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 literaturkritik.de » Nr. 12, Dezember 2001 (3. Jahrgang) » Vermischtes
 
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Keine Laudatio

Eine Dokumentation über den Wilhelm-Raabe-Preis für Rainald Goetz

Von Helge Schmid

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als Rainald Goetz heuer den Wilhelm-Raabe-Preis der Stadt Braunschweig erhalten sollte, suchte er sich den Volkswirt Jürgen Kaube als Laudator aus.

Ausgerechnet einen Volkswirt. Einen Mann, der sich nie zuvor mit dem Œuvre des Ausgezeichneten beschäftigt hatte, keines seiner Bücher je gelesen oder gar besprochen hatte und auch gar nicht auf die Idee gekommen wäre, es zu tun.

Ein Glücksgriff. Denn Kaube entwickelte in seinem Vortrag ein längeres Gedankenspiel über das Verhältnis von Wahrheit und Erfindung in der Literatur seit Daniel Defoe. 1724 hatte Defoe seinen Roman "Roxana" publiziert und behauptet, er beruhe auf "Wahrheit und Tasachen", sei also "not a story, but a history".

1999 hatte Rainald Goetz seine zuvor als Tagebuch erschienene Textsammlung "Abfall für alle" in Buchform veröffentlicht und behauptet, es handele sich bei seinem Werk um den "Roman eines Jahres".

Eine Immunisierungsstrategie? Goetz, dessen Manuskripte im Suhrkamp Verlag vermutlich nicht von einem Lektor, sondern von einem Anwalt gelesen werden, hat sich in seinem Roman "Abfall für alle" mit unserer Mediengesellschaft und ihren Protagonisten auseinandergesetzt. Die sind dabei nicht immer gut weggekommen, wie etwa Jürgen Lottmann, Klaus Podak und Franz Josef Wagner erfahren mussten - nun, sie werden das Ihrige dazu beigetragen haben.

Hier, bei Goetz, wird das Reale als Fiktion ausgewiesen - würde er damit vor Gericht durchkommen? 1979 gewann ein amerikanischer 'Nackttherapeut' einen Prozess gegen die Romanschriftstellerin Gwen Davis; der Supreme Court stellte fest, dass ein Werk "nur dann fiktional" sei, "wenn darin keinerlei Ähnlichkeit zwischen Literatur und Leben" bestehe. Wenn deutsche Gerichte so entscheiden würden, hätte Rainald Goetz schlechte Karten. Denn die Ähnlichkeiten zwischen seinen Protagonisten und den realen Figuren sind verblüffend, ja der Leser stößt auf eine Welt, die ihm - angefangen bei den zahllosen Namen - so vertraut ist, dass er sie unmöglich als erfunden akzeptieren kann.

Die Literaturtheorie der 80er Jahre ist zu dem Schluss gekommen, dass in einer überschaubar gewordenen Welt der Wahrscheinlichkeitsspielraum kleiner geworden sei: alles Erfundene sei sofort überprüfbar, könne an der Wirklichkeit gemessen und ggf. zurückgewiesen werden. Goetz zeigt das Gegenteil: Auch die noch so vernetzte, medialisierte und überwachte Welt ist nicht kontrollierbar, und es wird zunehmend unmöglich, Wahrheit und Fiktion gegeneinander abzugrenzen. Schon die in "Abfall" verarbeitete Datenmenge ist dafür einfach zu groß.

Jürgen Kaube nannte seine Laudatio "Keine Lobrede". Offenbar ein Volkswirt, der etwas von doppelter Buchführung versteht.

Titelbild

Rainald Goetz trifft Wilhelm Raabe. Der Wilhelm-Raabe-Preis - Seine Geschichte und Aktualität.
Herausgegeben von Hubert Winkels.
Wallstein Verlag, Göttingen 2001.
128 Seiten, 17,40 EUR.
ISBN-10: 3892444897

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:11:38
Erschienen am:01.12.2001
Lesungen: 5036
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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