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 literaturkritik.de » Nr. 8, August 2001 (3. Jahrgang) » Schwerpunkt: Lyrik » Gedichte und Bilder
 
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Dreh-Momente

Gedichte von Paul Wühr und Zeichnungen von Hans Baschang

Von Katja Schneider

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Versuch, Tanz graphisch darzustellen, ihn zu verschriften, dient nicht nur dazu, der flüchtigen Bewegung Dauer zu verleihen. Die Notation, die Tanzschrift, basiert auf der Reflexion über Tanz, sie ist ein Mittel der Tanzanalyse und darin ein kreativer Entwurf des Tanzes, der nach bestimmten Prämissen notiert wird. Die (Selbst-)Darstellung des Tanzes in der Schrift, der graphischen Präsentation, entwirft ihn quasi neu.

"Tanzschrift" betitelt ist der großformatige Band mit zwölf Gedichten von Paul Wühr und ebenso vielen Zeichnungen von Hans Baschang: Die Schwünge, Kreise, Wirbel der Zeichnungen scheinen in ihren Unschärfen die Dynamik in der Bewegungsfolge darzustellen, in den Gedichten dynamisiert sich die Sprache. In zweien von ihnen (dem zweiten und zwölften) ist explizit vom Tanz die Rede, doch das auftretende Paar Er und Sie inszeniert in den dargestellten Sprechakten der Texte auf der "Bühne", in einem "meist erbaulichen Staat Poesie" einen erotischen Tanz des Leibes, des "Geistes des Fleisches", der von den tiefsten Tiefen in höchste Höhen führt, sich vollzieht zwischen Tier und Gott, zwischen dem Tod und einem Leben ohne Beginn. Denn Er und Sie kriechen nicht aus dem Leib, sein Leib kam ihr einmal gekrochen und sie wird ihm gekrochen gekommen sein, "in Gedanken". Sie nähern sich einander an, durchdringen einander, führen sich selbst dem anderen in wechselnden Konstellationen und Identitäten vor, sie ändern - darin tanzend - ständig ihre Position im (Text-)Raum. Sie sind in permanenter Bewegung, in Poesie, Sprache, Gedanken, Klang, Flug und Tanz, wobei die Poesie und der Tanz verbunden sind in Durchdringungs- und Annäherungsbewegung: Die Poesie, der "Vers", wird mit den Füßen durchdrungen, um den Partner zu erreichen, der Tanz braucht diese Annäherung zur Nähe jedoch nicht. Im Tanz sprechen Er und Sie als "Wir", ihr Tanz ist ein Projekt, ein Unternehmen: "sehr / bald / werden sagen sie beide hier / zum Tanz durchdrehen und / wahre / Wunden vollbringen". In der extremen Dynamisierung von Drehbewegung, Durchbohrung, Geisteszustand und Schöpfungsakt werden Er und Sie zum Tanz kommen und der Flüchtigkeit ihres Tanzes in Wundmalen (relative) Dauer geben.

Wühr entwirft den Tanz als projektive Zeichenschrift auf dem Körper, als (erotische) Bewegungen vom "Geist des Fleisches" und als Dreh der Poesie. Und der Tanz, dem Er und Sie "nachsagen werden was wir denken", stellt potentiell die Anschlussstelle bereit für Gedanken, Sprache, Schrift.

Kein Bild

Paul Wühr / Hans Baschang: Tanzschrift. Gedichte. Zeichnungen.
Herausgegeben von Matthias Kussmann.
Verlag Ralf Stieber, Karlsruhe 2000.
32 Seiten, 24,50 EUR.
ISBN-10: 398020295X

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:11:01
Erschienen am:01.08.2001
Lesungen: 5290
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