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 literaturkritik.de » Nr. 8, August 2001 (3. Jahrgang) » Schwerpunkt: Lyrik » Gedichte der Frühen Moderne
 
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Anna Blume für alle Sinne

Ein Gedicht geht um die Welt

Von Saskia SchulteRSS-Newsfeed neuer Artikel von Saskia Schulte

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Auf Litfaßsäulen erschien im Jahre 1919 das Gedicht "An Anna Blume", die "von hinten, wie von vorne" ist. Es machte den Künstler und Dada-Erfinder Kurt Schwitters schnell bekannt. 80 Jahre später wird sein "ungezähltes Frauenzimmer" um den Erdball geschickt - im Rahmen eines poetischen Projekts: Zur Weltausstellung im Jahr 2000 wurde in Schwitters Heimatstadt Hannover das Buch "A - N - N - A" produziert, das 154 Übersetzungen von "Anna Blume" aus 137 Ländern enthält. Die Recherchen nach Dichtern in den entlegensten Ländern (wie etwa Eritrea, Gabun, Nepal) waren nicht immer von Erfolg gekrönt. Im Vorwort wird ein Antwortschreiben aus dem Vatikanstaat zitiert: "Die Botschaft hat den Inhalt ihres Schreibens vom 12. 05. 1999 mit einem Lächeln zur Kenntnis genommen und Überlegungen angestellt, welchem Mitglied der Kurie sie wohl das Angebot unterbreiten könnte, das 'Anna Blume'-Gedicht ins Lateinische zu übertragen. Nach reiflicher Überlegung bin ich zu dem Schluß gekommen, daß das Ansinnen einer Übersetzung skurriler Liebesgedichte im Vatikan vielleicht doch nicht auf das nötige Verständnis stoßen dürfte."

Doch unter den lebenden Sprachen blühte die Blume Anna auf: "Kia Eva Puera" kommt von den Cook Inseln, "A Anna Flor" aus Andorra, "ANI CVIJE TU" aus Kroatien, "Till Anna Blomma" aus Schweden. In den verschiedensten Schriftzeichen rankt sie sich über die Seiten: Aufgrund der Vielzahl der Sprachen, in denen das Gedicht wiedergegeben wird, entschieden sich die Herausgeber, die Handschriften zu faksimilieren. So kommt man auch zu dem Vergnügen, "Till Anna Tulipan" aus Norwegen samt der Blümchen anschauen zu können, mit denen Gro Dahle seine Übersetzung verziert hat.

Doch so schön die Übertragungen des Textes umgesetzt wurden, es fehlt an der richtigen Information an der richtigen Stelle: Unter dem jeweiligen Abdruck steht zwar das Land in der deutschen und englischen Schreibweise sowie der Name des Übersetzers; es fehlt jedoch die Angabe der Sprache. So finden sich etwa zwei Abdrucke aus Namibia, die erkennbar in zwei verschiedenen Sprachen geschrieben sind. Welche es sind, verrät erst der Anhang, der wiederum alphabetisch nach den Autoren geordnet ist, nicht nach Ländern.

Eine beigelegte CD mit dem Titel "Hörensagen/Hearsay" soll Anna Blume auch zu einem akustischen Erlebnis machen. Die Vielstimmigkeit der Völker jedoch wird im von Stephan Froleyk komponierten und realisierten Hörstück zwar wiedergegeben, doch erinnert das Stimmengewirr eher an den Turmbau zu Babel. Dabei wäre es sehr schön gewesen, das ganze Gedicht "An Anna Blume" wenigstens einmal in fremder Zunge geprochen zu hören. Vor allem, da man laut Vorwort ausreichend Tonbandmaterial dazu hatte.

Doch das "schlichte Mädchen im Alltagskleid" ging nicht nur hin zu den Völkern dieser Erde, es kam auch ein Echo zurück: die "Poetischen Antworten", die in einem zweiten Buch abgedruckt sind. Der Band "Anna Blume und zurück" gibt in der Originalsprache und der deutschen Übersetzung wieder, wozu sich Dichter aus aller Welt von dem "lieben grünen Tier" inspirieren ließen. In ihren Nachdichtungen wuchs Anna Blume teils zur sozialen Anklage an, teils wucherten die Wort- und Sinnspielereien weiter aus, ermutigt von Schwitters' verrückter Grammatik. Im Text von Anne Ranasinghe aus Sri Lanka schreibt Anna Blume an ihren Erschaffer Schwitters zurück:

"Geehrter Herr, was Sie an Seltsamkeiten schrieben,

Las ich befremdet und mit Missbelieben

Ob der Weise, wie Sie - offen ungeniert

Und schmucklos - Wörter wählen deplaciert."

Andere ließen sich von der eigenwilligen Form des dadaistischen Gedichts ermuntern:

"1.) Anna Blume hat ein Vogel,

2.) Anna Blume ist rot.

3.) Welche Farbe hat der Vogel." - So lautet der Abschnitt "Preisfrage" im Original. Yasuo Fujitomi aus Japan verwandelt diese "Frage" in "An Traum-Eve":

"1) Der Purpur ist die Gestalt.

2) Du liegst noch immer.

3) Aus welchem Grund liegst du?"

Und Cossy Guenou aus Togo stellt "Fragen an hartnäckige Störenfriede":

"1. Anna hat vier Augen oder mehr und das fasziniert mich

2. In einer hellen Nacht entblößt der Mond Anna

Jedenfalls eine gute Neuigkeit für uns beide

3. Keiner kann an des andern Windfächer nuckeln

Auch nicht am eigenen Weil warum weil darum"

Auch im eigenen Sprachraum wird mit Anna gespielt. Franzobel aus Österreich scheint es deftig zu lieben. In "An Anna Blunze. Blutwurst." heißt es: "Anna, Anna, einerlei. / Man kann dich auch von hinten essen: Eznulb".

Titelbild

Gerd Weiberg / Klaus Stadtmüller / Dietrich zur Nedden (Hg.): A-N-N-A! Kurt Schwitters' Gedicht "An Anna Blume" in 154 Nachdichtungen aus 137 Ländern sowie als Hörstück auf CD.
zu Klampen Verlag, Lüneburg 2000.
248 Seiten, 34,80 EUR.
ISBN-10: 3933156513
ISBN-13: 9783933156518

Weitere Informationen zum Buch

Bestellen bei buecher.de

Titelbild

Gerd Weiberg / Klaus Stadtmüller / Dietrich zur Nedden (Hg.): Anna Blume und zurück. Poetische Antworten auf An Anna Blume von Kurt Schwitters.
Wallstein Verlag, Göttingen 2000.
240 Seiten, 19,40 EUR.
ISBN-10: 389244434X
ISBN-13: 9783892444343

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 literaturkritik.de » Nr. 8, August 2001 (3. Jahrgang) » Schwerpunkt: Lyrik » Gedichte der Frühen Moderne
 

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=3693

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:11:06
Erschienen am:01.08.2001
Lesungen: 11583
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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