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 literaturkritik.de » Nr. 4, April 2001 (3. Jahrgang) » Fremdsprachige Literatur
 
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Zwischen Licht und Dunkel

Per Olov Enquists Roman "Der Besuch des Leibarztes"

Von Ingeborg GleichaufRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ingeborg Gleichauf

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Bei allen Büchern von Per Olov Enquist ist es immer zuerst die Sprache, die in Bann zieht. Erst nach einer Weile merkt man, dass diese Sätze ja etwas aussagen, eine Geschichte erzählen. Enquist hat Grundworte, die wie ein Gerüst wirken, von dem man allerdings in eine unauslotbare Tiefe blickt. Die Grundworte seiner Romane haben alle miteinander zu tun, leben in einer Art Verwandtschaft. In diesem neuen Roman heißen sie "Bestürzung", "Wohltäterin", "Furcht", "Schrecken". Und als Gegenwort zu diesen Worten: die "Aufklärung".

Die Geschichte spielt in Dänemark in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. König Christian VII., ein Kind noch, wird mit der ebenso jungen englischen Prinzessin Caroline Mathilde verheiratet. Die Prinzessin ist in den Augen des Hofes noch zu unerfahren, um überhaupt schon Eigenschaften zu haben, und dem König hat man mögliche Eigenschaften bereits mit der Rute ausgetrieben. Sein Geisteszustand schwankt zwischen Klarsicht und Verwirrung. Man holt für Christian einen deutschen Leibarzt namens Struensee an den Hof. Struensee steht der Aufklärung nahe, und so nimmt die dramatische Geschichte ihren Lauf. Irgendwann hat dieser Arzt alle Vollmachten, erlässt neue Gesetze und gewinnt die Liebe der Königin. Und das, obwohl er eigentlich nur Arzt sein will und im Inneren eine ständige Furcht verspürt.

Der Blick vom Gerüst in den Abgrund betrifft die Personen und deren innere Landschaft. Enquist deutet zunächst vieles an, um es dann erst einmal wieder ruhen zu lassen. Ein Gesicht blickt den Leser kurz, aber intensiv an, zieht sich dann noch einmal ins Dunkel zurück, um später umso stärker ins Geschehen einbezogen zu werden. Dieser Autor ist ein genialer Regisseur. Er hat alle Fäden seines Dramas in der Hand, aber man kommt erst darauf, wenn man das Buch schon aus der Hand gelegt hat. Man glaubt, Struensee mache durch die Kunst seiner Liebe Caroline zu einer Person mit Eigenschaften. In Wirklichkeit ist es der Autor, der Schicht um Schicht dieser Frau zur Entfaltung bringt. Er ist der raffinierte Liebhaber. Man nimmt teil am geistigen Niedergang des Königs und merkt erst spät, dass das Spiel vom Erzähler geschickt eingefädelt wurde. Er bringt Christian um den Verstand. Enquist agiert als Philosoph, Psychologe und Erzähler. Er beleuchtet jede noch so dunkle Kammer seiner Figuren und bleibt selbst im Verborgenen. Er steht auf der Seite der Aufklärung und liebt dennoch das schaurige Geheimnis jeder seiner Personen. Denn was sollte das Licht der Rationalität anderes beleuchten wollen als sein Gegenteil: die Nacht der menschlichen Seele. Deren Faszination macht auch diesen neuen Roman Enquists zu einem wunderbaren Leseabenteuer, bei dem Grusel und Lust, rationale Analyse und Rausch nicht zu unterscheiden sind.

Titelbild

Per Olov Enquist: Der Besuch des Leibarztes. Roman.
Übersetzt aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt.
Carl Hanser Verlag, München Wien 2001.
376 Seiten, 21,50 EUR.
ISBN-10: 3446199802

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:10:58
Erschienen am:01.04.2001
Lesungen: 3951
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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