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 literaturkritik.de » Nr. 1, Januar 2002 (4. Jahrgang) » Fremdsprachige Literatur » englisch und amerikanisch
 
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Die Vergangenheit als Gefährtin

Ein neuer Roman von Anita Shreve - tief bewegend und unvergleichlich einfühlsam

Von Franziska Paar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Liebe [ist] nicht einfach die Summe zärtlicher Begrüßungen und schmerzhafter Abschiede, von Küssen und Umarmungen [...], sondern zum größten Teil das Produkt der Erinnerung an das, was war, und der Vorstellung von dem, was sein wird."

Was macht die Liebe zu einem einzigartigen und unvergesslichen Erleben? Wie weit kann die Liebe und das Sichverzehren nach einem Menschen gehen? Liebe gilt als die tiefste menschliche Empfindung und stellt ein Phänomen dar, das in seiner Natürlichkeit für alle Menschen erfahrbar ist. In ihren verschiedenen Gesichtern und Facetten ist die Liebe zu allen Zeiten Spiegel der gesellschaftlichen Zustände. Wie hat eine Liebesbeziehung im 19. Jahrhundert ausgesehen und vor welche Schwierigkeiten und Hindernisse stellte sie die Liebenden?

Im Alter von fünfzehn Jahren erlebt Olympia Biddeford das Gefühl, geliebt zu werden und selbst zu lieben. Olympias Vater, ein vermögender Mann, der als Herausgeber einer literarischen Zeitschrift tätig ist und sich in den vergangenen sechs Jahren in besonderem Maße der geistigen und seelischen Entwicklung seiner Tochter gewidmet hat, gibt während der Sommermonate für Bekannte und Freunde der Literatur, Musik und Architektur Feste, auf denen den Anwesenden die Möglichkeit zu ausführlichen Gesprächen und hitzigen Debatten geboten bekommen.

Im Sommerhaus ihres Vaters in Fortune's Rocks, an der Küste von New Hampshire, lernt Olympia im Jahre 1899 den 41-jährigen Mediziner und Freund ihres Vaters, John Warren Haskell, und seine Familie kennen. Durch ihren Vater wird sie mit dem Denken von John Haskell vertraut gemacht. In seinen Essays und Abhandlungen schildert Haskell die Lebensbedingungen der Fabrikarbeiter, für deren Verbesserung er sich während der Fertigstellung seines Sommerhauses in Fortune's Rocks einsetzt. Haskell engagiert sich im Krankenhaus von Ely Falls und Olympia, die eine über ihr Alter hinausgehende Reife und Intelligenz besitzt, fühlt sich in seiner Gesellschaft in einen ,Schwebezustand' versetzt und ahnt, dass sich ihr Leben grundlegend verändern wird.

Bereits bei ihrer ersten Begegnung empfinden beide eine so unbeschreiblich tiefe emotionale und geistige Verbundenheit füreinander, die es ihnen unmöglich macht, ihr Leben wie bisher weiterzuführen. Beiden erscheint das Leben ohne den anderen wertlos und unvollkommen. So ergeben sich Momente der Zweisamkeit, in denen Olympia und John Haskell die Begierde erleben, "die den Atem stocken lässt, die mitten in der Äußerung eines Satzes eine Pause der Gedankenverlorenheit fordert." Bisweilen verfinstern die Gedanken an Catherine Haskell, John Haskells Frau und seine Kinder sowie Olympias Eltern die Vollkommenheit ihrer Liebe. Gegen ihr seelisches und körperliches Verlangen können und wollen sich beide nicht wehren.

"Doch in das Schuldgefühl mischt sich eine seltsame Verzückung, in ein Verharren im Hier und Jetzt, ohne einen Gedanken an das, was kommen wird; und dazu das klare Gefühl, etwas zu besitzen, was ihr nicht genommen werden kann." Nach sechs Wochen, in denen Olympia und John Haskell in jeder freien Minute zusammen gewesen sind, gibt Phillip Biddeford ein Fest zu Olympias 16. Geburtstag, zu dem auch Catherine Haskell geladen ist. Dabei entdeckt sie die beiden Liebenden und der Abend endet unverhofft tragisch für alle Beteiligten. Am nächsten Morgen verlassen die Biddefords ihr Ferienhaus und fahren zurück nach Boston, wo Olympia ihre Strafe antritt: abgeschieden von der Außenwelt zu leben und sich Gedanken zu machen, wie ihre Zukunft noch zu retten ist.

Anita Shreve verwendet Naturbilder, die Olympias innere Verfassung widerspiegeln. Sie gelangt jedoch im Verlaufe ihres Lebens zu der Erkenntnis, dass selbst Naturkatastrophen eine eigene Schönheit hervorbringen und menschliche Schicksale die Natur unberührt lassen. "Hinter dem Glas und der feinen Salzlasur der Gischt lag der Atlantik unter einer Haube aus opalisierendem Dunst. In der Ferne waren kleine Inseln, fast schwebend über der Linie des Horizonts."

Nach einigen Wochen bemerkt sie, dass sie ein Kind erwartet. Auch das wird ihr genommen und man schickt sie in ein Seminar für junge Frauen nach Fairbanks, Massachusetts. Nach drei Jahren kehrt sie nach Fortune's Rocks zurück, den einzigen Ort, an dem sie sich jemals glücklich gefühlt hat.

Wie wäre die Liebesbeziehung, die auf einer wahren Begebenheit beruht, wohl verlaufen, wenn sich die Protagonisten erst im 20. Jahrhundert begegnet wären?

Die Lebensweise der Menschen im 19. Jahrhundert sowie die gesellschaftlichen und politischen Zustände sind für den Handlungsverlauf prägend. Durch sie erfährt der Leser einerseits von den unzumutbaren Verhältnissen in den Fabriken und im Leben der eingewanderten Fabrikarbeiter, andererseits vom Lebensstil und den ungeschriebenen gesellschaftlichen Gesetzen der oberen Schichten.

Anita Shreve ist eine international anerkannte Schriftstellerin, ihre Erzählungen erschienen in der "New York Times", in "Cosmopolitan" und "Esquire". Zwei Romane, "Das Gewicht des Wassers" und "Die Frau des Piloten", waren auch in Deutschland erfolgreich. Die Liebe in ihrer unterschiedlichen Gestalt ist auch Thema in Shreves Romanen "Gefesselt in Seide" und "Eine gefangene Liebe", die jedoch mit "Olympia" vergleichbar sind.

Titelbild

Anita Shreve: Olympia. Roman.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Mechthild Sandberg.
Piper Verlag, München 2001.
480 Seiten, 10,20 EUR.
ISBN-10: 3492233503

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 literaturkritik.de » Nr. 1, Januar 2002 (4. Jahrgang) » Fremdsprachige Literatur » englisch und amerikanisch
 

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:11:36
Erschienen am:01.01.2002
Lesungen: 3789
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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