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 literaturkritik.de » Nr. 1, Januar 2002 (4. Jahrgang) » Deutschsprachige Literatur » Deutsche Gegenwartsliteratur
 
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Abenteuerurlaub

Christian Mährs Roman birgt mehr als eine unglaubliche, fabelhafte Geschichte

Von Doris BetzlRSS-Newsfeed neuer Artikel von Doris Betzl

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Eine eigenartige Insel ist es, die sich, wir wissen nicht genau wo, am Horizont erhebt: schwarz leuchtend, mit silbrig glänzendem Rand. Ihre vage Schönheit wird allerdings nicht jedem zuteil - fünf Urlaubern nur, um genau zu sein. Sie ist die achte im Archipel von sieben auf der Karte verzeichneten Inseln. Und sie birgt mehr als nur das Geheimnis um ihre Existenz.

Ein österreichischer Schriftsteller ist der letzte Überlebende einer Reisegruppe, die sich vor Jahren der Insel genähert hatte. Der Urlaub, der so ungeahnte Ereignisse mit sich zog, führt ihn jetzt zurück an den Ort des Geschehens. Und dann erinnert er sich an die seltsamen Ereignisse, die mit dem Erscheinen von "San Borondon" ihren Lauf nahmen.

Der Autor Christian Mähr, 1952 in Vorarlberg geboren, hat ein Händchen für Geschichten vom Wunderbaren: Bereits seine Romane "Fatous Staub" (1991) und "Simon fliegt" (1998) schwelgen auf lakonisch-hintergründige Art im Über-, Zwischen- und Andersweltlichen, sehr zum Wohlgefallen der Kritiker.

In feiner Manier entspinnen sich nun in Mährs aktuellem Roman "Die letze Insel" verschiedene Geschichten in der Retrospektive: Nicht nur die der wundersamen Insel, sondern auch die der Urlauber. Sie waren - mehr oder minder zufällig - alle zusammen angereist: Ein Apotheker samt Familie, ein verhinderter Pfarrer, eine Journalistin, eine reiche Witwe und ein Schriftsteller mit seiner (Noch-)Ehefrau.

Die Figuren beobachten einander. Kein allwissender Erzähler weiht uns ein in Dinge, die die Personen selbst nicht wissen: Wir lernen die Figuren durch die Augen der anderen kennen. Der Fortschritt der Handlung vollzieht sich in wechselnden Perspektiven: Während sich Erzählstränge entwirren, finden sich andere Begebenheiten merkwürdig geleitet, wie Fragmente eines Puzzlespiels zusammen - dabei bleiben die Rätsel der Geschichte beinahe bis zum Schluss des Romans bestehen. Und manches Geheimnis reicht darüber hinaus.

Auf zauberhafte, unaufdringliche Weise mischen sich verschiedene Realitätsebenen, Dinge, die eigentlich nicht geschehen können, ereignen sich geradezu beiläufig. Eine ganze Reihe von Toten - so viel sei verraten - bevölkert die Räume, einige Figuren verschwinden auf Nimmerwiedersehen, andere erscheinen unverhofft auf der Bildfläche. Gleichzeitig verleiht die beinahe resignative Behäbigkeit des Protagonisten dem Roman eine nur allzu weltliche Seite: "Es beginnt nun der schwierigste Teil meines Berichtes. Zuviel passierte gleichzeitig, und es passierte auch zuviel, von dem ich erst im Nachhinein erfuhr. Dies plausibel darzustellen, erfordert ein gefinkeltes Spiel von Schauplatzwechseln und ineinander verschränkten Erzählzeiten, damit der Leser mitbekommt, was erstens, zweitens, drittens kam; und genau dies kann ich nicht und konnte ich nie und werde ich nie können. Meine eigenen Plots habe ich natürlich immer so angelegt, daß höchstens eine Sache gleichzeitig passierte".

"Die letzte Insel" ist wie ein Krimi, aber auch wie ein Märchen. Dies ist tatsächlich ein Buch zum Augenreiben. Christian Mähr macht seinem Namen alle Ehre.

Titelbild

Christian Mähr: Die letzte Insel. Roman.
DuMont Buchverlag, Köln 2001.
216 Seiten, 20,30 EUR.
ISBN-10: 3770155513

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:11:40
Erschienen am:01.01.2002
Lesungen: 2626
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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