Verfolgung und Paranoia

Franz Pfemferts Exil in Briefen, Dokumenten und Erinnerungen

Von Lutz HagestedtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lutz Hagestedt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es gab das prachtvolle und das elende Exil. Prachtvoll war das Exil Lion Feuchtwangers in Kalifornien, elend das Exil Franz Pfemferts in Mexiko. Beide erlebten das Ende des Zweiten Weltkrieges in der Fremde, keiner von beiden kehrte nach Deutschland zurück.

Feuchtwangers Biographie gilt als gut erschlossen, über Franz Pfemferts Schicksal war bislang wenig dokumentiert. Der legendäre Gründer und Herausgeber der Zeitschrift für freiheitliche Politik und Literatur "Die Aktion" war eine der einflussreichsten Gestalten des literarischen Expressionismus; er starb 1954 verarmt, vereinsamt und vergessen in Mexiko Stadt. "Die Aktion" war sein Lebenswerk, mit ihr war es 1933 vorbei, als Pfemfert zusammen mit seiner Frau Alexandra Ramm fliehen musste, erst in die Tschechoslowakei, dann 1936 nach Paris, 1940 über Madrid und Lissabon nach New York und 1941 schließlich nach Mexiko.

Der Band von Lisbeth Exner und Herbert Kapfer enthält ein Vorwort von Ellen Otten, der Witwe Karl Ottens, zwei Essays zu Franz Pfemfert, diverse Erinnerungen von Zeitgenossen wie Kurt Pinthus, Erwin Piscator, Walter Rilla, Daniel-Henry Kahnweiler, Claire Goll, Hermann Kasack, Franz Jung oder Walter Mehring, sowie die Korrespondenz von 1909 bis 1953. Eine Editorische Notiz, eine Kurzbiographie, ein Stellenkommentar zu den Texten und Briefen und ein Namensregister runden den Band ab.

Der Teil, um den es hier gehen soll, Franz Pfemferts Jahre im Exil, wird durch einen Essay von Herbert Kapfer eingeleitet. "Verfolgung und Paranoia" nennt der Mitherausgeber seine biographischen Erkundungen über Franz Pfemferts Zeit nach der "Aktion". Und in der Tat lassen die Privatbriefe, die Pfemfert an ehemalige Weggefährten und Kampfgefährten wie den Politiker und Revolutionär Leo Trotzki geschrieben hat, an Kollegen und an potentielle Geldgeber, auf Persönlichkeitsveränderungen schließen, die ans Pathologische reichen.

Herbert Kapfer kann anhand eines "polizeilich durchgearbeitet[en]" Exemplars der "Aktion" zeigen, dass Pfemferts Wahn nicht unbegründet war, dass er nicht erst in den Jahren des Exils verfolgt und beschattet worden ist, sondern bereits 1927 unter "geheimpolizeilicher Überwachung" stand. Nach dem Reichstagsbrand sahen sich Franz Pfemfert und seine Frau Alexandra Ramm, eine Slawistin und Übersetzerin, gezwungen, innerhalb von 24 Stunden Berlin zu verlassen. Im tschechischen Exil (Karlsbad) wurden sie unter anderem von Karl Kraus unterstützt, der telegrafisch Geld schickte. Selbstmordgedanken trieben Franz Pfemfert um, die Einrichtung eines Fotoateliers erwies sich als schwierig, da er seine teuren Apparaturen in Berlin hatte zurücklassen müssen, da die Konkurrenz ihn anschwärzte und ihm aufgrund von Denunziationen der Gewerbeschein wieder aberkannt wurde.

Zwei Jahre nach der Machtübernahme der Nazis betrieb der Preußische Innenminister Pfemferts Ausbürgerung, und Werner Best befürwortete 1935 die "Ausdehnung der Ausbürgerung Franz Pfemferts auf Alexandra Ramm", weil sie Jüdin sei. Die zweite Exilstation von Franz und Alexandra Pfemfert war im Oktober 1936 Paris. Auch hier richteten sie sich ein Fotoatelier ein. "Sie leben ärmlich von Kaffee und Brot", berichtete Karl Retzlaw. Doch der lange Fluchtweg, der sie nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges von Paris über Marseille, Madrid, Lissabon und New York nach Mexico City führte, muss noch entbehrungsreicher gewesen sein. Freunde stellten schon in den ersten Jahren des Exils eine Persönlichkeitsveränderung bei Pfemfert fest: Der ehemals stolze Kämpfer, der unerbittliche Polemiker und gefürchtete Prinzipienreiter war ein gebrochener Mann. Mehr und mehr rückten die Akklimatisierungsschwierigkeiten und die bitteren Lebensumstände ins Zentrum seines geistigen Universums. "Die Aktion" und die Jahre des scharfen, entschlossenen politischen Widerstands waren halb vergessen; an der regen Kulturarbeit der in Mexiko lebenden Exilanten, die einen eigenen Exilverlag betrieben, beteiligte sich Pfemfert nicht. Er wurde ein larmoyanter, schrulliger Privatier, der sich eine Hauskatze zulegte und Hymnen auf sie schrieb.

Von dieser neuen Persönlichkeit Franz Pfemferts legen die Briefe Zeugnis ab, die Herbert Kapfer und Lisbeth Exner zusammengetragen haben. Trotz ihres häufig privaten Gehaltes, der weitgehend nur die täglichen Sorgen und den Kampf ums liebe Auskommen dokumentieren, sind diese Briefe von höchstem Interesse, weil Pfemfert und seine Frau nicht zu den "prominenten" Exilanten gehörten und ihr Schicksal repräsentativ ist für die vielen Namenlosen, die unter vergleichbaren Problemen litten; die lange, oft vergeblich auf ihre Visa warten mussten, unter Todesangst und strengsten Entbehrungen. Ohne Geld saßen Franz und Alexandra Pfemfert in Lissabon fest, nicht nur der Hunger, auch der Neid fraß in ihren Eingeweiden, der Neid auf Schriftstellerkollegen, die auch in der erzwungenen Fremde auf die Füße fielen und den alten Lebensstandard halten konnten.

Bizarr ist die Verzweiflung Pfemferts über die angebliche "Ermordung" seines Katers Katjus, sie zeigt seine Paranoia in voller Blüte, sie ist komisch und tragisch zugleich, hervorragendes Ausgangsmaterial - etwa für ein Theaterstück über Pfemferts Jahre im Exil.

Titelbild

Lisbeth Exner / Herbert Kapfer (Hg.): Pfemfert. Erinnerungen und Abrechnungen. Texte und Briefe.
Unter Mitarbeit und mit einem Vorwort von Ellen Otten.
Belleville Verlag, München 2000.
676 Seiten, 50,10 EUR.
ISBN-10: 3923646356

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