Alle Macht geht von der Gewohnheit aus

Robert Menasses nur teilweise geglückter Versuch, Österreich zu erklären

Von Philipp StelzelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Philipp Stelzel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Robert Menasses Essays über Österreich sind in vielerlei Hinsicht ein Lesevergnügen. Dies liegt vor allem an seiner bewundernswerten Formulierungskunst, die sich etwa dann zeigt, wenn Menasse über "Blut- und Loden"-Österreicher schimpft, die österreichische Politikerversion des "Machers" definiert - dieser "will nichts machen, wofür er vom Boulevard angemacht wird" - oder feststellt, in Österreich ginge "alle Macht von der Gewohnheit aus". Oft sind solche Beschreibungen nicht nur unterhaltsam, sondern auch zutreffend - aber leider nur oft, und keineswegs immer. Denn manchmal beschleicht den Leser das Gefühl, Menasse wolle sich um jeden Preis vom von ihm ausgemachten linken bzw. linksliberalen Mainstream abheben, ein Ziel, das wiederholt zu absurden Vergleichen und Prognosen führt.

Die in "Erklär mir Österreich" versammelten Beiträge, die ursprünglich in österreichischen, aber auch in deutschen und Schweizer Tages- und Wochenzeitungen erschienen sind, befassen sich vor allem mit der zwischen Oktober 1999 und Februar 2000 vollzogenen "Wende", dem Wechsel von der einst großen Koalition zwischen SPÖ und ÖVP zur Regierung aus ÖVP und FPÖ, sowie deren Vorgeschichte. Hierbei geht es Menasse um den Nachweis, dass die derzeitige politische Konstellation in Österreich viele Chancen eröffne, die nun zu nutzen seien. Ein Zurück zum Status quo ante ist für ihn weder realistisch noch wünschenswert. Vielmehr bezeichnet er die "Wende" als "demokratiepolitischen Fortschritt": Statt zwischen einer konservativen Regierung und einer rechten Opposition hätten die Österreicher nun zwischen ersterer und einer - angeblich starken - linken Opposition zu wählen. Zudem könnten sich sowohl die Sozialdemokratie als auch die Volkspartei wieder auf ihre programmatischen Wurzeln besinnen.

Ohne Zweifel war die österreichische Öffentlichkeit lange nicht mehr in solchem Maße politisiert wie seit der Jahreswende 1999/2000, und dies ist sicherlich positiv zu bewerten. Andererseits bleiben von den neuen Koalitionsoptionen, die Menasse auszumachen meint, bei genauer Prüfung lediglich eine und eine halbe übrig: Blau-Schwarz einerseits, Rot-Grün andererseits, aber letztere ist besonders angesichts des programmatischen und personellen Zustands der Sozialdemokratie frühestens in einigen Jahren zu erwarten. Selbstverständlich ist es wichtig, nach neuen Varianten Ausschau zu halten. Aber eine schwarz-grün-liberale Koalition wäre auch vor dem Niedergang des Liberalen Forums wegen der programmatischen Ausrichtung der Parteien nur in Wien, nicht aber auf Bundesebene möglich gewesen, und die von Menasse präsentierte, zweifellos interessante Ministerliste kann man nur grotesk nennen (Außenminister: Johannes Voggenhuber!).

