Platutüden und Abziehbilder

Günter Grass' altersmüdes Resümee "Mein Jahrhundert"

Von Roland Kroemer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im letzten Kapitel ergreift die Mutter das Wort. Die ist zwar schon lange tot, für einen Kurzauftritt in Günter Grass' Jahrhundertwerk aber noch vital genug: "Gezwungen hat er mich nicht, aber überredet, der Bengel." So wird sie von ihrem Sohn für die Literatur noch einmal erweckt und - ins Altersheim gesteckt. Pardon, in ein "Seniorenheim mit Seeblick": "Eineinhalb Zimmer hab ich, dazu Bad, Kochnische und Balkon. Farbfernseher hat er mir reingestellt und eine Anlage für diese neuen silbrigen Schallplatten."

Nutzen wir die Zeit, in der die alte Dame die Wunder der Neuzeit entdeckt, für einen genaueren Blick auf Grass' neues Buch "Mein Jahrhundert". Großes hat er sich vorgenommen. Nicht weniger als eine Bilanz, ein literarisches Resümee der letzten hundert Jahre deutscher Geschichte. Und die im Schnelldurchlauf. Jedes Jahr ein Kapitel, jedes Kapitel nur drei oder vier Seiten kurz. In jedem Jahr schlüpft Grass in eine andere Figur, einen anderen Zeitzeugen, und blickt so durch ein Kaleidoskop der Perspektiven auf die Vergangenheit zurück. Verdun, Versailles, Weimar. Die Machtergreifung der Nazis. Die Autobahn. Die olympischen Spiele. Die Reichskristallnacht. Dachau, Stalingrad, Auschwitz. Der Mauerbau. Brands Kniefall in Warschau. Kohls und Mitterands demonstrativer Handschlag. Der Fall der Mauer. Natürlich auch Schröders Wahlsieg. Nichts hat Grass vergessen. Er betet die historischen Daten, die sich ins kollektive Gedächtnis der Deutschen eingegraben haben, so brav herunter, als stünde er zur Abfrage vorn an der Tafel. Das ideale Buch für den Elftklässer, der für die Geschichtsklausur büffelt. Ein literarischer Genuß aber entsteht bei der Lektüre nicht. Zu wenig Originelles, gar Spannendes hat Grass diesmal zu bieten.

Selbst und gerade die erschütterndsten Ereignisse der deutschen Geschichte bleiben unter seiner Feder erstaunlich leblos, blaß. Hier schreibt, so könnte man meinen, ein Autor nur noch mit Tinte, nicht mehr mit Herzblut. Um den Abgrund des Ersten Weltkriegs auszuloten, arrangiert Grass ein fiktives Treffen zwischen Jünger und Remarque, die gemeinsam auf Kriegstaumel, Stellungskämpfe und Materialschlachten zurückblicken. Eigentlich eine reizvolle Ausgangssituation: das Aufeinanderprallen von Patriotismus und Pazifismus, von rechts und links, von deutscher Kultur und westlicher Zivilisation. Gerade an diesen Stellen wünschte man sich die Betrachtungen eines Unpolitischen. Wie hätte wohl ein Thomas Mann das Treffen der beiden Schriftsteller gestaltet? Doch unter der Regie von Grass verkümmern sie zu Karikaturen, zu Abziehbildern, so flach und schwarzweiß, als entstammten sie lediglich dem Notizbuch des Meisters. Nicht nur Remarque und Jünger - auch Brecht und Benn werden von Grass auf die Bühne gezerrt und zu Sprechpuppen seiner Platitüden gemacht: "Ihr abendländisches Leichenschauhaus steht meinem epischen Theater so monologisch wie dialektisch zur Seite", muß Brecht da einmal sagen. Es soll wohl lustig sein. Wirkt aber nur aufgeblasen. Bescheidenheit und Zurückhaltung kann man dem Buch gewiß nicht vorwerfen. Das gilt besonders für die Kapitel, in denen sich Grass selbst zu Wort meldet: 1959 etwa, als "Die Blechtrommel" erscheint und er mit seiner Frau Anna auf der Buchmesse, betört vom überwältigenden Erfolg, "auf heißen Sohlen" tanzt, "als könnten wir uns nur tanzend vor diesem Rummel, der Bücherflut, all diesen wichtigen Leuten retten und so ihrem Gerede - 'Erfolg! Böll, Grass, Johnson machen das Rennen ...' leichtfüßig entkommen." Dieses Problem hat Grass mit seinen neueren Werken bekanntlich nicht mehr. Doch auch die Verrisse können seinen Triumphzug nicht stoppen: Fontane, so schreibt er, hätte durch ihn - "gefangen in dem Roman 'Ein weites Feld'" - die "Unsterblichkeit" erlangt. Von (Selbst-)Ironie weit und breit keine Spur. Fonty würde über solche Sätze wohl dennoch nachsichtig lächeln.

Besonders enttäuschend sind die letzten Kapitel. Je mehr sich Grass der Gegenwart nähert, um so abgestandener wirken seine Geschichten. Die 90er Jahre bestehen für ihn aus kaum mehr als aus den Fernsehbildern des Golfkriegs, dem Klonschaf Dolly und der Love Parade in Berlin. Nur notdürftig hinter der Maske eines Reporters versteckt, kommentiert er "dieses an der Spree gefeierten 'Karnevals in Rio'", wo getanzt wird, "selbst wenn irgendwo auf dem Balkan, in Tuzla, Srebrenica und sonst noch wo geschossen, gemordet wird." Oh, diese verkommene Jugend! Es hat den Anschein, als fühlte sich Grass in der heutigen Zeit ähnlich fremd und fehl am Platz wie seine Mutter in der Konfrontation mit so neumodischen Dingen wie der CD. Die Gegenwart, so muß sich Grass eingestehen, hat ihn längst überholt. "Hier darf sich Jahr für Jahr eine Generation in Ekstase tanzen, der jetzt schon die Zukunft gehört", heißt es am Ende der Love-Parade-Reportage mit unverhohlenem Neid, "während wir Älteren, wenn ich mir abschließend diesen Scherz erlauben darf, uns um den Müll, die Müllberge sorgen dürfen." Eigentlich ein passendes Ende für diese Besprechung. Machen wir aber kurz noch einen Abstecher ins Altersheim und überlassen - Ehre, wem Ehre gebührt - der Mutter das Schlußwort: "Der Bengel ist über siebzig schon und hat sich längst einen Namen gemacht. Kann aber nicht aufhören mit seinen Geschichten. Manche gefallen mir sogar. Aus anderen hätte ich bestimmte Stellen glatt gestrichen." - Hätte Grass doch öfter auf seine Mutter gehört.

Titelbild

Günter Grass: Mein Jahrhundert.
Steidl Verlag, Göttingen 1999.
380 Seiten, 24,50 EUR.
ISBN-10: 3882436506

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