wesentliche beschränkte Kost. Bei Wolf Biermann, dem Stein des Anstoßes, ist dies nicht viel anders, doch lesen sich die markant gesetzten Wegmarken seiner Auftritts- und Publikationsverbote, der durch ihn ausgelösten Protestaktionen und der samisdatartigen Verbreitungsformen seiner Konzerte und Texte doch höchst spannend.

Die Neuausgabe des 1992 erstmals erschienenen Lexikons verzeichnet 1.231 zusätzliche Biographien; der Kreis der berücksichtigten Personen wurde gegenüber der Erstausgabe erheblich erweitert. Verstärkt wurden Handlungsträger der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und Funktionäre der Kirchen, die Leiter der großen Industriekombinate, der Berufsverbände und Akademien, der Hochschulen, Verlage und Agenturen, die Aktivisten der Friedensbewegung, der Umwelt- und Menschenrechtsgruppen usw. mit einbezogen. Neben dem Verfasserregister bietet dieses Lexikon ein Länder- und ein Ortsregister (in dem einzelne Städte wie Berlin oder Potsdam nach Bezirken sortiert sind). Das Abkürzungsverzeichnis ist angesichts des Abkürzungsfimmels der DDR-Bürokratie ein absolut notwendiges Hilfsmittel, ebenso wie das Pseudonymenregister, hat aber auch Lücken: So wird man eine Erläuterung für das bei Manfred Krug häufiger auftretende Kürzel "IMV" vergeblich suchen. Es gibt immer etwas zu verbessern, gerade bei einem vorzüglichen Standardwerk wie diesem.

Titelbild

Helmut Müller-Enbergs / Jan Wielgohs / Dieter Hoffmann (Hg.): Wer war wer in der DDR? Ein biographisches Lexikon. Unter Mitarbeit von Olaf W. Reimann und Bernd- Rainer Barth.
Ch. Links Verlag, Berlin 2000.
1036 Seiten, 34,80 EUR.
ISBN-10: 3861532018

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 literaturkritik.de » Nr. 1, Januar 2001 (3. Jahrgang) » Literaturwissenschaft und Literaturgeschichte » DDR und Denunziation
 

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:10:39
Erschienen am:01.01.2001
Lesungen: 4429
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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