Ferner diskutiert Menasse die Frage nach etwaigen Kontinuitäten zwischen der NS-Periode und der Zweiten Republik, die er fast in jeder Hinsicht bestreitet, denn "die Entnazifizierung produzierte einen radikalen Bruch in der öffentlichen Meinung über den Nationalsozialismus". Selbst wenn Menasse die "öffentliche" mit der "veröffentlichten" Meinung verwechselte, könnte man seiner These noch einiges entgegen halten. So aber - und in dieser Pauschalität erst recht - ist sie schlichtweg falsch. Natürlich blieben nach 1945 nicht alle Österreicher Nationalsozialisten, auch zuvor waren ja nicht alle hinter dem Regime gestanden. Dennoch lassen sich auch über die unmittelbare Nachkriegszeit hinaus zahlreiche personelle wie ideologische Kontinuitäten nachweisen. Für Menasse dient dieser unterstellte Bruch jedoch dazu, eine andere Kontinuität um so schärfer herauszuarbeiten: Diejenige zwischen dem Austrofaschismus (1934 - 1938) und der Zweiten Republik. Sie manifestiert sich seiner Meinung nach in mehrfacher Hinsicht, vor allem aber in Form der Sozialpartnerschaft. Dass diese neben ihren Errungenschaften auch demokratische Defizite aufweist, wird niemand bestreiten. Aber auf angebliche Parallelen zwischen der austrofaschistischen Verfassung von 1934 und der derzeitigen hinzuweisen, ist sinnlos, weil erstere nur auf dem Papier existierte, ihre Organe nie zum Einsatz kamen. Ganz abgesehen davon wurde während der austrofaschistischen Periode die Sozialdemokratie brutal unterdrückt - die Ständeharmonie war bloße Fiktion -, während die Sozialpartnerschaft gerade auf der Kooperation zwischen Sozialdemokraten und Christlichsozialen beruhte.

Diesen eher speziellen Einwänden ließen sich noch viele weitere anfügen: So ist die Behauptung, das Programm der FPÖ entspräche mehr oder weniger dem des linken Flügels der US-Republikaner, schon deshalb fragwürdig, weil offen bleibt, ob Menasse sich dabei auf die Wirtschaftsliberalen Grasser und Prinzhorn oder auf die Vertreter der "kleinen Leute" wie Haider oder Westenthaler bezieht. Und auch die Gleichsetzung des latent antisemitischen Anti-Kreisky-Wahlkampfes der ÖVP Ende der 1960er Jahre mit den in jeder Hinsicht extremeren Kampagnen der FPÖ unter Haider ist kaum haltbar.

Darüber hinaus ist jedoch auch grundsätzliche Kritik zu üben: Menasses Blick ist so auf Österreich beschränkt, dass er Zustände als spezifisch österreichisch - und als durch das politische System verursacht - klassifiziert, die sich ebenfalls in anderen Ländern ausmachen lassen. So ist etwa die Behauptung, Globalisierung lasse eine gestaltende Politik nicht mehr zu, keineswegs "eine Ausrede, die nur noch in Österreich ein heftig zustimmendes Kopfnicken auszulösen vermag", sondern auch anderswo in Europa ein vielstrapaziertes Argument.

Ferner kritisiert Menasse zwar vehement (und zu Recht) die eher schlichte These, Österreich stünde kurz vor dem Rückfall in den Faschismus, benutzt aber selbst - ähnlich undifferenziert - wiederholt den Begriff "Alltagsfaschismus", um das in Österreich als "Freunderlwirtschaft" existierende System von (Partei-) Beziehungen zu charakterisieren. Hier wäre etwas mehr sprachliche Sensibilität durchaus angebracht. Ob man darüber hinaus die Ankündigung der katholischen Bischofskonferenz, sich in Zukunft wieder stärker an politischen Debatten zu beteiligen, im Hinblick auf die Rolle der Kirche während des Austrofaschismus als "Wiederbetätigung" bezeichnen muss, sei dahingestellt.

Insgesamt ergibt sich daher ein zwiespältiges Fazit: Robert Menasse hat sprachlich brillante Essays geschrieben, die sich jedoch nicht nur durch treffende Beobachtungen und Analysen, sondern auch durch schiefe Vergleiche und eine oftmals wenig differenzierte Argumentation auszeichnen.

Titelbild

Robert Menasse: Erklär mir Österreich. Essays zur österreichischen Geschichte.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2000.
175 Seiten, 8,10 EUR.
ISBN-10: 3518396617

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