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 literaturkritik.de » Nr. 8, August 2001 (3. Jahrgang) » Schwerpunkt: Lyrik » Gedichte und Bilder
 
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Eine Hommage an alle Liebenden

Rilke und Rodin auf den Spuren der Erotik

Von Tobias Temming

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der geneigte Leser mag sich fragen, wie eine Hommage an alle Liebenden aussehen kann. Ein Werk zu ihrer Huldigung ist es aber tatsächlich: Die Zusammenstellung dieses Bandes, bestehend aus erotischen und leidenschaftlichen Gedichten Rilkes in Verbindung mit 21 aquarellierten Aktzeichnungen Rodins, ergibt ein meisterhaftes Bild von Liebe, Leidenschaft und Lust.

Die Kombination der Werke gerade dieser beiden Künstler ist keineswegs zufällig. Die gemeinsame Zeit war für Rilke, langjähriger Sekretär und Freund Rodins, von unschätzbarem Wert für sein künstlerisches Schaffen. Beide sahen die Leidenschaft und die Erotik der Liebe als eine maßgebliche Bedingung für ihr Werk an. Die Kunst sei ein geistiger Schaffensprozess. Sie "stammt von dem physischen her, ist eines Wesens mit ihm und nur wie eine leisere, entzücktere und ewigere Wiederholung leiblicher Wollust." Rilke und Rodin versuchen in Bild und Wort, die animalische Leidenschaft und die Flüchtigkeit des erotischen Augenblicks, einer Bewegung oder eines Momentes einzufangen.

Rilkes Auffassung von Leidenschaft und Lust wird schnell offenbar. Die Tatsache, dass die Erfahrungen mit diesen Phänomenen als von den meisten Menschen leichtfertig abgetane Trivialität aufgefasst wurde, "daß fast alle diese Erfahrung mißbrauchen und vergeuden und sie als Reiz an die müden Stellen ihres Lebens setzen und als Zerstreuung statt als Sammlung zu Höhepunkten", war Rilkes Motivation, sich intensiver mit dem Thema auseinander zu setzen. Immer wieder finden sich in seinen Gedichten implizite Aufforderungen, das wahre Gefühl nicht zu verleugnen oder zu missbrauchen, sondern als einen bewussten Prozess zu fühlen. "O daß der Mensch dieses Geheimnis, dessen die Erde voll ist bis in ihre kleinsten Dinge, demütiger empfinge und ernster trüge, ertrüge und fühlte, wie schrecklich schwer es ist, statt es leicht zu nehmen."

Rilke folgt seinen eigenen Prinzipien. Immer wieder versucht er, dem konkreten Wesen der Liebe auf den Grund zu gehen, sie zu entdecken und zu umschreiben. Starke Bilder einer animalischen Natur, der Erdverbundenheit lösen sich ab mit Attributen von großer Reinheit, Klarheit und Pathos. Ein immer währender Kult der Empfängnis, der Neuschaffung, der Hingebung und der Liebe wird beschworen. Sexualität artikuliert sich deutlich, aber nicht plump. Sie steht als Symbol der Befreiung, gar der Wiedergeburt, zumindest jedoch als Bedingung für das geistige Überleben des Menschen. Liebe wird gefeiert als Weg, das Göttliche im Menschen zu befreien - als Heilsweg zum Besseren.

Rilke zelebriert seine subjektive Wahrnehmung der Ästhetik als Religion der Sinne. Von einer heiligen Glorifizierung des ersten wahren Gefühls der Liebe bis zu ihrem leidvollen Erlöschen: Rilke erfasst das gesamte Spektrum aller erfahrbaren Emotionen zwischenmenschlicher Beziehungen. Sehnsucht, Flucht, Hoffnung, Resignation. Leidenschaft oder Hass. Die berühmten Fragen nach der Definition von Passion und Liebe scheint er in einer einzigartigen Wort- und Bildsinfonie beantworten zu wollen. Hierbei sind metaphysische Gedankengebäude ebenso zu finden wie Themen, die den meisten Lesern bekannt sein dürften: Das erotische Spiel zwischen Nähe und Distanz, der spannungsvolle Zauber der Ungewissheit zwischen dem Liebenden und dem Objekt der Begierde und schließlich die Angst, noch nicht Begonnenes könnte schon zu früh wieder enden.

Dabei bleibt Rilke zumeist im Rahmen klassischer Reimschemata. Kraft seiner Bilder werden sensibelste Beziehungsgeflechte analysiert. Rilke umschreibt auch persönliche und intime Erfahrungen und Träume mit erotischer Schönheit, die sich gelegentlich bis zu einer ekstatischen Überhöhung des Lebens steigern. Von romantischen 'Bienen- und Blumen-Metaphern' bis hin zu sich wiederholenden deutlich phallozentristischen Topoi.

Zudem kristallisiert sich in Rilkes Gedichten eine Art individueller Emotionsphilosophie heraus. Emotionen der Leidenschaft verlöschen nicht, sondern werden weitervererbt, doch erst durch die Kraft der Liebe wird die Aura dieses Erlebten wieder fühlbar. Quasi als ererbte Erfahrung der Lust. In diesem Rahmen ist der permanente Topos des Werdens und Vergehens sowie der Neuschaffung einzuordnen.

Gewürzt sind die sich abwechselnden Bild- und Textseiten mit drei kürzeren Texten Rilkes über seine Einstellung zu Rodins Kunst, zu seiner Auffassung der Erotik und einer theoretischen Begründung seines lyrischen Gestaltens, welche den Zugang erheblich erleichtern. Ein ausführlicher Anhang informiert darüber hinaus über die einzelnen Schaffensperioden in Rodins Werk und ihre Einflüsse auf die Kunst und Literaturgeschichte, sowie ihre Tendenzen. Auch die kunstphilosophischen Entwicklungssprünge Rilkes und Rodins werden in ihrer jeweiligen Wechselwirkung untersucht. Zusammen mit der Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte des Rodin'schen Werkes und mancher Gedichte wird die Lektüre dieses Buches abgerundet. Es wird so zu einem Leckerbissen für jeden Bibliophilen, der auch der bildenden Kunst zugewandt ist.

"Scheint es Ihnen nicht auch, daß unsere ganze Kultur Verstellung und weitergegebene Lüge ist, solange wir dulden, daß das Wort 'erotisch' irgend wann anders als in frommster, schauerndster Ehrfurcht gedacht oder ausgesprochen sei...?"

Auch wird man der Antwort auf diese Frage ein Stück näher gekommen sein.

Titelbild

Rainer Maria Rilke / Auguste Rodin: Augenblicke der Leidenschaft. Aquarellierte Zeichnungen und Texte. Mit einem Nachwort von Annette Ludwig.
Übersetzt aus dem Französischen von Rätus Luck und Heidrun Werner.
Insel Verlag, Frankfurt a. M. 2000.
119 Seiten, 24,50 EUR.
ISBN-10: 3458170448

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 literaturkritik.de » Nr. 8, August 2001 (3. Jahrgang) » Schwerpunkt: Lyrik » Gedichte und Bilder
 

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:11:11
Erschienen am:01.08.2001
Lesungen: 8619
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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