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 literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2002 » Schwerpunkt: Literarische Moderne I » Thomas Mann
 
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Das Urverbrechen und die Kultur

Michael Maars Mutmaßungen über Thomas Mann

Von Rouven Obst

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Kultur und Zivilisation. Die Deutschen hatten seit der französischen Revolution immer schon tieferes im Sinn als die profane Zivilisation ihrer Nachbarn; bis ihr Konzept blutig widerlegt wurde. Die werknahe Untersuchung "Das Blaubartzimmer. Thomas Mann und die Schuld" von Michael Maar lässt uns eine rote Spur, eine Blutspur, einen roten Faden durch das Werk von Thomas Mann gewahr werden. Nicht von einer Bluttat Thomas Manns soll die Rede sein wie vorrangig bei Maar, das ist auch völlig belangloses Mutmaßen und sekundär - sondern von der Kultur, die im Angesicht des Todes geboren wird als Gegenspielerin der Zivilisation, die nach Thomas Mann oberflächliche Humanitätsduselei darstellt.

Das ist der eigentlich interessante Verdienst Maars, dieses problematische deutsche Grundverständnis von Kultur bei Thomas Mann herausgearbeitet zu haben, das sich im ganzen Werk manifestiert; es nicht als problematisch erkannt zu haben seine Schande. Denn dagegen ist der Schuldverdacht als persönliche Triebfeder des Schreibens geradezu langweilige Klatschpresse in aufwendigem Suhrkamp-Gewand aus Leinen. Außerdem ist der Versuch des autobiographischen Lesens des Gesamtwerks zwar durch Thomas Manns Stellungnahmen gedeckt, jedoch nicht mit einem modernen Literaturverständnis vereinbar und in diesem Umfang schier gewollt.

Das "humoristische Haupt- und Meisterwerk" Thomas Manns, "Joseph und seine Brüder", versinnbildlicht schließlich den Ausgang der Menschen aus der Bluttat, das Urverbrechen, und den Eingang in die Kultur, das Bekennen. Somit geht es um vielmehr als um Thomas Manns persönliche Schuld - es geht um Schuld schlechthin, wie es der Untertitel bei Maar verrät. "Thomas Mann und die Schuld". Eben das macht das Buch lesenswert. Auch Klatsch und Tratsch hat seinen tieferen Sinn; Schuldzuweisungen sind immer Entlastungen von der eigenen Verantwortung.

An der Schuld tragen wir schwer, wenn wir Thomas Manns Werk Glauben schenken dürfen. Denn mit Arnold Gehlen gesprochen ist der Mensch "das gefährdete oder ,riskierte' Wesen, mit einer konstitutionellen Chance zu verunglücken". Unsere Kultur steht somit immer auch am Abgrund. Und die Reinigung? "Wo das wirkliche Schuldbewusstsein untilgbarer Stachel ist, da wird das Selbstbewusstsein in eine neue Gestalt gezwungen", wusste schon Karl Jaspers. Das epochale Werk Thomas Manns ist eine solche Gestalt, geschult am Auge des Verfalls. Für diese These spricht nicht nur eine Indizienkette, sondern sprechen unzählige Opfer seit Menschengedenken. Gnade sei mit uns. Oder doch lieber Zivilisation?

Titelbild

Michael Maar: Das Blaubartzimmer. Thomas Mann und die Schuld.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2000.
132 Seiten, 17,80 EUR.
ISBN-10: 3518412086

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:11:50
Erschienen am:01.02.2002
Lesungen: 5828
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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