Am Nullpunkt der Registratur

Mela Hartwigs Roman "Bin ich ein überflüssiger Mensch?" erscheint mit siebzig Jahren Verspätung

Von Jutta Person

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Stenotypistinnen und Bürofräulein sind die Galionsfiguren der Moderne. Sie verwachsen mit ihren Schreibmaschinen, Parlo- oder Phonographen zu einem einzigen Apparat und kombinieren damit zwei der wichtigsten erotischen Wunschmaschinen: "Natur" und "Technik". Sie bedienen mächtige Hebel, ohne jemals selbst etwas zu produzieren. Sie sehen alle aus, wie man sich eine sogenannte moderne Frau wünscht. Und auch jenseits des Büros ähneln sie sich wie ein Automatenbuffetbrötchen dem anderen: Zusammen mit den "kleinen Ladenmädchen" gehen sie ins Kino und lassen sich von Sentimentalitäten einwickeln, wie Siegfried Kracauer 1927 schreibt. Sie lesen schlechte Romane, ergattern hin und wieder eine billige Theaterkarte und träumen davon, Schauspielerin zu werden.

Luise Schmidt, Ich-Erzählerin in Mela Hartwigs Romanmanuskript von 1931, ist ein perfektes Durchschnittsexemplar: Büroarbeit, Bühnensehnsucht und unglückliche Liebschaften sind die drei Säulen ihrer Existenz. "Bin ich ein überflüssiger Mensch?" wurde 1933 vom Zsolnay Verlag mit dem Hinweis auf den veränderten Geschmack "des deutschen Lesepublikums und besonders der deutschen Frau" abgelehnt und erscheint jetzt erstmals bei Droschl. 1929 hatte die von Alfred Döblin geförderte Schauspielerin, Schriftstellerin und spätere Malerin noch den Roman "Das Weib ist ein Nichts" veröffentlichen können; doch in den dreißiger Jahren geriet sie, auch durch das Londoner Exil, in Vergessenheit - zu Unrecht. Mit ihrem zweiten Roman wird eine literarisch inszenierte Neurose wieder zugänglich, die den Abgrund der Normalität mit großer Scharfsicht und Raffinesse beschreibt. Denn die erzählende Stenotypistin tritt den Beweis ihrer Durchschnittlichkeit, Ersetzbarkeit und Überflüssigkeit mit mathematischer Strenge an: "Ich bin verzweifelt ehrgeizig, obwohl ich Ursache genug hätte, bescheiden zu sein. Ich muß zugeben, daß ich alle Ursache hätte, das Defizit, das zwischen meinen Fähigkeiten und meinen Ansprüchen liegt, durch Genügsamkeit auszugleichen."

Luise Schmidt untersucht ihre Kindheit und Jugend vom Ersten Weltkrieg bis in die Wirtschaftskrise, die immer gleichen Bürowüsten, in denen sie lustlos herumstenographiert, die erotischen Reinfälle mit Medizinstudenten, Buchhaltern und Gigolos vor dem Hintergrund ihrer allumfassenden Nutzlosigkeit. Mangelndes Selbstvertrauen, Trägheit des Herzens, Empfindungs- und Schicksalslosigkeit sind die Hauptanklagepunkte eines Prozesses, den sie mit größter Präzision und Nüchternheit gegen sich selbst führt. Ihrer Umwelt begegnet sie mit tiefem Misstrauen: Männliche Beachtung beruht auf einem Irrtum oder niedrigen Motiven, denn es gibt einfach keinen Grund, sich für sie zu interessieren. Dass sie sich in ihren kühlen Chef verliebt, hat ebenso Methode wie die rituellen Bescheidenheitsformeln, die den Roman durchziehen. Luise Schmidt ist ein maßloses Opferlamm. Indem sie den eigenen Unwert immer wieder durchrechnet, erfasst sie die strukturelle Leerstelle, die ihr zugewiesen ist. Sie hat erkannt, dass Bedeutung durch einen initialen Akt von Selbstüberschätzung entsteht: Die anderen sind nur deshalb keine Nullen, weil sie es nicht begriffen haben.

Otto Weininger hatte bereits 1903 darauf bestanden, dass sich hinter dem Prinzip W wie weiblich grundsätzlich Nichts verbirgt. Bewusstlosigkeit, fehlende Tiefe und das Aufgehen im Apparat als Eigenschaften des Weiblichen sind aber ebenfalls symbolische Kennzeichen der modernen Masse im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Die Typewriters, womit im Englischen nicht nur die Geräte, sondern auch ihre Benutzerinnen bezeichnet wurden, stehen im Schnittpunkt von Weiblichkeitsmythen und Angestelltenmassen. Im Büro und in der Literatur sind ihre vielfältigen Schicksale bald unentbehrlich: Doris, das "kunstseidene Mädchen", verlässt ihre "Hopfenstange von Rechtsanwalt", um Schauspielerin zu werden. Die brave Cornelia aus Kästners "Fabian" volontiert in einer Vertragsabteilung und endet in den Fängen eines Filmproduzenten. Auch Martin Kessels kürzlich wiederentdeckter Büroroman entwickelt ein sozialpsychologisches Szenario, in dem die Angestellten als Chronisten ihrer Zeit sprechen. Und vor allem Kafkas Briefe an Felice sind wesentlich von ihrer Bürotätigkeit inspiriert; die Antwortbriefe der technisch versierten Verlobten sind leider nicht erhalten. "Bin ich ein überflüssiger Mensch?" fügt den literarischen Bürogeräuschen vom Ersten bis zum Zweiten Weltkrieg eine wichtige Stimme hinzu. Die virtuosen Geständnispraktiken Luise Schmidts lassen vermuten, dass in der Literatur über den ornamentalen Charakter der Masse noch weit mehr reflektiert wurde als bisher angenommen. Mela Hartwigs Neurotikerinnen sind aus dieser modernen Galerie der Selbstregistratur nicht mehr wegzudenken.

Titelbild

Mela Hartwig: Bin ich ein überflüssiger Mensch?
Literaturverlag Droschl, Graz 2001.
168 Seiten, 18,40 EUR.
ISBN-10: 3854205740

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